oben Kan, das Abgründige, Wasser · unten Kun, das Empfangende, Erde
Das Zeichen spricht vom Zusammenhalt und davon, wer die Mitte bildet; Zusammenhalten geht gut aus. Jeder Zusammenhalt braucht einen Mittelpunkt, und Mittelpunkt zu sein ist eine schwere Sache mit großer Verantwortung. Darum rät das Urteil, sich noch einmal zu prüfen. Frag Dich ehrlich, ob Du der Sache gewachsen bist. Wenn nicht, schließ Dich einer Gemeinschaft an, die schon trägt; auch das ist eine Pflicht. Zögere dabei nicht zu lange: Wer zu spät kommt, für den geht es schlecht aus, sagt das Urteil.
Wo ist in Deiner Lage die Mitte, um die sich alles ordnet, und bist Du es selbst?
Das Wasser über der Erde fließt zusammen, wie es immer kann, z. B. im Meer, wo sich alle Flüsse sammeln. Dies ist ein Symbol, das auf das Zusammenhalten und auf seine Gesetze deutet. Derselbe Gedanke wird dadurch nahegelegt, daß alle Linien weich sind, bis auf den festen Strich an fünfter Stelle auf dem Platz des Herrschers. Die Weichen halten zusammen, indem sie von dem festen Willen an leitender Stelle beeinflußt werden, der ihr Vereinigungsmittelpunkt ist. Aber auch diese starke, leitende Persönlichkeit hält mit den andern zusammen, durch die sie eine Ergänzung zu ihrem eigenen Wesen findet.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Das Zusammenhalten bringt Heil.Ergründe das Orakel nochmals,ob du Erhabenheit, Dauer und Beharrlichkeit hast;dann ist kein Makel da.Die Unsicheren kommen allmählich herbei.Wer zu spät kommt, hat Unheil.
Es handelt sich darum, daß man sich mit andern zusammentut, um durch den Zusammenhalt sich gegenseitig zu ergänzen und zu fördern. Für einen solchen Zusammenhalt muß ein Mittelpunkt da sein, um den sich die andern scharen. Mittelpunkt für das Zusammenhalten von Menschen zu werden, ist eine schwere Sache mit großer Verantwortung. Es bedarf innerlicher Größe, Konsequenz und Kraft dazu. Darum prüfe sich selbst, wer andre um sich vereinigen will, ob er der Sache gewachsen ist; denn wer andre sammeln will ohne das Siegel des Berufenen, der richtet mehr Verwirrung an, als wenn kein Zusammenschluß stattgefunden hätte.
Wo aber ein wirklicher Sammlungspunkt vorhanden ist, da kommen die Unsicheren, anfangs noch Zögernden allmählich von selbst herbei. Die, die zu spät kommen, haben selbst den Schaden davon. Denn es handelt sich auch beim Zusammenhalten um die richtige Zeit. Beziehungen knüpfen sich und festigen sich nach bestimmten inneren Gesetzen. Gemeinsame Erlebnisse festigen sie, und wer zu spät kommt und nicht mehr teilnehmen kann an diesen grundlegenden gemeinsamen Erfahrungen, der hat darunter zu leiden, wenn er als Nachzügler die Tür verschlossen findet.
Wer aber die Notwendigkeit des Zusammenschlusses erkannt hat und nicht die Kraft in sich fühlt, als Mittelpunkt des Zusammenhaltens zu wirken, der hat die Pflicht, sich einer andern organischen Gemeinschaft anzuschließen.
Vergleiche dazu das Distichon: »Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«
Auf der Erde ist Wasser: das Bild des Zusammenhaltens.So haben die Könige der Vorzeit die einzelnen Staaten als Lehen vergeben und mit den Lehensfürsten freundlichen Verkehr gepflegt.
Das Wasser auf der Erde füllt alle Lücken aus und haftet fest an ihr. Die Gesellschaftsorganisation des Altertums war auf diesen Grundsatz des Zusammenhaltens zwischen Abhängigen und Herrscher gegründet. Das Wasser fließt von selbst zusammen, weil es in allen seinen Teilen unter denselben Gesetzen steht. So muß auch die menschliche Gesellschaft zusammenhalten durch eine Interessengemeinschaft, die jeden einzelnen sich als Glied eines Ganzen fühlen läßt. Die Zentralgewalt eines gesellschaftlichen Organismus muß dafür sorgen, daß jedes Glied sein wahres Interesse im Zusammenhalten findet, wie das in dem väterlichen Verhältnis von Großkönig und Lehnsträgern im chinesischen Altertum der Fall war.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Halte wahr und treu zu ihm: das ist kein Makel.Wahrheit wie eine volle Tonschüssel:So kommt schließlich von außen her das Heil.
Beim Knüpfen einer Verbindung zählt vor allem Wahrhaftigkeit, die wie eine volle Tonschüssel ganz Gehalt ist und keine leere Form. Sei offen und echt, ohne mit klugen Worten zu werben. Treue dieser Art ist kein Fehler; am Ende geht es gut aus, weil sie das Gute von außen anzieht.
Wenn es sich um Anknüpfen von Beziehungen handelt, ist volle Wahrhaftigkeit die einzig richtige Grundlage. Diese Gesinnung, die unter dem Bild einer gefüllten irdenen Schüssel dargestellt wird, bei der alles Gehalt, nichts leere Form ist, äußert sich nicht in klugen Worten, sondern durch die Kraft des Innern, und diese Kraft ist so stark, daß sie mit Macht das Heil von außen an sich zieht.
