oben Dschen, das Erregende, Donner · unten Li, das Haftende, Feuer
Fülle ist das Thema, ein Höhepunkt an Kraft, Erfolg oder Glück, und das Urteil verspricht, dass es gelingt. Solche Zeiten sind meist kurz; man könnte darüber traurig werden, doch das ziemt sich nicht. Das Urteil sagt: Sei nicht traurig, sei wie die Sonne am Mittag. Diese Sonne erleuchtet und erfreut alles unter dem Himmel. Schöpf aus, was Du hast, und lass andere daran teilhaben. Denk nicht schon jetzt an das Ende; nur wer innerlich frei von Sorge ist, kann eine Zeit der Fülle heraufführen.
Wie könntest Du das, was jetzt reich da ist, ganz nutzen und mit anderen teilen?
Dschen ist die Bewegung, Li die Flamme, deren Eigenschaft die Klarheit ist. Im Innern Klarheit, nach außen Bewegung, das gibt Größe und Fülle. Es ist eine Zeit hoher Kultur, die durch das Zeichen dargestellt wird. Allerdings liegt in dem Umstand, daß es sich um ein Höchstes handelt, auch der Gedanke schon angedeutet, daß dieser außerordentliche Zustand der Fülle sich nicht dauernd wird halten lassen.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Fülle hat Gelingen.Der König erreicht sie.Sei nicht traurig; du mußt sein wie die Sonne am Mittag.
Eine Zeit höchster Größe und Fülle herbeizuführen, ist nicht jedem Sterblichen beschieden. Es muß ein geborener Herrscher über die Menschen sein, der so etwas vermag, weil sein Wille auf das Große gerichtet ist. Die Zeit einer solchen Fülle ist meist kurz. Ein Weiser könnte daher angesichts des folgenden Niedergangs wohl traurig werden. Doch ziemt sich solche Trauer nicht für ihn. Nur ein Mann, der innerlich frei von Sorge und Kummer ist, kann eine Zeit der Fülle heraufführen. Er muß sein wie die Sonne am Mittag, die alles unter dem Himmel erleuchtet und erfreut.
Donner und Blitz kommen beide: das Bild der Fülle.So entscheidet der Edle die Prozesse und führt die Strafen aus.
Das Zeichen hat eine gewisse Beziehung zu dem Zeichen »das Durchbeißen«, Nr. 21, wo ebenfalls Donner und Blitz beisammen sind, aber in umgekehrter Reihenfolge. Während dort die Gesetze festgelegt werden, werden sie hier ausgeführt und angewandt. Innen die Klarheit ermöglicht eine genaue Prüfung des Sachverhalts, und außen die Erschütterung sorgt für strenge und präzise Durchführung der Strafen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Wenn man seinem bestimmten Herrn begegnet, so mag man zehn Tage beisammen sein, und es ist kein Fehler.Hingehen findet Anerkennung.
Für eine Zeit der Fülle braucht es Klarheit und tatkräftige Bewegung zugleich. Wo zwei Menschen je eine dieser Gaben mitbringen, passen sie zueinander, und auch ein langes Zusammenwirken ist kein Fehler. Geh auf einen solchen Menschen zu und wirke mit ihm; das findet Anerkennung.
Um eine Zeit der Fülle herbeizuführen, bedarf es der Vereinigung von Klarheit und energischer Bewegung. Wo diese beiden Eigenschaften in zwei Menschen sich finden, da passen diese Menschen zueinander, und auch wenn sie zur Zeit der Fülle einen vollen Kreislauf beisammen sind, ist es nicht zu lang und kein Fehler. Darum mag man hingehen, um zu wirken; es wird Anerkennung finden.
Der Vorhang ist von solcher Fülle,daß man am Mittag die Polsterne sieht.Durch Hingehen erreicht man Mißtrauen und Haß.Wenn man durch Wahrheit ihn erweckt, kommt Heil.
Intrigen und Parteiungen schieben sich zwischen den, der Großes will, und den, der es ausführen könnte, wie eine Verfinsterung am hellen Tag. Wer jetzt energisch vorprescht, stößt nur auf Misstrauen und Neid. Halte Dich innerlich an die Wahrheit; sie wirkt im Unsichtbaren auf den anderen, bis es gut ausgeht.
