蹇

39. Giën · Das Hemmnis

oben Kan, das Abgründige, Wasser · unten Gen, das Stillehalten, Berg

Was das Zeichen heute sagt

Hier geht es um ein Hindernis, das sich nicht direkt überwinden lässt. Es ist Weisheit, hier stehen zu bleiben und sich zurückzuziehen, als Vorbereitung für den nächsten Anlauf. Das Hemmnis wirft Dich auf Dich selbst zurück: Such den Fehler bei Dir selbst, so wird die äußere Hemmung zum Anlass innerer Bildung. Tu Dich mit Gleichgesinnten zusammen und such Rat bei jemandem, der der Lage gewachsen ist; mit Beharrlichkeit geht es gut aus. Such die Schuld nicht bei anderen, und klag nicht das Schicksal an.

Welchen Anteil an diesem Hindernis findest Du bei Dir selbst?

Das Zeichen

Das Zeichen stellt einen gefährlichen Abgrund dar, der vor einem liegt; hinter sich hat man den steilen, unzugänglichen Berg. So ist man von Hemmnissen umgeben. Aber in der Eigenschaft des Berges, stillezuhalten, liegt auch gleichzeitig ein Fingerzeig, wie man aus den Hemmnissen herauskommen kann. Das Zeichen stellt Hemmnisse dar, die im Lauf der Zeit sich einstellen, die aber überwunden werden können und sollen. Daher ist die ganze Auskunft darauf gerichtet, die Hemmnisse zu überwinden.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Das Hemmnis. Fördernd ist der Südwesten.Nicht fördernd ist der Nordosten.Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.Beharrlichkeit ist von Heil.

Südwesten ist die Gegend des Rückzugs, Nordosten die Gegend des Vordringens. Es handelt sich um eine Lage, da sich Hemmnisse einem gegenüberstellen, die nicht direkt überwunden werden können. In diesem Fall ist es Weisheit, angesichts der Gefahr stehenzubleiben und sich zurückzuziehen. Dieser Rückzug ist jedoch nur die Vorbereitung zur Überwindung der Hemmnisse. Es gilt, sich mit gleichgesinnten Freunden zusammenzutun und sich der Leitung eines Mannes zu unterstellen, der der Lage gewachsen ist; dann wird es gelingen, die Hemmnisse zu beseitigen. Dazu bedarf es der Gesinnung der Beharrlichkeit gerade dann, wenn man scheinbar etwas tun muß, das vom Ziel abführt. Diese unbeirrbare Richtung des Innern bringt schließlich Heil. Das Hemmnis, das nur eine Zeitlang dauert, ist von Wert für die Bildung der eigenen Persönlichkeit. Das ist der Wert der Not.

Das Bild

Auf dem Berg ist das Wasser: das Bild des Hemmnisses.So wendet sich der Edle seiner eigenen Person zuund bildet seinen Charakter.

Schwierigkeiten und Hemmnisse werfen den Menschen auf sich selbst zurück. Während aber der Gemeine die Schuld draußen bei andern Menschen sucht und das Schicksal anklagt, sucht der Edle den Fehler in sich selbst, und durch dieses Insichgehen wird die äußere Hemmung für ihn ein Anlaß innerer Bereicherung und Bildung.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Sechs bedeutet:

Gehen führt in Hemmnis, Kommen findet Lob.

Wer vor einem Hemmnis steht, sollte zuerst überlegen, wie er am besten damit fertig wird. Blind nach vorn zu drängen führt nur in Verwicklungen. Zieh Dich vorerst zurück, ohne den Kampf aufzugeben, und warte den richtigen Augenblick zum Handeln ab; das bringt Anerkennung.

Wenn man sich einem Hemmnis gegenüber sieht, so handelt es sich darum, zu überlegen, wie man damit am besten fertig wird. Wenn eine Gefahr uns droht, dürfen wir nicht blindlings nach vorwärts streben, das führte nur in Verwicklungen. Sondern es ist richtig, sich zunächst zurückzuziehen, nicht um den Kampf aufzugeben, sondern um den richtigen Augenblick für das Handeln abzuwarten.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:

Des Königs Diener ist in Hemmnis über Hemmnis.Aber es ist nicht seine eigene Schuld.

Hier türmt sich Schwierigkeit auf Schwierigkeit, weil die Pflicht im Dienst einer größeren Sache genau dorthin führt. Wer so gebunden ist, darf der Gefahr entgegengehen, statt sie zu umgehen. Tu es und bleib dabei innerlich ruhig; in diese Lage hast Du Dich nicht durch eigene Schuld gebracht.

