oben Li, das Haftende, Feuer · unten Gen, das Stillehalten, Berg
Hier geht es ums Unterwegssein und Fremdsein, an einem neuen Ort oder in einem neuen Kreis. Der Wanderer hat keine feste Stätte, die Straße ist seine Heimat. Sei nicht schroff, strebe nicht hoch hinaus, bleib vorsichtig, zurückhaltend und zuvorkommend gegen andere; durch solche Kleinheit und Beharrlichkeit geht es gut aus. Den Halt findest Du dann in Dir selbst: Sorge dafür, dass Du innerlich recht und fest bist, verweile nur an guten Orten und verkehre nur mit guten Menschen. Brüste Dich nicht; als Fremder hat man keinen großen Bekanntenkreis, der einen trägt.
Was gibt Dir Halt, wenn Dir der vertraute Boden fehlt?
Der Berg (Gen) steht still, oben das Feuer (Li) flammt auf und verweilt nicht. Darum bleiben sie nicht beisammen. Fremde, Trennung ist das Los des Wanderers.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Der Wanderer. Durch Kleinheit Gelingen.Dem Wanderer ist Beharrlichkeit von Heil.
Als Wanderer und Fremdling darf man nicht schroff sein und hoch hinaus wollen. Man hat keinen großen Bekanntenkreis, darum darf man sich nicht brüsten. Man muß vorsichtig und zurückhaltend sein, so schützt man sich vor Übel. Wenn man gegen die andern zuvorkommend ist, so erringt man Erfolge. Der Wanderer hat keine feste Stätte, die Straße ist seine Heimat. Darum muß er dafür sorgen, daß er innerlich recht und fest ist, daß er nur an guten Orten verweilt und nur mit guten Menschen verkehrt. Dann hat er Heil und kann unangefochten seine Straße ziehen.
Auf dem Berg ist Feuer: das Bild des Wanderers.So ist der Edle klar und vorsichtig in der Anwendung von Strafen und verschleppt keine Streitigkeiten.
Wenn das Gras auf dem Berge abbrennt, so gibt es einen hellen Schein. Aber das Feuer verweilt nicht, sondern wandert der neuen Nahrung nach. Es ist nur eine rasch vorübergehende Erscheinung. So soll es auch mit Strafen und Prozessen sein. Sie müssen eine rasch vorübergehende Erscheinung sein und dürfen sich nicht verschleppen. Die Gefängnisse müssen etwas sein, das die Leute nur vorübergehend, wie Gäste, aufnimmt. Sie dürfen nicht zu Wohnräumen der Menschen werden.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Wenn der Wanderer sich mit kleinlichen Dingen abgibt,so zieht er sich dadurch Unglück zu.
In der Fremde und in schwacher Stellung gilt: Wer sich mit Kleinlichem und Niedrigem abgibt, schadet sich. Wer meint, durch Scherze und Lächerlichkeiten gut aufgenommen zu werden, irrt; das bringt nur Verachtung. Wahre gerade dann Deine Würde, wenn Du nach außen wenig giltst.
Ein Wanderer darf sich nicht entwürdigen und sich mit gemeinen Dingen am Weg abgeben. Gerade je niedriger und wehrloser seine Stellung nach außen hin ist, desto mehr muß er innerlich seine Würde wahren. Denn wenn ein Fremder denkt, dadurch freundliche Aufnahme zu finden, daß er sich zu Scherzen und Lächerlichkeiten hergibt, so irrt er sich. Die Folgen sind nur Verachtung und beleidigende Behandlung.
Der Wanderer kommt zur Herberge.Er hat seinen Besitz bei sich.Er erlangt eines jungen Dieners Beharrlichkeit.
Ein bescheidener, zurückhaltender Fremder verliert sich innerlich nicht und findet darum einen Ruheort. Weil er die Zuneigung der Menschen behält, fördern ihn alle, und es findet sich sogar ein treuer Helfer. Bleib zurückhaltend und bei Dir selbst; so wirst Du auch an einem fremden Ort getragen.
Der Wanderer, der hier gezeichnet wird, ist bescheiden und zurückhaltend. Innerlich verliert er sich nicht selbst, darum findet er einen Ruheort. Nach außen hin verliert er nicht die Zuneigung der Menschen, darum fördern ihn alle, so daß er Besitz erwerben kann. Außerdem findet sich ein treuer und zuverlässiger Diener bei ihm ein, wie er für den Wanderer von unschätzbarem Wert ist.
