oben Kun, das Empfangende, Erde · unten Kan, das Abgründige, Wasser
Hier geht es darum, eine Gruppe zu ordnen und mit anderen etwas durchzusetzen. Mit Beharrlichkeit und einer starken, vertrauenswürdigen Führung geht es gut aus. Disziplin lässt sich nicht erzwingen; es braucht jemanden, dem die Herzen sich zuwenden, und ein klares Ziel, das alle verstehen. Das Bild nennt dazu die Weitherzigkeit, mit der man Menschen gewinnt. Sag offen, wofür Ihr Euch einsetzt, und sei großzügig mit denen, die mitgehen. Den Kampf selbst setzt man nur wie eine giftige Arznei ein, als letztes Mittel, und auch im Eifer darf niemandem Unrecht geschehen.
Für welches Ziel würden andere Dir freiwillig folgen?
Das Zeichen setzt sich zusammen aus dem Urzeichen Kan, das Wasser, und Kun, die Erde. Dadurch ist das Grundwasser symbolisiert, das sich innerhalb der Erde sammelt. Ebenso sammelt sich die Heerkraft innerhalb der Menge eines Volkes: im Frieden unsichtbar, aber jederzeit zur Verfügung als Quelle der Macht. Die Eigenschaften der Urzeichen sind: innerhalb Gefahr und außerhalb Gehorsam. Das deutet auf das Wesen des Heeres, das im Innersten etwas Gefährliches ist, während nach außen Zucht und Gehorsam herrschen muß.
Auf die einzelnen Linien hin betrachtet, ist der Herr des Zeichens die starke Neun auf zweitem Platz, der die anderen weichen Linien sich unterordnen. Diese Linie bezeichnet den Gebieter, da sie im Zentrum eines der beiden Urzeichen steht. Da sie aber im unteren, nicht im oberen steht, ist sie nicht das Bild des Herrschers, sondern des tüchtigen Generals, der das Heer in Gehorsam hält durch seine Autorität.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Das Heer braucht Beharrlichkeit und einen starken Mann.Heil ohne Makel.
Ein Heer ist eine Masse, die, um ein Heer zu werden, der Organisation bedarf. Ohne feste Disziplin läßt sich nichts erreichen. Diese Disziplin läßt sich aber nicht durch Gewaltmittel erzwingen, sondern es braucht einen starken Mann, dem die Herzen sich zuwenden, der Begeisterung erweckt. Damit er sich entfalten kann, bedarf er des unbedingten Vertrauens seines Herrschers, der ihm, solange der Krieg dauert, die volle Verantwortung überlassen muß. Ein Krieg ist aber immer etwas Gefährliches und bringt Schaden und Verheerung mit sich. Darum darf man ihn nicht leichtfertig unternehmen, sondern nur wie eine giftige Arznei als letzte Auskunft. Der gerechte Grund und ein klares, verständliches Kriegsziel muß durch einen erfahrenen Führer dem Volk deutlich gemacht werden. Nur wenn ein ganz bestimmtes Kriegsziel da ist, für das das Volk sich mit Bewußtsein einsetzen kann, entsteht die Einheitlichkeit und Stärke der Überzeugung, die zum Sieg führt. Aber der Führer muß auch dafür sorgen, daß in der Kriegsleidenschaft und im Siegestaumel nichts Ungerechtes geschieht, das die allgemeine Anerkennung nicht findet. Gerechtigkeit und Beharrlichkeit sind die Grundbedingungen dafür, daß alles gut geht.
Inmitten der Erde ist Wasser, das Bild des Heeres.So mehrt der Edle durch Weitherzigkeit gegen das Volk seine Massen.
Das Grundwasser ist unsichtbar inmitten der Erde vorhanden. So ist auch die Kriegsmacht eines Volkes unsichtbar in seinen Massen vorhanden.
Jeder Bauer wird, wenn Gefahr droht, Soldat und kehrt nach Beendigung des Kriegs hinter seinen Pflug zurück. Wer gegen das Volk weitherzig ist, der gewinnt die Liebe des Volkes, und das Volk, das unter einem milden Regiment lebt, wird stark und kräftig. Nur ein wirtschaftlich starkes Volk kann als Kriegsmacht von Bedeutung sein. Man muß also die Macht pflegen durch Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen des Volkes und menschenfreundliche Regierung. Nur wo dieses unsichtbare Band zwischen Regierung und Volk da ist, daß das Volk unter ihr geborgen ist wie das Grundwasser in der Erde, ist es möglich, einen Krieg siegreich zu führen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Ein Heer muß ausziehen nach der Ordnung.Ist die nicht gut, droht Unheil.
Ein großes Vorhaben braucht von Anfang an Ordnung. Es muss einen gerechten, triftigen Grund geben, und alle Beteiligten müssen gut zusammenwirken. Kläre beides, bevor Du losgehst; fehlt es daran, geht es schlecht aus.
Zu Beginn einer kriegerischen Unternehmung muß Ordnung herrschen. Es muß ein gerechter und triftiger Grund da sein, und der Gehorsam und das Ineinandergreifen der Truppen muß wohl organisiert sein, sonst ist Mißerfolg die unvermeidliche Folge.
Inmitten des Heeres!Heil! Kein Makel!Der König verleiht dreifache Auszeichnung.
