oben Dschen, das Erregende, Donner · unten Dui, das Heitere, See
Es geht um eine Verbindung, die auf Zuneigung beruht, eine Freundschaft oder eine Liebe. Das Zeichen stammt aus einer alten Familienordnung, in der eine junge Frau in ein Haus kommt, ohne den ersten Platz zu haben. Das gilt für alle freien Verbindungen unter Menschen: Sie beruhen in ihrer Dauer „rein auf taktvoller Zurückhaltung“. Behalte im Auge, wohin die Verbindung dauerhaft führen soll, und dräng nicht. Unternimm nichts eigenmächtig; Unternehmungen gehen hier schlecht aus, sagt das Urteil. Wer sich treiben lässt, kommt zusammen und geht wieder auseinander, wie es der Tag fügt.
Wohin soll diese Verbindung auf Dauer führen, und wo drängst Du gerade?
Oben ist Dschen, der älteste Sohn, unten Dui, die jüngste Tochter. Der Mann geht voran, das Mädchen folgt ihm erfreut. Es wird der Eintritt des Mädchens in das Haus des Mannes geschildert. Es gibt im ganzen vier Zeichen, die die Beziehungen zwischen Gatten schildern. Nr. 31, Hiën, »allseitiger Einfluß«, schildert die Anziehung, die ein junges Paar aufeinander ausübt. Nr. 32, Hong, »die Dauer«, schildert die dauernden Verhältnisse der Ehe. Nr. 53, Dsiën, »die Entwicklung«, schildert die zögernden und zeremoniellen Vorgänge beim Abschluß einer korrekten Ehe. Gui Me, »die Heirat des Mädchens«, endlich zeigt einen älteren Mann, dem ein junges Mädchen zur Ehe folgt.
Bemerkung: In China herrscht formell die Einehe. Jeder Mann hat nur eine offizielle Frau. Diese Verbindung, die weniger die beiden Beteiligten als die Familien angeht, wird unter strenger Beobachtung der Formen geschlossen. Doch behält der Mann das Recht, auch den zarteren Neigungen persönlicher Art Gehör zu schenken. Ja es ist die schönste Pflicht einer guten Frau, ihm darin behilflich zu sein. Auf diese Weise wird das Verhältnis ein schönes und offenes. Das Mädchen, das nach der Wahl des Mannes in die Familie eintritt, ordnet sich der Hausfrau bescheiden unter als jüngere Schwester. Selbstverständlich handelt es sich hier um sehr heikle und zarte Fragen, die viel Takt auf jeder Seite erfordern. Doch wenn die Umstände günstig sind, findet sich hier die Lösung eines Problems, die der europäischen Kultur nicht gelungen ist. Selbstverständlich entspricht die Weiblichkeit in China so wenig dem Ideal, wie die Ehen in Europa durchschnittlich im Einklang mit den europäischen Eheidealen sind.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Das heiratende Mädchen.Unternehmungen bringen Unheil.Nichts, das fördernd wäre.
Ein Mädchen, das in die Familie aufgenommen ist, ohne Hauptfrau zu sein, muß sich besonders vorsichtig und zurückhaltend benehmen. Es darf sich nicht von sich aus aufmachen, um die Hausfrau zu verdrängen, denn das würde Unordnung bedeuten, und man käme dadurch in unhaltbare Verhältnisse.
Das bezieht sich auf alle freien Verhältnisse unter Menschen. Während die rechtlich geordneten Verhältnisse einen festen Zusammenhang von Pflichten und Rechten aufweisen, beruhen die Neigungsverhältnisse der Menschen in ihrer Dauer rein auf taktvoller Zurückhaltung.
Diese Neigung als Prinzip der Beziehungen ist von größter Bedeutung in allen Verhältnissen der Welt, denn aus der Vereinigung von Himmel und Erde kommt der Bestand der ganzen Natur, und ebenso ist unter den Menschen die freie Neigung als Prinzip der Vereinigung Anfang und Ende.
