oben Gen, das Stillehalten, Berg · unten Gen, das Stillehalten, Berg
Hier geht es ums Stillhalten, um ein bewusstes Anhalten. Die wahre Ruhe ist die, dass man stillehält, wenn die Zeit gekommen ist, stillezuhalten, und vorangeht, wenn die Zeit gekommen ist, voranzugehen. Das Herz denkt dauernd, doch die Gedanken sollen bei der gegenwärtigen Lage bleiben, denn alles Darüberhinausdenken macht das Herz nur wund. Halte inne, bevor Du den nächsten Schritt tust, und denk nur an das, was jetzt vor Dir liegt. Eil in Gedanken nicht weit voraus; so innezuhalten ist kein Fehler.
Was liegt jetzt vor Dir, wenn Du aufhörst, weit vorauszudenken?
Das Bild des Zeichens ist der Berg, der jüngste Sohn von Himmel und Erde. Das Männliche ist oben, wohin es seiner Natur nach strebt, das Weibliche unten, wohin seine Bewegungsrichtung führt. So ist Ruhe vorhanden, da die Bewegung ihr normales Ende erreicht hat.
Auf den Menschen angewandt, ist das Problem gezeigt, die Ruhe des Herzens zu erlangen. Das Herz ist sehr schwer zur Ruhe zu bringen. Während der Buddhismus die Ruhe erstrebt durch Abklingen jeglicher Bewegung im Nirwana, ist der Standpunkt des Buchs der Wandlungen, daß Ruhe nur ein polarer Zustand ist, der als seine Ergänzung dauernd die Bewegung hat.
Vielleicht sind in den Worten des Textes Anweisungen zur Yogaübung enthalten.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Stillehalten seines Rückens,so daß er seinen Leib nicht mehr empfindet.Er geht in seinen Hof und sieht nicht seine Menschen.Kein Makel.
Die wahre Ruhe ist die, daß man stillehält, wenn die Zeit gekommen ist, stillezuhalten, und daß man vorangeht, wenn die Zeit gekommen ist, voranzugehen. Auf diese Weise ist Ruhe und Bewegung in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Zeit, und dadurch gibt es Licht des Lebens.
Das Zeichen ist Ende und Anfang aller Bewegung. Der Rücken wird genannt, weil im Rücken alle Nervenstränge sich befinden, die die Bewegung vermitteln. Wenn man die Bewegung dieser Rückenmarksnerven zum Stillstand bringt, so verschwindet sozusagen das Ich in seiner Unruhe. Wenn nun der Mensch innerlich so ruhig geworden ist, dann mag er sich der Außenwelt zuwenden. Er sieht in ihr nicht mehr den Kampf und das Gewühl der Einzelwesen und hat deshalb die wahre Ruhe, wie sie nötig ist, um die großen Gesetze des Weltgeschehens zu verstehen und dementsprechend zu handeln. Wer aus dieser Tiefenlage heraus handelt, der macht keinen Fehler.
Zusammenstehende Berge: das Bild des Stillehaltens.So geht der Edle mit seinen Gedanken nicht über seine Lage hinaus.
Das Herz denkt dauernd. Das läßt sich nicht ändern. Aber es sollen die Bewegungen des Herzens, d. h. die Gedanken, sich auf die gegenwärtige Lebenslage beschränken. Alles Darüberhinausdenken macht das Herz nur wund.
Vergl. Goethe:
»Sehnsucht ins Ferne, Künftige zu beschwichtigen,Beschäftige dich hier und heut im Tüchtigen.«
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Stillehalten seiner Zehen.Kein Makel.Fördernd ist dauernde Beharrlichkeit.
Stillhalten der Zehen heißt: anhalten, noch bevor man sich überhaupt bewegt. Am Anfang sieht man die Dinge noch klar, unverstellt von Interessen und Begehrlichkeit. Halte an, solange Du noch auf dem rechten Weg bist, das ist kein Fehler, und bleib dabei fest, damit aus dem Innehalten kein willenloses Treibenlassen wird.
Das Ruhigbleiben der Zehen bedeutet ein Stehenbleiben, noch ehe man angefangen hat, sich zu bewegen. Der Anfang ist die Zeit, da man wenig Fehler macht. Man ist noch in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Unschuld. Man sieht die Dinge intuitiv, wie sie sind, noch unbeeinflußt von der Verdunkelung durch Interessen und Begehrlichkeit. Wer anfangs stillesteht, solange er die Wahrheit noch nicht verlassen hat, der findet das richtige. Nur ist dauernde Festigkeit nötig, damit man nicht in ein willenloses Sichtreibenlassen hineingerät.
Stillehalten seiner Waden.Er kann den nicht retten, dem er folgt.Sein Herz ist nicht froh.