Während man normalerweise das Hemmnis am besten umgeht und auf der Linie des geringsten Widerstands zu überwinden sucht, gibt es doch einen Fall, da man der Schwierigkeit entgegengehen muß, auch wenn sich Schwierigkeit auf Schwierigkeit türmt: wenn nämlich der Weg der Pflicht dahin führt, daß man nicht aus freier Entschließung handeln kann, sondern die Pflicht hat, im Dienste einer höheren Sache die Gefahr aufzusuchen. Dann mag man es tun und dabei innerlich vollkommen beruhigt sein, weil man nicht durch eigene Schuld sich in diese schwierige Situation begeben hat.

Neun auf drittem Platz bedeutet:

Gehen führt in Hemmnisse; da kommt er zurück.

Wer für andere verantwortlich ist, als Haupt einer Familie oder einer Gruppe, darf sich nicht leichtsinnig in Gefahr stürzen, weil die Seinen allein nicht weiterkommen. Kehr um und wende Dich denen zu, die auf Dich angewiesen sind. Sie empfangen Dich mit großer Freude.

Während die vorige Linie den Beamten zeigt, der um der Pflicht willen den Weg der Gefahr gehen muß, ist hier der Mann gezeigt, der als Familienvater oder Haupt der Seinen zu handeln hat. Wollte er sich leichtsinnig in Gefahr stürzen, so würde es doch nutzlos sein, weil die seiner Hut Anvertrauten allein nicht weiterkommen. Zieht er sich dagegen zurück und wendet sich den Seinen wieder zu, so begrüßen ihn diese mit großer Freude.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Gehen führt in Hemmnisse,Kommen führt zur Vereinigung.

Die Lage ist eine, der man allein nicht gewachsen ist; der gerade Weg ist hier nicht der kürzeste. Wer ohne Vorbereitung aus eigener Kraft vorstößt, findet keinen Beistand und merkt zu spät, dass seine Rechnung nicht aufgeht. Halte Dich zunächst zurück und sammle verlässliche Gefährten, auf die Du Dich stützen kannst.

Auch hier ist eine Lage gezeichnet, der man allein nicht gewachsen ist. In solchem Fall ist der gerade Weg nicht der kürzeste. Wollte man aus eigner Kraft vorwärtsstreben, ohne die nötigen Vorbereitungen, so fände man nicht den nötigen Beistand und würde zu spät erkennen, daß die Berechnungen täuschen, indem die Umstände, mit denen man rechnen zu können hoffte, sich als zu schwach erweisen. Darum ist es in diesem Fall richtiger, zunächst sich zurückzuhalten und zuverlässige Gefährten um sich zu sammeln, auf die man sich stützen kann, um die Hemmnisse zu überwinden.

Neun auf fünftem Platz bedeutet: ○

Inmitten der größten Hemmnisse kommen Freunde.

Mitten in den größten Hemmnissen kommen Freunde. Das gilt für den, der berufen ist, einer Not abzuhelfen, und deshalb nicht ausweichen darf. Stell Dich der Schwierigkeit, nimm die Hilfe der Menschen an, die zu Dir kommen, und verteile die Arbeit planvoll, damit alle zusammen das Hindernis überwinden.

Hier sehen wir den Mann, der berufen ist, der Not zu steuern. Er darf den Hemmnissen nicht ausweichen wollen, auch wenn sie sich noch so gefährlich vor ihm auftürmen. Aber da er wirklich einen höheren Beruf hat, so ist die Macht seines Geistes stark genug, die Menschen an sich zu ziehen, daß sie kommen und ihm helfen, und er ist imstande, sie wirklich zu organisieren, damit durch die planvoll verteilte Zusammenarbeit aller Beteiligten das Hemmnis überwunden wird.

Oben eine Sechs bedeutet:

Gehen führt in Hemmnisse, Kommen führt zu großem Heil.Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.

Jemand, der das Weltgetriebe schon hinter sich gelassen hat, könnte versucht sein, sich ganz herauszuziehen. Dieser Weg ist ihm versperrt; die Pflicht ruft ihn noch einmal zurück. Bring Deine Erfahrung und innere Freiheit ein, und such einen bedeutenden Menschen, mit dem zusammen das Werk gelingt; das geht sehr gut aus.

Es ist hier jemand gezeichnet, der die Welt und ihr Getriebe schon hinter sich hat. Wenn nun die Zeit der Hemmnisse für die Welt kommt, so könnte es scheinen, als wäre es das einfachste für ihn, einfach die Welt hinter sich zu lassen und sich hinaus ins Jenseits zu flüchten. Aber dieser Weg ist ihm versperrt. Er darf nicht allein selig werden und die Welt ihrer Not überlassen. Sondern seine Pflicht ruft ihn noch einmal zurück ins Weltgetriebe. Gerade seine Erfahrung und innere Freiheit ermöglichen ihm dann, etwas Großes und Reifes zu schaffen, das Heil bringt. Und es ist fördernd, den großen Mann zu sehen, mit dem zusammen man das Werk der Rettung vollbringen kann.

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Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.