Halte zu ihm im Innern. Beharrlichkeit bringt Heil.
Gemeint ist eine Verbindung, die vor allem im Innern getragen wird. Folg dem Ruf, der von oben an Dich ergeht, aufrichtig und beständig, und verlier Dich dabei nicht selbst. Wer sich streberhaft an andere klammert, um dazuzugehören, wirft sich weg; wer innerlich treu bleibt, für den geht es gut aus, und er wahrt seine Würde.
Wenn man auf rechte und beharrliche Weise den Bitten, die von oben her zum Wirken uns auffordern, entgegenkommt, so sind die Beziehungen zum andern in erster Linie innerliche, man verliert sich selbst nicht. Wer aber streberhaft klebend Zusammenhalt sucht, der folgt nicht dem Pfad des Edlen, der seine Würde wahrt, sondern wirft sich weg.
Du hältst zusammen mit Menschen,die nicht die rechten sind.
Oft ist man unter Menschen, die nicht zum eigenen Kreis gehören. Lass Dich nicht aus Gewohnheit zu einer Vertraulichkeit hinreißen, die nicht stimmt. Bleib freundlich und gesellig, ohne Nähe herzustellen; so bleibst Du frei für eine spätere Verbindung mit Menschen, die wirklich zu Dir passen.
Man ist oft unter lauter Menschen, die nicht zur eigenen Sphäre gehören. Da darf man sich nicht zu einer falschen Vertraulichkeit durch die Macht der Gewohnheit hinreißen lassen. Daß das vom Übel wäre, bedarf nicht erst der Worte. Geselligkeit ohne Intimität ist solchen Leuten gegenüber das einzig Richtige; nur dadurch hält man sich frei für eine spätere Beziehung zu seinesgleichen.
Auch äußerlich halte zu ihm. Beharrlichkeit bringt Heil.
Die Beziehung zu dem Menschen, um den sich die Gemeinschaft sammelt, ist hier schon gefestigt. Darum darfst Du Deine Verbundenheit jetzt auch offen zeigen. Bleib dabei fest und lass Dich durch nichts beirren; das geht gut aus.
Die Beziehungen zu einem Mann, der Mittelpunkt des Zusammenhaltens ist, sind hier schon fest geregelt. Da darf und soll man seine Anhänglichkeit auch offen zeigen. Man muß nur fest bleiben und darf sich durch nichts irremachen lassen.
Offenbarung des Zusammenhaltens.Der König läßt bei der Jagd nur von drei Seiten treibenund verzichtet auf das Wild, das vorne abbiegt.Die Bürger bedürfen nicht der Warnung. Heil!
Das Bild der Jagd, bei der man das Wild nach vorn entkommen lässt, steht für einen Menschen, um den sich andere freiwillig sammeln. Wer kommt, wird aufgenommen, wer geht, darf gehen. Wirb nicht um Gunst und schmeichle niemandem; bilde in Dir Reinheit und Kraft aus, dann geht es gut aus, und die Menschen, die zu Dir gehören, kommen von selbst.
Bei den königlichen Treibjagden im alten China war es üblich, daß das Wild von drei Seiten her angetrieben wurde. Auf der vierten Seite konnte das angetriebene Wild abbiegen. Soweit die Tiere hier nicht abbogen, mußten sie in ein Tor hinein, hinter dem der König jagdbereit stand. Nur die Tiere wurden geschossen, die hier eindrangen. Die, welche vorne abbogen, ließ man laufen. Diese Sitte entsprach der königlichen Gesinnung, die aus der Jagd keine Schlächterei machen wollte, sondern nur das Wild zur Strecke brachte, das sich sozusagen freiwillig gestellt hatte.
Es zeigt sich hier ein Herrscher bzw. ein einflußreicher Mann, dem die Menschen zufallen. Wer zu ihm kommt, den nimmt er auf, wer nicht kommt, den läßt er laufen. Er bittet keinen, schmeichelt keinem: sie kommen alle von selbst. Auf diese Weise bildet sich eine freie Abhängigkeit bei denen, die zu ihm halten. Die Leute brauchen sich nicht gewaltsam zusammenzunehmen, sondern können harmlos ihre Gesinnungen zeigen. Es bedarf keiner polizeilichen Veranstaltung. Sie sind ihrem Herrn von selber zugetan. Auch für das Leben im allgemeinen gilt diese Freiheit. Man soll nicht um die Gunst der Menschen werben. Wenn man in sich die Reinheit und Kraft ausbildet, die nötig ist für einen Mittelpunkt der Sammlung, so kommen die Menschen von selbst, die einem bestimmt sind.
Er findet zum Zusammenhalten kein Haupt. Unheil.
Ohne einen rechten Anfang gibt es kein rechtes Ende. Die Linie warnt vor dem Zögern dessen, der den Anschluss schon verpasst hat und sich vor einer ganzen, ehrlichen Bindung scheut. Wer so weiter zaudert, bereut seinen Fehler zu spät, und es geht schlecht aus; entscheide Dich, solange es noch geht.
Das Haupt ist der Anfang. Ohne einen rechten Anfang gibt es kein rechtes Ende. Wenn man den Anschluß verpaßt hat und nun immer zögert, vor voller, wahrer Hingabe sich scheuend, so wird man zu spät seinen Fehler bereuen.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.