Wer im Gefolge eines Stärkeren steht, wird mitgerissen. Selbst wenn er auf einem falschen Weg einhält, kann er den anderen nicht mehr aufhalten. Sieh nüchtern, dass Du jemanden, der vorwärtsdrängt, nicht retten kannst, wie gut Du es auch meinst; dass Dein Herz dabei schwer wird, gehört zu dieser Lage.
Das Bein kann sich nicht selbständig bewegen, sondern ist in seiner Bewegung abhängig von der Bewegung des Leibes. Wenn der Leib in starker Bewegung ist und das Bein wird plötzlich angehalten, so führt die weitergehende Bewegung des Leibes dazu, daß der Mensch fällt.
So ist es auch mit einem Menschen, der sich im Gefolge einer stärkeren Persönlichkeit befindet. Er wird mitgerissen. Selbst wenn er auf der Bahn des Unrechts einhält, so kann er doch den andern in seiner starken Bewegung nicht mehr aufhalten. Wo der Herr vorwärts drängt, kann ihn der Diener, auch wenn er es noch so gut meint, nicht retten.
Stillehalten seiner Hüften.Steifmachen seines Kreuzbeins.Gefährlich. Das Herz erstickt.
Hier wird Ruhe erzwungen: Ein unruhiges Herz soll mit Gewalt gebändigt werden. Das ist wie Feuer, das man zurückdrängt und das zu beizendem Rauch wird. Zwing Dich nicht mit Gewalt zur Ruhe; sie muss sich natürlich aus innerer Sammlung entwickeln, sonst wird es gefährlich.
Es handelt sich hier um erzwungene Ruhe. Das Herz, das in der Unruhe ist, soll gewaltsam gebändigt werden. Aber das Feuer, das gewaltsam zurückgedrängt wird, wandelt sich zu beizendem Rauch, der erstickend sich ausbreitet.
Bei Meditations- und Konzentrationsübungen darf man daher nicht gewaltsam vorgehen. Sondern die Ruhe muß sich ganz natürlich aus einem Zustand innerer Sammlung heraus entwickeln. Wenn gewaltsam durch künstliches Steifhalten die Ruhe erzwungen werden soll, so wird die Meditation zu großen Unzuträglichkeiten führen.
Stillehalten seines Rumpfes.Kein Makel.
Wer den Rumpf stillhält, kann seine Gedanken und Regungen schon zur Ruhe bringen, ist aber noch nicht ganz frei von ihnen. Zweifel und Unruhe kommen noch auf. Mach trotzdem weiter so; diese Haltung liegt auf dem Weg zu einer tieferen Ruhe und ist kein Fehler.
Ruhighalten des Rückens, wie es in den Worten zum Gesamtzeichen erwähnt ist, bedeutet, daß man das Ich vergißt. Das ist die höchste Stufe der Ruhe. Hier ist diese Stufe der Ruhe noch nicht erreicht. Man vermag es zwar schon, das Ich mit seinen Gedanken und Regungen stillezuhalten. Aber man wird doch noch nicht ganz frei davon. Immerhin ist das Stillehalten des Herzens eine wichtige Funktion, die mit der Zeit zum völligen Ausschalten der egoistischen Triebe führt. Wenn man auch noch nicht von allen Gefahren des Zweifels und der Unruhe frei bleibt, so ist dennoch diese Gemütshaltung, da sie auf dem Weg zu jener andern, höheren liegt, kein Fehler.
Stillehalten seiner Kinnladen.Die Worte haben Ordnung.Die Reue schwindet.
In einer schwierigen Lage ist man schnell mit Reden und vorlauten Scherzen bei der Hand und hat später manches zu bereuen. Halte Dich mit Worten zurück. Dann bekommt das, was Du sagst, eine feste Gestalt, und was Du bereust, vergeht.
In gefährlicher Lage, namentlich solange man der Lage nicht gewachsen ist, ist man sehr leicht mit Reden und vorlauten Scherzen bei der Hand. Aber durch unvorsichtiges Reden kommt man leicht in Situationen, da man nachher manches zu bereuen hat. Allein, wenn man sich im Reden zurückhält, so bekommen die Worte immer mehr eine feste Gestalt, und dann verschwindet jeder Anlaß zur Reue.
Großzügiges Stillehalten.Heil!
Am Ziel der Bemühung steht eine großzügige Ruhe, ohne kleinliches Abzirkeln im Einzelnen. Wer sich im Ganzen in die Lage fügt, findet Frieden auch für alle Einzelheiten. Hör auf, jede Kleinigkeit festhalten zu wollen; mit Gelassenheit im Großen geht es gut aus.
Hier ist die Vollendung der Bemühung zur Ruhe gegeben. Man ist ruhig nicht in kleinlich abgezirkelter Weise im einzelnen, sondern eine allgemeine Resignation im ganzen gibt Ruhe und Heil für alles Einzelne.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.