Oberhalb des Sees ist der Donner:das Bild des heiratenden Mädchens.So erkennt der Edle durch die Ewigkeit des Endes das Vergängliche.
Der Donner erregt das Wasser des Sees, das ihm in schimmernden Wellen folgt. Das ist das Bild des Mädchens, das dem Manne seiner Wahl folgt. Allein jede Verbindung von Menschen untereinander schließt die Gefahr in sich, daß sich Verirrungen einschleichen, die zu endlosen Mißverständnissen und Unzuträglichkeiten führen. Darum gilt es, das Ende dauernd in Betracht zu ziehen. Wenn man sich treiben läßt, kommt man zusammen und geht wieder auseinander, wie es der Tag fügt. Wenn man dagegen ein dauerhaftes Ende ins Auge faßt, so wird es einem gelingen, die Klippen zu umgehen, die näheren Beziehungen der Menschen untereinander entgegenstehen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Das heiratende Mädchen als Nebenfrau.Ein Lahmer, der auftreten kann.Unternehmungen bringen Heil.
Gemeint ist jemand, der in eine bestehende Ordnung eintritt und nach außen hinter anderen zurückstehen muss, etwa als enger Vertrauter neben dem offiziellen Amtsträger. Das behindert wie ein lahmes Bein. Verhalte Dich taktvoll, ohne Dich selbst aufzugeben; durch die Güte Deines Wesens kannst Du trotzdem etwas ausrichten, und was Du unternimmst, geht gut aus.
Die Fürsten des Altertums hatten eine feste Rangordnung unter den Palastdamen, die der Königin unterstellt waren wie die jüngeren Schwestern der ältesten. Sie waren auch vielfach aus der Familie der Königin, die sie selbst ihrem Gatten zuführte.
Der Sinn ist der, daß ein junges Mädchen, wenn sie im Einverständnis mit der Ehefrau in eine Familie eintritt, dieser nach außen hin nicht gleichsteht, sondern bescheiden zurücktreten wird. Aber wenn sie es versteht, sich in den Zusammenhang einzufügen, so bekommt sie eine Stellung, die durchaus befriedigend ist, und sie wird sich geborgen fühlen in der Liebe des Gatten, dem sie Kinder bringt.
Dieselbe Bedeutung ergibt sich in den Beziehungen von Beamten. Ein Fürst hat vielleicht einen Mann, mit dem er persönlich befreundet ist und den er in sein Vertrauen zieht. Dieser Mann muß taktvollerweise nach außen hin zurücktreten hinter den offiziellen Staatsminister. Aber obwohl er durch diese Stellung gehindert ist wie ein Lahmer, kann er doch etwas ausrichten durch die Güte seines Wesens.
Ein Einäugiger, der sehen kann.Fördernd ist die Beharrlichkeit eines einsamen Menschen.
Der Mensch der eigenen Wahl hat enttäuscht oder ist fort, und man bleibt allein zurück. Wie ein Einäugiger noch sehen kann, bleibt das innere Licht der Treue erhalten. Halte an Deiner Treue fest, auch in der Einsamkeit; die Beharrlichkeit eines einsamen Menschen nennt die Linie fördernd.
Die Lage ist hier so, daß das Mädchen sich mit einem Manne verbunden hat, der sie enttäuscht. Mann und Frau sollen zusammenwirken wie die beiden Augen. Hier ist das Mädchen einsam zurückgeblieben. Der Mann ihrer Wahl ist entweder untreu geworden oder gestorben. Aber sie verliert das innere Licht der Treue nicht. Ob auch das andere Auge erloschen ist, sie hält die Treue fest auch in der Einsamkeit.
Das heiratende Mädchen als Sklavin.Sie heiratet als Nebenfrau.
Wer allzu sehr nach Freuden verlangt, die auf normalem Weg nicht zu haben sind, gerät in eine Lage, die mit der eigenen Würde nicht ganz verträglich ist. Die Linie urteilt und warnt nicht, sie deckt nur auf. Frag Dich, ob Du gerade um eines Wunsches willen unter Deinem Wert unterkommst, und zieh selbst Deine Lehre daraus.
