oben Kan, das Abgründige, Wasser · unten Li, das Haftende, Feuer
Etwas ist geschafft, alles steht an seinem Platz. Gerade dann lässt die Anspannung leicht nach, und aus dieser Gleichgültigkeit entspringt Verfall. Am Anfang geht es gut aus, am Ende drohen Wirren, sagt das Urteil. Diese Regel ist kein unausweichliches Gesetz: Wer sie versteht, kann ihre Wirkung durch Beständigkeit und Vorsicht vermeiden. Kümmere Dich weiter um das Einzelne, auch wenn alles von selbst zu laufen scheint, und rüste Dich im Voraus gegen Störungen, wie das Bild rät. Lass die Dinge nicht einfach laufen.
Was hast Du erreicht, das jetzt Pflege braucht, damit es nicht verfällt?
Das Zeichen ist die Ausgestaltung des Zeichens Tai, der Friede (Nr. 11). Der Übergang aus der Verwirrung zur Ordnung ist vollzogen, und nun ist auch im einzelnen alles auf seinem Platz. Die starken Linien sind auf den starken, die schwachen Linien sind auf den schwachen Plätzen. Das ist ein sehr günstiger Aspekt. Allein er gibt doch zu denken. Gerade wenn das vollkommene Gleichgewicht erreicht ist, kann jede Bewegung dazu führen, daß aus dem Zustand der Ordnung wieder der Zerfall entsteht. Dem einen starken Strich, der nach oben gegangen ist und so die Ordnung im einzelnen vollkommen gemacht hat, folgen die anderen ihrer Natur entsprechend nach, und so entsteht dann plötzlich wieder das Zeichen Pi, die Stockung (Nr. 12). So deutet das Zeichen auf die Verhältnisse eines Höhepunktes, die äußerste Vorsicht nötig machen.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Gelingen im Kleinen. Fördernd ist Beharrlichkeit.Im Anfang Heil, am Ende Wirren.
Der Übergang von der alten in die neue Zeit ist schon vollzogen. Prinzipiell ist alles schon geregelt. Nur noch im einzelnen läßt sich Erfolg erzielen. Dabei kommt es jedoch darauf an, daß man stets die rechte Gesinnung wahrt. Es geht alles seinen Gang wie von selbst. Das verführt zu leicht dazu, daß man in seiner Anspannung erlahmt und die Dinge laufen läßt, ohne sich im einzelnen darum zu kümmern. Diese Gleichgültigkeit ist aber die Wurzel allen Übels. Aus ihr entspringen mit Notwendigkeit Verfallserscheinungen. Hier ist die Regel aufgestellt, wie es in der Geschichte zu gehen pflegt. Aber diese Regel ist kein unausweichliches Gesetz. Wer sie versteht, der vermag durch unausgesetzte Beständigkeit und Vorsicht ihre Wirkungen zu vermeiden.
Das Wasser ist oberhalb des Feuers:das Bild des Zustands nach der Vollendung.So bedenkt der Edle das Unglückund rüstet sich im voraus dagegen.
Wenn das Wasser im Kessel über dem Feuer hängt, so stehen beide Elemente in Beziehung, und es wird dadurch Kraft erzeugt. (Vgl. die Entstehung des Dampfes.) Allein die dadurch entstehende Spannung gebietet Vorsicht. Läuft das Wasser über, so wird das Feuer ausgelöscht, und seine Kraftwirkung geht verloren. Ist die Hitze zu groß, so verdampft das Wasser und geht in die Luft. Die Elemente, die hier in Beziehung zueinander stehen und so Kraft wirken, sind an sich einander feindlich. Nur die äußerste Vorsicht kann Schaden verhüten. So gibt es auch im Leben Verhältnisse, da alle Kräfte ausgeglichen sind und zusammenwirken und daher scheinbar alles in bester Ordnung ist. Der Weise allein erkennt in solchen Zeiten die Momente der Gefahr und weiß durch rechtzeitige Vorkehrungen sie zu bannen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Er hemmt seine Räder.Er kommt mit dem Schwanz ins Wasser.Kein Makel.
