oben Li, das Haftende, Feuer · unten Kan, das Abgründige, Wasser
Gemeint ist die Lage kurz vor dem Ziel, wenn man noch nicht drüben ist. Der kleine Fuchs ist fast über das Wasser und macht sich zuletzt doch den Schwanz nass. Denk an den alten Fuchs, der behutsam über das Eis geht, auf das Krachen horcht und sich die sichersten Stellen aussucht. Mit Überlegung und Vorsicht gelingt es; sie sind nach ihm die Grundbedingung des Erfolgs. Geh das letzte Stück so sorgfältig wie das erste, prüf, was noch fehlt, und bring jede Kraft an ihren richtigen Platz. Kurz vor dem Ende kühn draufloszugehen, wäre der Fehler.
Was fehlt noch auf dem letzten Stück, und wo gehst Du zu sorglos voran?
Es ist in dem Zeichen die Zeit angedeutet, da der Übergang aus der Unordnung zur Ordnung noch nicht vollendet ist. Der Umschwung ist zwar schon vorbereitet, indem alle Striche des oberen Trigramms zu denen des unteren in Beziehung stehen. Aber sie sind noch nicht auf ihrem Platz. Während das vorige Zeichen dem Herbst gleicht, der den Übergang vom Sommer zum Winter bildet, ist dieses Zeichen wie der Frühling, der aus der Stockungszeit des Winters in die fruchtbare Zeit des Sommers führt. Mit diesem hoffnungsvollen Ausblick schließt das Buch der Wandlungen ab.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Vor der Vollendung. Gelingen.Wenn aber der kleine Fuchs,wenn er beinahe den Übergang vollendet hat,mit dem Schwanz ins Wasser kommt,dann ist nichts, das fördernd wäre.
Die Verhältnisse sind schwierig. Die Aufgabe ist groß und verantwortungsvoll. Es handelt sich um nichts Geringeres, als die Welt aus der Verwirrung in die Ordnung zurückzuführen. Dennoch ist es eine Aufgabe, die Erfolg verheißt, da ein Ziel vorhanden ist, das die auseinanderstrebenden Kräfte zu vereinigen vermag. Nur muß man zunächst noch leise und behutsam vorgehen. Man muß vorgehen wie ein alter Fuchs, der übers Eis geht. In China ist die Vorsicht des Fuchses, wenn er über Eis geht, sprichwörtlich. Er horcht stets auf das Krachen und sucht sich sorgfältig und umsichtig die sichersten Stellen aus. Ein junger Fuchs, der diese Vorsicht noch nicht kennt, geht kühnlich drauflos, und da kann es vorkommen, daß er hineinfällt, wenn er beinahe schon über das Wasser ist, und seinen Schwanz naß macht. Dann war natürlich die ganze Mühe vergeblich. Dementsprechend ist in Zeiten vor der Vollendung Überlegung und Vorsicht die Grundbedingung des Erfolges.
Das Feuer ist oberhalb des Wassers:das Bild des Zustands vor dem Übergang.So ist der Edle vorsichtig in der Unterscheidung der Dinge, damit jedes auf seinen Platz kommt.
Wenn das Feuer, das ohnehin nach oben dringt, oben und das Wasser, dessen Bewegung abwärts geht, unten ist, so gehen ihre Wirkungen auseinander und bleiben ohne Beziehung. Will man eine Wirkung erreichen, so muß man erst erforschen, was die Natur der in Betracht kommenden Kräfte und welches der ihnen zukommende Platz ist. Bringt man die Kräfte an der rechten Stelle zum Einsatz, so haben sie die gewünschte Wirkung, und die Vollendung wird erreicht. Um aber die äußeren Kräfte richtig handhaben zu können, ist es vor allem nötig, daß man selbst den richtigen Standpunkt einnimmt. Denn nur von da aus kann man richtig wirken.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Er kommt mit dem Schwanz ins Wasser.Beschämend.
In unruhigen Zeiten lockt es, sich vorzudrängen und schnell etwas Sichtbares zu leisten. Solange die Zeit dafür nicht reif ist, endet dieser Eifer in Misserfolg und Beschämung. Halte Dich klug zurück und erspar Dir die Blamage eines Fehlschlags.
In Zeiten der Unordnung ist es verlockend, sich möglichst rasch vorzudrängen, um etwas Sichtbares zu leisten. Aber diese Begeisterung führt zu nichts als Mißerfolg und Beschämung, solange die Zeit noch nicht gekommen ist, etwas zu wirken. In dieser Zeit ist es klug, wenn man sich durch Zurückhaltung den Schimpf des Mißlingens erspart. (Man beachte den Unterschied der Situation vom ersten Strich des vorigen Zeichens.)
Er hemmt seine Räder.Beharrlichkeit bringt Heil.
Die Zeit zum Handeln ist noch nicht da, doch das Warten darf kein träges In-den-Tag-hinein-Leben sein. Bau die Kraft auf, die Dich später voranbringt, und halte sie noch zurück; das ist „gehemmte Kraft“. Verlier das Ziel nicht aus den Augen, denn wenn Du beständig bleibst, geht es schließlich gut aus.
