oben Sun, das Sanfte, Wind · unten Gen, das Stillehalten, Berg
Das Zeichen beschreibt eine langsame Entwicklung, etwa einer Beziehung, einer Arbeit oder eines Ansehens. Auf dem Berg wächst ein Baum, weithin sichtbar und langsam. Es ist wie bei einer Hochzeit im alten China, bei der erst alle Formen erfüllt sein müssen. Keine plötzliche Beeinflussung ist nach ihm nachhaltig; nur Beständigkeit bewirkt, dass der langsame Fortschritt sich nicht im Sande verläuft. Geh Schritt für Schritt in der richtigen Reihenfolge vor und arbeite stetig an Dir selbst; so geht es gut aus. Überstürztes Vorgehen und Abkürzungen halten hier nicht.
Welcher Schritt ist in Deiner Sache als nächster an der Reihe, und welchen möchtest Du überspringen?
Das Zeichen besteht aus Sun (Holz, Eindringen) oben bzw. außen und Gen (Berg, Stille) unten bzw. innen. Ein Baum auf dem Berg entwickelt sich langsam und ordnungsgemäß, infolge davon steht er festgewurzelt. Dadurch ergibt sich der Gedanke der Entwicklung, die Schritt für Schritt allmählich weitergeht. Auch die Eigenschaften der Figuren deuten darauf hin: Innen ist Ruhe, die vor Unbesonnenheiten schützt, und außen Eindringen, das die Entwicklung und den Fortschritt ermöglicht.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Entwicklung. Das Mädchen wird verheiratet. Heil!Fördernd ist Beharrlichkeit.
Zögernd ist die Entwicklung, die dazu führt, daß das Mädchen dem Mann in sein Heim folgt. Es müssen die verschiedenen Formalitäten erledigt werden, ehe die Heirat zustande kommt. Diese allmähliche Entwicklung kann auch auf andere Verhältnisse übertragen werden, immer, wenn es sich um korrekte Beziehungen der Zusammenarbeit handelt, z. B. bei Anstellung eines Beamten. Da muß eine korrekte Entwicklung abgewartet werden. Ein überstürztes Vorgehen wäre nicht gut. Ebenso ist es schließlich, wo man Einfluß auf andere ausüben will. Auch da handelt es sich um einen korrekten Weg der Entwicklung durch die Kultur der eigenen Persönlichkeit. Aller agitatorische Einfluß wirkt nicht auf die Dauer.
Auch im Innern muß die Entwicklung denselben Weg nehmen, wenn dauernde Resultate erreicht werden sollen.
Das Sanfte, sich Anpassende, aber doch auch Eindringende ist das Äußere, das aus innerer Ruhe hervorgehen muß.
Gerade das Allmähliche der Entwicklung macht es notwendig, daß Beständigkeit vorhanden ist. Denn nur die Beständigkeit bewirkt, daß der langsame Fortschritt sich doch nicht im Sande verläuft.
Auf dem Berge ist ein Baum: das Bild der Entwicklung.So weilt der Edle in würdiger Tugend,um die Sitten zu bessern.
Der Baum auf dem Berge ist weithin sichtbar, und seine Entwicklung ist von Einfluß auf das Landschaftsbild der ganzen Gegend. Er schießt nicht empor wie die Sumpfgewächse, sondern sein Wachstum geht allmählich vor sich. Die Wirkung auf die Menschen kann auch nur allmählich sein. Keine plötzliche Beeinflussung oder Erweckung ist nachhaltig. Ganz allmählich muß der Fortschritt sein. Und um diesen Fortschritt in der öffentlichen Meinung, den öffentlichen Sitten zu erreichen, ist es nötig, daß die Persönlichkeit Einfluß und Schwerkraft bekommt. Dies geschieht durch sorgfältige und dauernde Arbeit an der eigenen moralischen Entwicklung.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Die Wildgans zieht allmählich dem Ufer zu.Der junge Sohn ist in Gefahr.Es gibt Gerede. Kein Makel.
Gemeint ist ein einsamer Anfang: Jemand will im Leben Fuß fassen und hat niemanden, der ihm entgegenkommt. Die ersten Schritte sind langsam, es gibt Kritik und Gefahr. Lass Dich vom Gerede nicht treiben; gerade die Schwierigkeiten bewahren Dich davor, Dich zu übereilen, und dieses langsame Vorgehen ist kein Fehler.
Die einzelnen Linien haben alle den allmählichen Zug der Wildgans zum Bild. Die Wildgans ist das Symbol der ehelichen Treue. Es heißt von ihr, daß sie nach dem Tod des Gatten sich nicht mit anderen vereinigt.
Die erste Linie zeigt die erste Station auf dem Zug der Wasservögel vom Wasser zur Höhe. Das Ufer wird erreicht. Die Lage ist die eines einsamen jungen Menschen, der anfangen will, sich im Leben durchzusetzen. Weil er niemand hat, der ihm entgegenkommt, sind seine ersten Schritte langsam und zögernd, und er ist von Gefahr umgeben. Natürlich wird er vielfach kritisiert. Aber gerade die Schwierigkeiten machen, daß er sich nicht übereilt und sein Fortschritt gelingt.
Die Wildgans zieht allmählich dem Felsen zu.Essen und Trinken in Frieden und Eintracht. Heil!
Nach unsicheren Anfängen ist ein erster sicherer Platz erreicht, etwa eine feste Stellung, von der man gut leben kann. Das stimmt fröhlich und gibt Ruhe für den weiteren Weg. Teile Dein Glück mit anderen, so wie die Wildgans ihre Gefährten ruft, wenn sie Futter findet; das geht gut aus.