Nach einem großen Übergang drängt alles voran, und dieses Drängen führt leicht über das Ziel hinaus. Lass Dich vom allgemeinen Schwung nicht anstecken und bremse rechtzeitig. Ganz unberührt bleibst Du dann vielleicht nicht, doch wie bei einem Fuchs, der nur noch mit dem Schwanz ins Wasser kommt, ist der Schaden gering und kein Fehler.
In Zeiten nach einem großen Übergang ist alles auf Fortschritt und Entwicklung aus und drängt voran. Aber dieses Vorwärtsdrängen zu Beginn ist nicht gut und führt sicher zu Verlust und Sturz, indem man über das Ziel hinausschießt. Ein starker Charakter läßt sich daher durch den allgemeinen Schwindel nicht anstecken, sondern hemmt rechtzeitig seinen Lauf. So wird er wohl nicht ganz unberührt bleiben von den unheilvollen Folgen des allgemeinen Drängens, aber es trifft ihn nur von hinten wie einen Fuchs, der das Wasser schon überschritten hat und nur noch mit dem Schwanz ins Wasser kommt, und kann ihm nicht wesentlich schaden, da sein Verhalten das Richtige getroffen hat.
Die Frau verliert ihren Wagenvorhang.Lauf ihm nicht nach, am siebten Tage bekommst du es.
Die Linie zeigt jemanden, der etwas leisten will, dem aber von maßgebender Seite das nötige Vertrauen fehlt. Lauf der Anerkennung nicht hinterher und wirf Dich nicht an die Außenwelt weg; warte ruhig und bilde Deinen eigenen Wert aus. Was Dir gehört, verlierst Du nicht auf Dauer, es kommt von selbst zurück.
Wenn eine Frau im Wagen fuhr, hatte sie einen Vorhang, der sie den Blicken der Neugierigen verbarg. Kam dieser Vorhang abhanden, so wäre es gegen die gute Sitte gewesen, weiterzufahren. Auf das öffentliche Leben übertragen bedeutet es, daß einem, wenn man etwas leisten will, von maßgebender Seite nicht das Vertrauen entgegengebracht wird, dessen man sozusagen zu seinem persönlichen Schutz bedarf. Gerade in Zeiten nach der Vollendung kann man finden, daß die Herrschenden stolz und selbstbewußt werden und sich nicht mehr darum kümmern, unbekannten Talenten mit Aufmerksamkeit entgegenzukommen.
Hieraus entsteht nun in der Regel die Streberei. Wenn einem von oben her kein Vertrauen entgegengebracht wird, so sucht man Mittel und Wege, um es zu finden und sich ans Licht zu bringen. Von einem solchen unwürdigen Verfahren wird jedoch abgeraten. »Such nicht danach.« Wirf dich nicht an die Außenwelt weg, sondern warte ruhig und bilde selbständig deinen persönlichen Wert aus. Die Zeiten ändern sich. Sind die sechs Stufen des Zeichens vorüber, so kommt die neue Ära. Was einem gehört, kann man nicht auf die Dauer verlieren. Es kommt ganz von selbst zu einem. Man muß nur warten können.
Der hohe Ahn züchtigt das Teufelsland.Nach drei Jahren überwindet er es.Gemeine darf man nicht verwenden.
Nach einer Zeit der Ordnung beginnt oft die Ausdehnung: Ein Vorhaben wächst über seinen bisherigen Rahmen hinaus, und das bringt lange Kämpfe mit sich. Stell Dich auf Ausdauer ein. Besetze das Neue mit fähigen Leuten und schieb dorthin keinen ab, der sich anderswo unmöglich gemacht hat; damit verdirbst Du den Erfolg von Anfang an.