Oft kommt es vor, daß sich zwischen den Herrscher, der das Große will, und den Mann, der das Große ausführen könnte, Intrigen und Parteiränke eindrängen, die verfinsternd wirken wie eine Sonnenfinsternis. Dann sieht man statt der Sonne die Nordsterne am Himmel. Der Herr wird in den Schatten gedrängt durch eine Partei, die die Herrschaft an sich gerissen. Wollte man in solcher Zeit etwas Energisches unternehmen, so würde man nur auf Mißtrauen und Neid stoßen, die alle Bewegung unmöglich machen würden. Da gilt es dann, innerlich in der Macht der Wahrheit zu stehen, die schließlich so stark ist, daß sie im Unsichtbaren auf den Herrscher wirkt, so daß alles gut geht.
Das Gestrüpp ist von solcher Fülle,daß man am Mittag die kleinen Sterne sieht.Er bricht seinen rechten Arm. Kein Makel.
Die Verfinsterung ist vollständig: Selbst die unbedeutendsten Leute drängen sich hervor, und wer tüchtig ist, kann nichts ausrichten, als wäre ihm der rechte Arm gebrochen. Dass Du gerade am Handeln gehindert bist, ist nicht Deine Schuld und kein Fehler.
Hier wird als Bild die fortschreitende Bedeckung der Sonne geschildert. An diesem Punkt ist die Totalität erreicht, darum sieht man am Mittag selbst die kleinen Sterne.
Auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen, ist hier der Fürst so verfinstert, daß auch die unbedeutendsten Menschen sich hervordrängen können. Da ist es für einen tüchtigen Mann, der die rechte Hand des Herrschers sein könnte, unmöglich, etwas zu unternehmen. Es ist, als wäre die Hand gebrochen. Aber es ist nicht seine Schuld, daß er auf diese Weise am Handeln verhindert ist.
Der Vorhang ist von solcher Fülle,daß man am Mittag die Polsterne sieht.Er begegnet seinem gleichen Herrn. Heil!
Die Finsternis nimmt schon ab, und es findet sich zusammen, was zueinander passt. Wer tatkräftig ist, braucht jetzt die nötige Weisheit an seiner Seite. Such den Menschen, der Deine Handlungsfreude mit Einsicht ergänzt; dann geht es gut aus.
Hier ist die Finsternis schon im Abnehmen, darum findet sich das einander Entsprechende zusammen. Auch hier muß die Ergänzung gefunden werden: zur Handelsfreudigkeit die nötige Weisheit. Dann wird alles gut gehen. Es ist hier die umgekehrte Ergänzung in Betracht gezogen wie beim ersten Strich. Dort sollte die Weisheit durch Energie ergänzt werden, hier die Energie durch Weisheit.
Es kommen Linien, es naht Segen und Ruhm. Heil!
Wer führt und dabei bescheiden bleibt, ist offen für den Rat tüchtiger Menschen, und sie zeigen ihm die Richtung für sein Handeln. Hör auf die Fähigen in Deiner Umgebung und nimm ihren Rat an. Das geht gut aus und bringt Segen und Ansehen für Dich und alle, die zu Dir gehören.
Der herrschende Mann ist bescheiden, so daß er für Rat der Tüchtigen zugänglich ist. So kommen Männer in seine Umgebung, die ihm die Richtlinien des Handelns nahebringen. Dadurch kommt Segen, Ruhm und Heil für ihn und alles Volk.
Sein Haus ist in Fülle.Er verdeckt seine Sippe.Er späht durch das Tor und merkt niemand mehr.Drei Jahre lang sieht er nichts. Unheil!
Wer aus Hochmut und Eigenwillen Fülle und Pracht für sein Haus sucht und unbedingt Herr darin sein will, erreicht das Gegenteil: Er entfremdet sich die eigenen Leute und steht am Ende ganz allein da. Lass den Anspruch fallen, über alles zu bestimmen; sonst geht es schlecht aus.
Es ist hier ein Mann gezeichnet, der durch seinen Hochmut und Eigenwillen das Gegenteil erreicht von dem, was er erstrebt. Er sucht Fülle und Pracht für seine Wohnung. Er will unbedingt Herr sein in seinem Haus. Aber dadurch entfremdet er sich seine Familie, so daß er schließlich ganz vereinsamt dasteht.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.