oben Dschen, das Erregende, Donner · unten Gen, das Stillehalten, Berg
Das Zeichen beschreibt eine Zeit, in der kleine Dinge gelingen und große nicht. Der fliegende Vogel bringt die Botschaft: nicht nach oben streben, unten bleiben. Angebracht sind außerordentliche Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit, verbunden mit der rechten Würde, so dass man sich nicht wegwirft. Nimm es mit den kleinen Dingen genau, sei einfach in Deinen Ansprüchen und erfülle Deine Pflichten gewissenhaft; unten zu bleiben geht hier sehr gut aus. Große Erfolge solltest Du jetzt nicht erwarten; dafür fehlt die Stärke.
Welche kleine Sache kannst Du jetzt besonders gewissenhaft tun?
Während bei dem Zeichen »Des Großen Übergewicht« (Nr. 28) die starken Striche im Übergewicht sind, und zwar innen, eingeschlossen zwischen die beiden Striche zu Anfang und zu Ende, sind hier die schwachen Striche im Übergewicht, ebenfalls außen, während die starken innen sind. Darauf beruht eben der Ausnahmezustand. Sind die starken Striche außen, so haben wir die Zeichen I, Ernährung, und Dschung Fu, Innere Wahrheit, die beide nicht Ausnahmezustände bezeichnen. Wenn die Starken innen im Übergewicht sind, so müssen sie sich durchsetzen. Das schafft Kampf und Ausnahmezustände im Großen. Hier dagegen muß notgedrungen das Schwache die Vertretung nach außen übernehmen. Wenn man an einem entscheidenden Platz steht, dem man seinem Wesen nach eigentlich nicht gewachsen ist, so ist außerordentliche Vorsicht nötig.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Des Kleinen Übergewicht. Gelingen.Fördernd ist Beharrlichkeit.Man mag kleine Dinge tun, man soll nicht große Dinge tun.Der fliegende Vogel bringt die Botschaft:Es ist nicht gut, nach oben zu streben,es ist gut, unten zu bleiben. Großes Heil!
Außerordentliche Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit wird sicher von Erfolg belohnt werden, nur ist es wichtig, daß sie nicht leere Formel und kriechendes Wesen werden, sondern mit der rechten Würde im persönlichen Auftreten verbunden bleiben, so daß man sich nicht wegwirft. Man muß verstehen, was die Forderungen der Zeit sind, um die rechte Ergänzung für die Mängel und Schäden der Zeit zu finden. Immerhin darf man sich nicht auf große Erfolge gefaßt machen, da dazu die nötige Stärke fehlt. Darum ist die Botschaft so wichtig, nicht nach hohen Dingen zu streben, sondern sich zu den niedrigen zu halten. Daß diese Botschaft durch einen Vogel gebracht wird, ergibt sich aus der Gestalt des Zeichens. Die vier starken, schweren Striche im Innern, die nur von zwei schwachen Strichen außen gestützt werden bei Da Go, Nr. 28, geben das Bild des lastenden Firstbalkens. Hier sind die tragenden leichten Striche außen und in der Überzahl; das gibt das Bild des schwebenden Vogels. Aber der Vogel soll sich nicht überheben und in die Sonne fliegen wollen, sondern sich herablassen auf die Erde, wo sein Nest ist. Damit gibt er die Botschaft, die das Zeichen verkündet.
Auf dem Berg ist der Donner:das Bild von des Kleinen Übergewicht.So legt der Edle im Wandeldas Übergewicht auf die Ehrerbietung.Bei Trauerfällen legt er das Übergewicht auf die Trauer.Bei seinen Ausgaben legt erdas Übergewicht auf die Sparsamkeit.