Der »hohe Ahn« ist der dynastische Titel des Herrschers Wu Ding aus der Yin-Dynastie. Nachdem er mit starker Hand die Zustände im Reich geordnet hatte, führte er langwierige Kolonialkriege zur Unterwerfung der von Hunnen bewohnten nördlichen Grenzgebiete, aus denen dauernd Einfälle drohten. Die Situation, die gezeichnet ist, ist die, daß nach Zeiten der Vollendung, wenn eine neue Macht aufgekommen und im Innern alles in Ordnung ist, mit einer gewissen Notwendigkeit die koloniale Expansion beginnt. Hierbei ist in der Regel mit langwierigen Kämpfen zu rechnen. Aber dabei ist eine richtige Kolonialpolitik besonders wichtig. Man darf die sauer erworbenen Gebiete nicht als eine Versorgungsanstalt betrachten für Menschen, die sich in der Heimat irgendwie unmöglich gemacht haben, aber für die Kolonien noch gerade gut genug sind. Dadurch verdirbt man von vornherein jeden Erfolg. Das gilt im Großen wie im Kleinen; denn nicht nur aufsteigende Staaten treiben Kolonialpolitik. Jeder aufstrebenden Unternehmung liegen der Trieb nach Expansion und die damit verbundenen Gefahren nahe.
Die schönsten Kleider geben Lumpen.Den ganzen Tag sei vorsichtig.
In einer Zeit der Blüte deckt eine Erschütterung einen verborgenen Schaden auf, der rasch geflickt und bald vergessen wird. Nimm solche Vorfälle als ernste Winke, auch wenn danach wieder alles friedlich aussieht. Bleib wachsam und vernachlässige sie nicht; nur so lassen sich die üblen Folgen abwenden.
In Zeiten der Kulturblüte kommen immer zuweilen Erschütterungen vor, die einen inneren Schaden der Gesellschaft aufdecken und dann zunächst allgemeines Aufsehen erregen. Da jedoch die allgemeine Lage günstig ist, lassen sich solche Schäden unschwer flicken und vor der Öffentlichkeit verheimlichen. Dann verschwindet wieder alles aus dem Gedächtnis, und es sieht so aus, als herrschte eitel Friede. Dem Denkenden jedoch sind solche Vorfälle ernste Winke, die er nicht vernachlässigt. Nur dadurch kann man die üblen Folgen abwenden.
Der Nachbar im Osten, der einen Ochsen schlachtet,bekommt nicht soviel wirkliches Glückwie der Nachbar im Westen mit seinem kleinen Opfer.
Großer äußerer Aufwand steht hier einer kleinen, ernst gemeinten Gabe gegenüber. Auf der schlichten, aufrichtigen Geste ruht mehr Segen als auf dem prunkvollen, aber kalten Auftritt. Achte bei dem, was Du tust oder gibst, auf die innere Haltung; Prunk ersetzt den Ernst des Herzens nicht.
Auch die religiöse Haltung wird durch die seelische Stimmung in Zeiten nach der Vollendung beeinflußt. An Stelle der einfachen alten Formen tritt bei den Gottesdiensten immer reichere Ausgestaltung und immer größerer äußerer Prunk. Aber dieser Prachtentfaltung fehlt der innere Ernst. Menschliche Willkür tritt an die Stelle des gewissenhaften Innehaltens des göttlichen Willens. Aber während der Mensch sieht, was vor Augen ist, sieht Gott das Herz an. Darum ruht nicht soviel Segen auf dem mächtigen, aber kalten Gottesdienste, wie auf einem einfachen, frommen Opfer ruht.
Er kommt mit dem Haupt ins Wasser. Gefahr.
Wer eine Gefahr hinter sich hat und stehen bleibt, um sich im Rückblick selbst zu bespiegeln, kann doch noch mit dem Kopf ins Wasser geraten. Diese eitle Selbstbetrachtung bringt kein Glück. Schau nach vorn und geh entschlossen weiter; wer sich dazu nicht entschließt, dem geht es am Ende schlecht.
Hier ist zum Schluß nochmals eine Warnung beigefügt. Nach dem Übergang über ein Wasser kann man nur dann mit dem Kopf ins Wasser kommen, wenn man sich leichtsinnig wieder dem Wasser zuwendet. Solange man vorwärts schreitet und nicht zurücksieht, entgeht man dieser Gefahr. Allein es liegt etwas Verlockendes darin, stehenzubleiben und auf die überwundene Gefahr zurückzublicken. Solche eitle Selbstbespiegelung bringt aber kein Glück. Man gerät dadurch in Gefahr, und wenn man sich nicht noch entschließt, unaufhaltsam fortzuschreiten, so fällt man dieser Gefahr zum Opfer.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.