Dem Wanderer verbrennt seine Herberge.Er verliert die Beharrlichkeit seines jungen Dieners.Gefahr.
Ein Fremder, der sich nicht zu benehmen weiß und sich in fremde Streitigkeiten einmischt, verliert seinen Ruheplatz; wer seine Helfer hochfahrend behandelt, verliert auch deren Treue. Halte Dich aus Dingen heraus, die Dich nichts angehen, und behandle die, die Dir beistehen, mit Achtung. Ohne verlässliche Menschen wird die Lage sehr gefährlich.
Ein gewalttätiger Fremder weiß sich nicht zu benehmen. Er mischt sich in Angelegenheiten und Streitigkeiten, die ihn nichts angehen. Dadurch verliert er seinen Ruheplatz. Er behandelt seinen Diener fremd und hochfahrend. Dadurch verliert er dessen Treue. Wenn man als Fremder niemand mehr hat, auf den man sich verlassen kann, so ist das sehr gefährlich.
Der Wanderer ruht an einem Unterkunftsort.Er erlangt seinen Besitz und eine Axt.Mein Herz ist nicht froh.
Nach außen bescheiden, innerlich stark, hat hier jemand einen Platz gefunden und sogar Besitz erworben, doch sicher fühlt er sich nicht. Er muss ständig auf der Hut sein und spürt, dass er fremd ist. Bleib wachsam und bereit, Dein Erreichtes zu verteidigen; das Unbehagen gehört zu dieser Lage.
Hier ist ein Wanderer gezeichnet, der sich äußerlich zu bescheiden versteht, obwohl er innerlich stark und vorwärtsdringend ist. Darum findet er wenigstens einen Unterkunftsort, an dem er weilen kann. Auch gelingt es ihm, Besitz zu erwerben. Aber er ist mit seinem Besitz nicht in Sicherheit. Er muß stets auf der Hut sein, bereit, sich mit bewaffneter Hand zu verteidigen. Darum fühlt er sich nicht wohl. Es kommt ihm dauernd zum Bewußtsein, daß er ein Fremder ist in fremdem Land.
Er schießt einen Fasan; auf den ersten Pfeil fällt er.Schließlich kommt dadurch Lob und Amt.
Der Fasan, der beim ersten Pfeil fällt, steht für einen gelungenen Einstieg an einem fremden Ort. Triff die Lage und führ Dich in der rechten Weise ein. Dann findest Du Menschen, die Dich loben und empfehlen, und auch in der Fremde einen Freundes- und Wirkungskreis.
Die Staatsmänner auf Reisen pflegten sich bei den Fürsten durch das Geschenk eines Fasans einzuführen. Der Wanderer will hier in Fürstendienste treten. Er schießt zu diesem Zweck einen Fasan, den er beim ersten Schuß erlegt. So findet er Freunde, die ihn loben und empfehlen, und wird schließlich von dem Fürsten angenommen, der ihm ein Amt verleiht.
Oft kommen Verhältnisse vor, die einen veranlassen, in der Fremde seine Heimat zu suchen. Wenn man es versteht, die Lage zu treffen und sich in der rechten Weise einzuführen, so mag man einen Freundeskreis und Wirkungskreis auch in der Fremde finden.
Dem Vogel verbrennt sein Nest.Der Wanderer lacht erst,dann muß er klagen und weinen.Er verliert die Kuh im Leichtsinn. Unheil!
Wie dem Vogel das Nest verbrennt, verliert man seinen Ruheort, wenn man leichtsinnig wird. Wer sich in Scherz und Lachen gehen lässt und vergisst, dass er fremd ist, hat später zu klagen und zu weinen. Bewahre Dir Deine bescheidene Anpassungsfähigkeit; wer sie im Leichtsinn verliert, für den geht es schlecht aus.
Das Bild des Vogels, dem sein Nest verbrennt, zeigt den Verlust des Ruheorts. Wenn der Vogel beim Bau seines Nestes leichtsinnig und unvorsichtig war, so kann ihm dieses Unglück begegnen. So auch dem Wanderer. Wenn er sich gehen läßt in Scherz und Lachen und nicht mehr daran denkt, daß er ein Wanderer ist, so wird er später zu weinen und zu klagen haben. Denn wenn man im Leichtsinn seine Kuh, d. i. seine bescheidene Anpassungsfähigkeit, verliert, so ist das vom Übel.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.