Auch hier ist die Zeit zum Handeln noch nicht gekommen. Aber die Geduld, die vonnöten ist, darf nicht ein träges Warten sein, das in den Tag hineinlebt. Das würde dauernd zu keinem Erfolg führen. Sondern man muß in sich die Kraft ausbilden, die einen befähigt voranzukommen. Man muß gleichsam einen Wagen haben, um den Übergang zu vollziehen. Aber man muß ihn noch hemmen. Geduld im höchsten Sinn ist gehemmte Kraft. Daher darf man nicht einschlafen und das Ziel aus dem Auge verlieren. Wenn man stark und beständig in seinem Entschluß bleibt, dann geht schließlich alles gut.
Vor der Vollendung bringt Angriff Unheil.Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Der Moment des Übergangs ist gekommen, aber die eigene Kraft reicht nicht, um ihn zu vollenden. Wer ihn mit einem Angriff erzwingen will, für den geht es schlecht aus. Schaff eine neue Lage: Hol Dir tüchtige Helfer und tu den entscheidenden Schritt gemeinsam mit ihnen; dann wird möglich, was Du allein nicht schaffst.
Die Zeit des Übergangs ist da. Aber man hat nicht die Kraft, den Übergang zu vollenden. Wollte man versuchen, ihn zu erzwingen, so wäre das unheilvoll, eben weil dann der Zusammenbruch unvermeidlich wäre. Was ist aber zu tun? Man muß eine neue Lage schaffen, man muß die Kräfte tüchtiger Gehilfen heranziehen und mit ihnen gemeinsam den entscheidenden Schritt tun – das große Wasser durchqueren. Dann wird die Vollendung möglich werden.
Beharrlichkeit bringt Heil. Reue schwindet.Erschütterung, um das Teufelsland zu züchtigen.Drei Jahre lang gibt es Belohnungen mit großen Reichen.
Jetzt ist die Zeit des Kampfes, der Übergang muss vollzogen werden. Mach Dich in Deinem Entschluss ganz fest und lass alle Bedenken schweigen; es gilt, die Mächte des Zerfalls entschieden zurückzudrängen. Der Einsatz geht gut aus, und was Du bereust, vergeht; jetzt legst Du die Grundlagen für die Zukunft.
Nun ist die Zeit des Kampfes. Der Übergang muß vollzogen werden. Man muß sich in seinem Entschluß ganz stark machen; das bringt Heil. Alle Bedenken, die einem in solch ernsten Kampfzeiten aufsteigen können, müssen schweigen. Es gilt einen heißen Kampf, das Teufelsland, die Mächte des Zerfalls zu erschüttern und zu züchtigen. Aber der Kampf hat auch seinen Lohn. Jetzt ist die Zeit, Grundlagen der Macht und Herrschaft zu legen für die Zukunft.
Beharrlichkeit bringt Heil. Keine Reue.Das Licht des Edlen ist wahrhaftig.Heil!
Der Sieg ist errungen, die Beständigkeit hat sich bewährt, und alle Bedenken sind überwunden. Ein aufrichtiger Mensch strahlt wieder, und andere sammeln sich um ihn. Steh zu dem, was Du getan hast; es geht gut aus, und wie die Sonne nach dem Regen hebt sich das Neue umso heller vom Alten ab.
Der Sieg ist errungen. Die Kraft der Beständigkeit ist nicht zuschanden geworden. Es ist alles gut gegangen. Alle Bedenken sind überwunden. Der Erfolg hat die Tat gerechtfertigt. Aufs neue strahlt das Licht einer edlen Persönlichkeit und setzt sich durch unter Menschen, die daran glauben und sich darum sammeln. Die neue Zeit und mit ihr das Heil ist da. Und wie die Sonne nach dem Regen doppelt schön erstrahlt oder der Wald nach einem Brande aus den verkohlten Trümmern mit vermehrter Frische grünt, so hebt sich die neue Zeit vom Elend der alten um so glänzender ab.
In wahrem Vertrauen trinkt man Wein.Kein Makel. Wenn man aber sein Haupt naß macht,so verliert man das in Wahrheit.
Kurz vor dem Neuanfang sitzt man in vollem Vertrauen mit den Seinen zusammen und verbringt die Wartezeit beim Wein; das ist kein Fehler. Feiere ruhig mit, halte aber Maß. Wer im Übermut über die Stränge schlägt, verspielt die günstige Lage, die schon greifbar ist.
Vor der Vollendung an der Grenze der neuen Zeit ist man im vollen gegenseitigen Vertrauen mit den Seinen zusammen und verbringt die Zeit des Wartens beim Wein. Da die neue Zeit schon unmittelbar vor der Tür steht, ist das kein Makel. Nur muß man dabei auf das rechte Maß bedacht sein. Wenn man sich den Kopf im Übermut begießt, so verliert man die günstige Lage durch Unmäßigkeit.
Bemerkung: Wie das Zeichen »Nach der Vollendung« den allmählichen Übergang aus der Zeit des Aufstiegs über die Kulturhöhe zur Stockungszeit darstellt, so stellt das Zeichen »Vor der Vollendung« den Übergang aus dem Chaos zur Ordnung dar. Dieses Zeichen steht am Ende des Buchs der Wandlungen. Es weist darauf hin, daß in jedem Ende ein neuer Anfang liegt. So gibt es den Menschen Hoffnung. Das Buch der Wandlungen ist ein Buch der Zukunft.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.