Ein Mädchen, das sich in geringer Stellung befindet und keinen Mann bekommt, kann als Nebenfrau unter Umständen noch unterkommen.
Die Situation ist die, daß man allzusehr nach Freuden begehrt, die man auf normalem Weg nicht erlangen kann. So gibt man sich in eine Lage hinein, die mit der eigenen Würde sich nicht ganz verträgt. Es wird weder ein Urteil noch eine Warnung beigefügt, sondern einfach die Situation als solche aufgedeckt, so daß sich jeder selbst die Lehre daraus ziehen kann.
Das heiratende Mädchen verzögert die Frist.Eine späte Heirat kommt zu ihrer Zeit.
Hier wartet jemand, der sich nicht wegwerfen will, länger als üblich und versäumt darüber die gewohnte Zeit. Das schadet nicht; diese Reinheit wird belohnt. Bleib bei Deinem Anspruch, auch wenn andere schneller sind. Was zu Dir gehört, kommt spät, aber zu seiner Zeit.
Das Mädchen ist sehr gut, will sich nicht wegwerfen und versäumt darüber die übliche Zeit der Ehe. Das schadet aber nichts. Sie wird für ihre Reinheit belohnt und findet schließlich, wenn auch spät, doch noch den für sie bestimmten Gatten.
Der Herrscher I verheiratet seine Tochter.Da waren die gestickten Kleider der Fürstin nicht so prächtig wie die der Dienerin.Der Mond, der fast voll ist, bringt Heil.
Jemand von hohem Rang begibt sich in bescheidene Verhältnisse und passt sich mit Anmut an, frei von der Eitelkeit äußeren Schmucks. Er stellt sich zurück wie der fast volle Mond, der der Sonne nicht direkt gegenübertritt. Lass Deinen Rang in einer neuen Lage zurücktreten und pass Dich ohne Eitelkeit an; das geht gut aus.
Der Herrscher I ist Tang, der Vollender. Er hat ein Gesetz erlassen, daß die kaiserlichen Prinzessinnen in der Ehe ebenfalls ihren Männern untertan sein müssen (vgl. Nr. 11, Strich 5). Der Kaiser wartet nicht auf Werbung, sondern gibt seine Tochter nach freiem Ermessen in die Ehe. Darum ist die Initiative auf Seiten der Familie des Mädchens hier in der Ordnung.
Wir sehen hier ein Mädchen vornehmer Abkunft, die in bescheidene Verhältnisse heiratet und sich mit Anmut der neuen Lage anzupassen versteht. Sie ist frei von aller Eitelkeit äußeren Schmuckes, vergißt ihren Rang in der Ehe und stellt sich unter ihren Gatten, wie der Mond, der noch nicht ganz voll ist, der Sonne nicht direkt gegenübertritt.
Die Frau hält den Korb, aber es sind keine Früchte darin.Der Mann sticht das Schaf, aber es fließt kein Blut.Nichts, das fördernd wäre.
Die Formen werden nur noch zum Schein erfüllt: ein leerer Korb, ein Opfer ohne Blut. Wo die innere Haltung fehlt und nur der Anschein gewahrt wird, verheißt das kein Glück für die Verbindung. Frag Dich, ob in Deiner Beziehung oder Aufgabe noch Ernst steckt; leere Gesten tragen hier nichts.
Beim Opfer für die Ahnen mußte die Frau die Früchte in einem Korb darbringen, der Mann persönlich das Opfertier schlachten. Hier werden die Formen nur oberflächlich erfüllt. Die Frau nimmt einen leeren Korb, der Mann sticht ein schon vorher geschlachtetes Schaf, nur eben um die Form zu wahren. Aber diese unfromme, frivole Gesinnung verheißt kein Glück für die Ehe.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.