Der Donner auf dem Berge ist anders als der in der Ebene. In den Bergen ist der Donner viel näher, während er außerhalb der Gebirge weniger hörbar ist als der Donner eines gewöhnlichen Gewitters. So entnimmt der Edle diesem Bild die Aufforderung, in allen Dingen die Pflicht näher und unmittelbarer ins Auge zu fassen als die Menschen des Alltags, obwohl infolge davon sein Betragen von außen her gesehen kleinlich erscheinen könnte. Er nimmt es besonders genau mit seinen Handlungen. Bei Trauerfällen steht ihm die innere Ergriffenheit weit näher als äußerer Formelkram, und so ist er bei Aufwendungen für seine eigene Person außerordentlich einfach und anspruchslos. Dieses alles bewirkt, daß er den Menschen der Masse gegenüber eine Ausnahmeerscheinung ist. Aber das Wesen dieser Ausnahme liegt darin, daß sie nach außen hin auf der Seite des Geringen sich befindet.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Der Vogel kommt durch Fliegen ins Unheil.
Ein Vogel will fliegen, bevor er flügge ist. Greif nicht zu außergewöhnlichen Schritten, solange es noch anders geht, und füg Dich zunächst so lange wie möglich in das Gewohnte. Wer zu früh losfliegt, für den geht es schlecht aus; er verbraucht seine Kraft und erreicht nichts.
Der Vogel soll zunächst im Nest bleiben, bis er flügge ist. Will er vorher fliegen, so zieht er sich Unheil zu. Außerordentliche Maßnahmen dürfen erst getroffen werden, wenn es nicht mehr anders geht. Zunächst muß man sich so lange als möglich ins Herkömmliche fügen, sonst verbraucht man sich und seine Kraft und erreicht doch nichts.
Sie geht an ihrem Ahnherrn vorbei und trifft die Ahnfrau.Er erreicht nicht seinen Fürsten und trifft den Beamten.Kein Makel.
Wer das eigentliche Ziel nicht erreicht, etwa den Menschen an der Spitze, wendet sich an den, der ihm zugänglich ist, und reiht sich bescheiden ein. Erzwinge nichts mit Gewalt; erfüll gewissenhaft Deine Aufgabe dort, wo Du stehst. In außergewöhnlichen Zeiten ist eine solche Abweichung von der Regel kein Fehler.
Zwei Ausnahmefälle sind hier genannt: Im Ahnentempel, wo Generationenwechsel stattfindet, steht der Enkel auf derselben Seite wie der Großvater; darum hat er zu ihm die nächsten Beziehungen. Hier ist die Frau des Enkels gezeichnet, die beim Opfer am Ahnherrn vorübergeht und sich der Ahnfrau zuwendet. Dieses außerordentliche Verhalten ist aber ein Ausdruck ihrer Bescheidenheit. Sie wagt es eher, vor die Ahnfrau zu treten, der sie sich durch ihr Geschlecht verwandt fühlt; darum ist dieses Abweichen von der Regel kein Fehler.
Ein anderes Bild ist das des Beamten, der zunächst ordnungsgemäß bei seinem Fürsten Audienz sucht. Wenn er ihn aber nicht trifft, sucht er nichts mit Gewalt zu erzwingen, sondern findet sich in gewissenhafter Pflichterfüllung zurecht, indem er sich einreiht in die Zahl der Beamten. Auch diese außerordentliche Zurückhaltung ist in Ausnahmezeiten kein Fehler. (Als Regel gilt, daß jeder Beamte zunächst eine Audienz bei seinem Fürsten hat, durch den er angestellt wird. Hier geht die Anstellung von dem Minister aus.)
Wenn man sich nicht außerordentlich vorsieht,so kommt etwa einer von hinten und schlägt einen.Unheil!
Die Zeit verlangt außergewöhnliche Vorsicht, und gerade starke Menschen halten das im Gefühl ihres guten Rechts für kleinlich. Dieses Selbstvertrauen täuscht: Es gibt Gefahren aus dem Hinterhalt, denen man nicht gewachsen ist, und wer sich nicht vorsieht, für den geht es schlecht aus. Sieh Dich vor und achte auch auf Kleines; dann lässt sich die Gefahr vermeiden.
Zuzeiten ist außerordentliche Vorsicht unbedingt nötig. Aber gerade in solchen Lebenslagen gibt es gerade und starke Persönlichkeiten, die im Bewußtsein ihres guten Rechts es verschmähen, sich vorzusehen, weil sie das für kleinlich halten. Vielmehr gehen sie stolz und unbekümmert ihre Straße. Aber dieses Selbstvertrauen täuscht sie. Es gibt Gefahren, die aus dem Hinterhalt sich nahen und denen sie nicht gewachsen sind.