Der Fels ist ein sicherer Platz am Ufer. Die Entwicklung ist einen Schritt weiter. Man ist über die anfängliche Unsicherheit hinaus und hat eine gesicherte Lebensstellung gefunden, durch die man einen auskömmlichen Lebensunterhalt hat. Dieser erste Erfolg, der die Bahn der Möglichkeit des Wirkens eröffnet, gibt der Stimmung eine gewisse Fröhlichkeit, und beruhigt schreitet man der Zukunft zu.
Von der Wildgans heißt es, daß sie ihre Genossen herbeiruft, wenn sie Futter findet; das ist das Bild des Friedens und der Eintracht im Glück. Man will sein Glück nicht für sich allein haben, sondern ist bereit, es mit andern zu teilen.
Die Wildgans zieht allmählich der Hochebene zu.Der Mann zieht aus und kehrt nicht wieder.Die Frau trägt ein Kind, aber bringt es nicht zur Welt. Unheil!Fördernd ist es, Räuber abzuwehren.
Die Wildgans hat sich auf die trockene Hochebene verirrt. So geht zu weit, wer sich voreilig in einen Kampf stürzt, statt die Dinge sich entwickeln zu lassen, und das geht schlecht aus, auch für die eigenen Leute. Such keinen Streit. Behaupte Deinen Platz kraftvoll und wehre nur unberechtigte Angriffe ab; dann geht alles gut.
Die trockene Hochebene ist nicht für die Wildgans. Zieht sie dorthin, so hat sie ihren Weg verloren und ist zu weit gegangen. Das widerspricht dem Gesetz der Entwicklung.
So geht es auch im Menschenleben. Wenn man nicht die Dinge sich ruhig entwickeln läßt, sondern von sich aus sich voreilig in den Kampf stürzt, so bringt das Unheil. Das eigene Leben schlägt man in die Schanze, und die Familie geht darüber zugrunde. Aber das ist keineswegs notwendig, sondern nur die Folge davon, daß man das Gesetz der natürlichen Entwicklung übertritt. Wenn man nicht von sich aus den Kampf aufsucht, sondern sich darauf beschränkt, seinen Platz kraftvoll zu behaupten und unberechtigte Angriffe abzuwehren, so geht alles gut.
Die Wildgans zieht allmählich dem Baume zu.Vielleicht bekommt sie einen flachen Ast. Kein Makel.
Ein Baum ist kein Platz für eine Wildgans, und so gerät man im Leben manchmal in eine Lage, die einem nicht entspricht. Sei klug und nachgiebig. Dann findest Du mitten in der Unsicherheit einen sicheren Platz, an dem es sich leben lässt, wie die Gans ihren flachen Ast; das ist kein Fehler.
Der Baum ist kein Platz, der für eine Wildgans geeignet ist. Aber wenn sie klug ist, findet sie einen flachen Ast, auf dem sie stehen kann. Im Leben kommt man im Lauf der Entwicklung auch oft in Situationen, die einem nicht entsprechen, in denen man sich schwer ohne Gefahr behaupten kann. Da ist es wichtig, daß man klug und nachgiebig ist. Dann kann man mitten in der Gefahr einen sicheren Platz ausfindig machen, an dem sich leben läßt.
Die Wildgans zieht allmählich dem Gipfel zu.Die Frau bekommt drei Jahre lang kein Kind.Endlich kann sie nichts verhindern. Heil!
Auf hoher Stelle gerät man leicht in Vereinsamung und wird von dem verkannt, auf den man angewiesen ist, weil falsche Menschen sich dazwischengedrängt haben. Die Verbindung bleibt eine Weile unfruchtbar. Halte durch, dann geht es gut aus: Die Entwicklung löst solche Missverständnisse, und die Vereinigung kommt schließlich doch zustande.
Der Gipfel ist ein hoher Platz. Auf hoher Stelle gerät man leicht in Vereinsamung. Man wird verkannt von dem, auf den man angewiesen ist: die Frau von ihrem Mann, der Beamte von seinem Herrn. Die Ursache davon sind falsche Menschen, die sich dazwischen gedrängt haben. Die Folge ist, daß die Beziehungen steril bleiben und nichts geleistet wird. Aber die Entwicklung bringt es mit sich, daß solche Mißverständnisse sich lösen und die Vereinigung schließlich doch zustande kommt.
Die Wildgans zieht allmählich den Wolkenhöhen zu.Ihre Federn können zum heiligen Tanz verwendet werden. Heil!
Ein Werk ist vollendet und steht so hoch wie der Flug der Wildgänse, die in strenger Ordnung ziehen. Ein solches Leben wird anderen zum Vorbild. Halte auch am Ziel die Ordnung Deines Weges ein; was Du hinterlässt, kann anderen noch Licht geben. Das geht gut aus.
Hier ist das Leben abgeschlossen. Das Werk liegt vollendet da. Hoch erhebt sich seine Bahn in den Himmel, wie der Flug der Wildgänse, wenn sie jeden irdischen Boden verlassen haben. Da fliegen sie hin und halten die Ordnung ihres Fluges ein, Figuren strenger Linien bildend.
Und wenn ihre Federn herunterfallen, so können sie zum Schmuck bei den heiligen Tempeltanzpantomimen verwendet werden.
So ist das Leben eines vollendeten Menschen ein helles Licht für die Menschen der Erde, die zu ihm als Vorbild aufsehen.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.