Wer führt, gehört mitten unter die, die er führt, und teilt Gutes wie Schweres mit ihnen. Nur so wird er der schweren Aufgabe gerecht. Bleib in Fühlung mit den Menschen, die Du anleitest; die Anerkennung, die Du dafür bekommst, gilt dann zu Recht allen gemeinsam, und es geht gut aus.
Der Führer muß inmitten seines Heeres sein. Er muß Fühlung mit ihm haben und Gutes und Böses mit den Massen teilen, die er führt. Nur auf diese Weise ist er der schweren Anforderung gewachsen, die auf ihm ruht. Er bedarf dabei der Anerkennung durch den Herrscher. Die Auszeichnungen, die er erhält, sind berechtigt, da es sich nicht um persönliche Bevorzugung handelt, sondern in dem Führer das ganze Heer geehrt wird, in dessen Mitte er weilt.
Das Heer führt etwa im Wagen Leichen. Unheil!
Hier reißt jemand anderes als der Berufene die Führung an sich, oder die Menge übernimmt selbst das Kommando. Das geht schlecht aus. Achte darauf, dass in Deiner Sache klar ist, wer entscheidet, und überlass die Leitung nicht denen, denen sie nicht zukommt.
Die eine Erklärung deutet auf eine Niederlage infolge davon, daß ein anderer als der berufene Führer sich in die Leitung einmischt. Die andere Erklärung stimmt dem Sinne nach damit überein, nur daß der Ausdruck »Leichen im Wagen führen« anders gedeutet wird. Bei Beerdigungen und Totenopfern war es in China Sitte, daß der Verstorbene, dem geopfert wurde, durch einen Knaben aus der Familie vertreten wurde, der am Platz der Leiche saß und an der Stelle des Verstorbenen geehrt wurde. Daraus entnimmt diese Erklärung den Sinn, daß auf dem Wagen ein »Leichenknabe« sitzt, d. h. daß die Autorität nicht von der dazu berufenen Stelle ausgeht, sondern sich von andern angemaßt wird. Vielleicht läßt sich die ganze Schwierigkeit beheben durch Annahme eines Schreibfehlers (fan = alle für schī = Leiche). Dann würde der Sinn ohne weiteres sein: Wenn im Heer etwa sich die Menge zum Herrn macht (auf dem Wagen fährt), so ist das unheilvoll.
Das Heer zieht sich zurück. Kein Makel.
Steht man einer Übermacht gegenüber, gegen die nichts auszurichten ist, dann ist ein geordneter Rückzug das einzig Richtige. Er bewahrt vor Niederlage und Zerfall. Einen aussichtslosen Kampf um jeden Preis anzunehmen, hat mit Mut nichts zu tun; zieh Dich zurück, mit Plan und ohne Scham; das ist kein Fehler.
Wenn man einem überlegenen Feind gegenübersteht, mit dem der Kampf aussichtslos ist, so ist ein geordneter Rückzug das einzig Richtige, weil durch ihn das Heer vor Niederlage und Auflösung bewahrt wird. Es ist keineswegs ein Zeichen von Mut oder Stärke, einen aussichtslosen Kampf unter allen Umständen annehmen zu wollen.
Im Feld ist ein Wild. Es ist fördernd, es zu fangen.Ohne Makel.Der Älteste führe das Heer.Der Jüngere fährt Leichen,da bringt Beharrlichkeit Unheil.
Bricht etwas verwüstend in den eigenen Bereich ein, ist es kein Fehler, sich entschieden zu wehren. Doch die Abwehr braucht Regeln und einen erfahrenen Menschen an der Spitze. Läuft sie als wildes Durcheinander, in dem jeder auf eigene Faust handelt, geht sie trotz aller Ausdauer schlecht aus.
Das Wild ist im Feld, d. h. es hat seinen Aufenthaltsort, den Wald, aufgegeben und ist in die Felder verwüstend eingebrochen. Das deutet auf einen Einbruch des Feindes. In diesem Fall ist energischer Kampf und Bestrafung durchaus berechtigt. Nur muß der Kampf nach der Regel geführt werden. Er darf nicht zum wilden Durcheinander werden, da sich jeder auf eigene Faust wehrt. Das würde trotz größter Beharrlichkeit und Tapferkeit zu Unheil führen. Sondern das Heer muß von einem erfahrenen Führer geleitet sein. Es muß Krieg geführt werden. Nicht darf die Menge einfach totschlagen, was ihr in die Hände kommt, sonst erleidet man eine Niederlage, und trotz aller Beharrlichkeit droht Unheil.
Der große Fürst erläßt Befehle,gründet Staaten, belehnt Familien.Gemeine Menschen soll man nicht benützen.
Nach einem errungenen Erfolg werden Aufgaben und Verantwortung neu verteilt. Belohne alle, die mitgeholfen haben, aber gib Einfluss und Entscheidungsrechte nur denen, die charakterlich dafür taugen. Wer nur an sich denkt, mag seinen Lohn bekommen; Macht in seinen Händen führt zu Missbrauch.
Der Krieg ist siegreich beendet. Der Sieg ist gewonnen, der König verteilt unter seinen Getreuen Lehen und Familienbesitz. Dabei ist es aber wichtig, daß gemeine Menschen nicht zur Macht gelangen dürfen. Wenn sie mitgeholfen haben, so mag man sie mit Geld abfinden. Aber Landgebiete und Herrschaftsrechte darf man ihnen nicht verleihen, damit kein Mißbrauch vorkommt.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.