Immerhin handelt es sich um eine Gefahr, der man nicht unbedingt ausgesetzt ist, sondern die sich vermeiden läßt, wenn man die Zeitlage versteht, die eine Hinwendung auf das Kleine, Unbedeutende in außerordentlicher Weise verlangt.
Kein Makel. Ohne vorbeizugehen, trifft er ihn.Hingehen bringt Gefahr. Man muß sich hüten.Handle nicht. Sei dauernd beharrlich.
Die Lage verlangt äußerste Zurückhaltung: Was Du erreichen willst, kannst Du jetzt nicht aus eigenem Antrieb herbeiführen. Wolltest Du gewaltsam darauf zugehen, brächte das Gefahr. Handle also nicht, hüte Dich vor jedem Vorpreschen und bleib innerlich dauerhaft beständig; so machst Du keinen Fehler.
Die Härte des Charakters ist durch die Weichheit der Stellung gemildert, so daß man keinen Fehler macht. Man befindet sich in einer Lage, da man sich aufs äußerste zurückhalten muß. Man darf von sich aus nichts unternehmen, um das Gewünschte zu treffen. Und wenn man hingehen wollte, um gewaltsam sein Ziel zu erreichen, so käme man in Gefahr. Darum muß man sich hüten und nicht handeln, sondern dauernd die innere Beharrlichkeit wahren.
Dichte Wolken,kein Regen von unserm westlichen Gebiet.Der Fürst schießt und trifft jenen in der Höhle.
Dichte Wolken, die keinen Regen bringen, stehen für jemanden, der zu einer großen Aufgabe berufen ist, aber allein dasteht. Such Dir Helfer, mit denen Du das Werk gemeinsam schaffen kannst, und such sie bescheiden auch dort, wo sie sich zurückgezogen haben. Es kommt auf wirkliche Leistung an, ein großer Name zählt wenig.
Da hier ein hoher Platz ist, ist aus dem Bild des fliegenden Vogels das der fliegenden Wolken geworden. Aber ob die Wolken auch noch so dicht sind, sie fliegen am Himmel dahin und spenden keinen Regen. So kann in außerordentlichen Zeiten wohl ein geborener Herrscher da sein, der berufen wäre, die Welt in Ordnung zu bringen, aber er vermag nichts auszurichten und dem Volk seinen Segen nicht zuzuwenden, weil er allein steht und keinen Gehilfen hat.
In solchen Zeiten muß man nach Gehilfen suchen, mit denen zusammen man das Werk vollbringen kann. Aber diese Gehilfen muß man bescheiden in der Verborgenheit suchen, in die sie sich zurückgezogen haben. Nicht auf Berühmtheit und großen Namen kommt es an, sondern auf wirkliche Leistungen.
Durch solche Bescheidenheit findet man den rechten Mann und vermag das außerordentliche Werk trotz aller Schwierigkeit zu vollenden.
Ohne ihn zu treffen, geht er an ihm vorbei.Der fliegende Vogel verläßt ihn. Unheil!Das bedeutet Unglück und Schaden.
Wer über das Ziel hinausschießt, trifft es nicht, wie ein Vogel, der nicht ins Nest will und immer höher fliegt, bis er im Netz landet. Wer in einer Zeit, die Maß im Kleinen verlangt, nicht anhalten kann, entfernt sich von der natürlichen Ordnung. Halte rechtzeitig inne, sonst geht es schlecht aus.
Wenn man über das Ziel hinausschießt, so kann man es nicht treffen. Wenn der Vogel nicht in sein Nest will, sondern immer höher hinaus, so fällt er schließlich dem Jäger ins Netz. Wer in Zeiten des Außerordentlichen im Kleinen nicht haltzumachen weiß, sondern unruhig immer weiter will, der zieht sich Unheil durch Götter und Menschen zu, weil er sich von der Naturordnung entfernt.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.