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40. Hië · Die Befreiung

oben Dschen, das Erregende, Donner · unten Kan, das Abgründige, Wasser

Was das Zeichen heute sagt

Das Zeichen beschreibt eine Befreiung: Es löst sich, was lange gedrückt hat. Es ist wie ein befreiender Regen, der alle Knospen zum Springen bringt. Er rät, sobald wie möglich zu den gewöhnlichen Verhältnissen zurückzukehren und Reste schnell aufzuarbeiten, damit reiner Tisch gemacht wird. Das Bild nennt dazu das Verzeihen: über Fehler hinweggehen und vergeben, was absichtlich geschah. Kehr bald in Deinen Alltag zurück und erledige, was noch offen ist; so geht es gut aus. Übertreib den Triumph nicht und dring nicht weiter vor, als nötig ist.

Was ist noch zu erledigen, damit Du reinen Tisch hast, und wem kannst Du verzeihen?

Das Zeichen

Die Bewegung geht hier aus der Gefahr heraus. Das Hemmnis ist beseitigt, die Schwierigkeiten sind in der Lösung begriffen. Die Befreiung ist noch nicht vorüber, sondern setzt eben erst ein, und ihre verschiedenen Stadien kommen in dem Zeichen zur Darstellung.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Die Befreiung. Fördernd ist der Südwesten.Wenn nichts mehr da ist, wohin man zu gehen hätte,ist das Wiederkommen von Heil.Wenn es noch etwas gibt, wohin man gehen muß,dann ist Raschheit von Heil.

Es handelt sich um eine Zeit, da Spannungen und Verwicklungen sich zu lösen beginnen. In solchen Zeiten gilt es, sobald wie möglich zu den gewöhnlichen Verhältnissen sich zurückzuziehen – dies die Bedeutung des Südwestens. Solche Zeiten des Umschlags sind sehr wichtig. Ähnlich wie ein befreiender Regen die Spannung der Atmosphäre löst und alle Knospen zum Springen bringt, wirkt eine Zeit der Befreiung von drückender Last erlösend und anregend auf das Leben. Aber eins ist wichtig: Man darf in solchen Zeiten den Triumph nicht übertreiben wollen. Es gilt, nicht weiter vorzudringen, als nötig ist. Sowie die Befreiung erreicht ist, zurückzukehren zur Ordnung des Lebens, das ist von Heil. Wenn noch Reste aufzuarbeiten bleiben, so gilt es, das so schnell wie möglich zu tun, damit reiner Tisch gemacht wird und keine Verzögerungen eintreten.

Das Bild

Donner und Regen erheben sich:das Bild der Befreiung.So verzeiht der Edle Fehler und vergibt die Schuld.

Das Gewitter hat luftreinigende Wirkung. So macht es der Edle auch mit den Fehlern und Sünden der Menschen, die Spannungszustände hervorrufen. Durch Klarheit schafft er Befreiung. Aber wenn die Verfehlungen am Tage sind, dann bleibt er nicht dabei, sondern geht über die Fehler, die unabsichtlichen Übertretungen, einfach weg, wie der Donner verklingt, und vergibt die Schuld, die absichtlichen Übertretungen, wie das Wasser alles vom Schmutz reinigt.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Sechs bedeutet:

Ohne Makel.

Die Hemmung ist vorüber, die Befreiung ist da, und viele Worte braucht es nicht. Nach überstandenen Schwierigkeiten ist Ruhe ganz das Richtige und kein Fehler. Erhol Dich, halt Dich still und mach kein großes Aufheben von dem, was hinter Dir liegt.

Es werden nicht viele Worte gemacht, entsprechend der Situation. Die Hemmung ist vorüber, die Befreiung ist da. Man erholt sich in Ruhe und hält sich still. Das ist in Zeiten nach überstandenen Schwierigkeiten ganz das richtige.

Neun auf zweitem Platz bedeutet: ○

Auf dem Feld erlegt man drei Füchseund bekommt einen gelben Pfeil.Beharrlichkeit ist von Heil.

Das Bild stammt von der Jagd: Listige Füchse, also Schmeichler, die Einfluss auf die Verantwortlichen suchen, müssen fort, ehe Befreiung möglich ist. Führ diesen Kampf mit Maß und auf geradem Weg, ohne falsche Waffen. Wer sich der Aufgabe ganz widmet, für den geht es gut aus: Er gewinnt eine innere Geradheit, die selbst gegen alles Falsche wirkt.

Das Bild ist von der Jagd genommen. Der Jäger fängt drei listige Füchse und erhält zur Belohnung einen gelben Pfeil. Die Hemmnisse des öffentlichen Lebens sind die falschen Füchse, die als Schmeichler den Herrscher zu beeinflussen suchen. Sie müssen beseitigt werden, ehe Befreiung eintreten kann. Aber der Kampf darf nicht mit falschen Waffen geführt werden. Die gelbe Farbe deutet auf Maß und Mitte beim Vorgehen gegen die Feinde, der Pfeil auf die gerade Richtung. Wenn man sich der Aufgabe der Befreiung mit ganzem Herzen widmet, bekommt man eine solche Kraft der inneren Geradheit, daß sie als Waffe wirkt gegen alles Falsche und Gemeine.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Wenn einer eine Last auf dem Rücken trägtund trotzdem auf dem Wagen fährt,veranlaßt er dadurch die Räuber, herbeizukommen.Beharrlichkeit führt zu Beschämung.

Wer gerade aus der Not heraus ist und es sich nun wie ein Emporkömmling bequem macht, ohne innerlich dazu zu passen, zieht Räuber an. Geh mit einer neuen, bequemeren Lage bescheiden um und stell sie nicht zur Schau. Wer so weitermacht, gerät bestimmt in Schande.

Ein Mensch ist aus ärmlichen Verhältnissen heraus in eine bequeme Lage gekommen, da er von Not befreit ist. Wenn er nun nach Art eines Emporkömmlings es sich bequem machen will, ohne doch in seinem Wesen zu den bequemen Verhältnissen zu passen, so zieht er dadurch Räuber an, und wenn er so fort macht, gerät er bestimmt in Schande.

Kungtse sagt darüber: »Eine Last auf dem Rücken zu tragen, ist das Geschäft eines gemeinen Menschen. Ein Wagen ist das Gerät eines vornehmen Mannes. Wenn nun ein Gemeiner das Gerät eines vornehmen Mannes benutzt, so denken die Räuber darauf, es ihm wegzunehmen. Wenn einer frech nach oben und hart nach unten ist, so denken die Räuber daran, ihn anzugreifen. Lässige Aufbewahrung verführt die Räuber zum Stehlen. Üppiger Schmuck eines Mädchens verlockt zum Raub ihrer Tugend.«

Neun auf viertem Platz bedeutet:

Befreie dich von deiner großen Zehe.Dann kommt der Gefährte herbei,und dem kannst du trauen.

Manche Bekanntschaften sind in stillen Zeiten aus bloßer Gewohnheit unentbehrlich geworden, wie die große Zehe dem Fuß. Löse Dich von denen, mit denen Du innerlich nicht zusammengehörst. Sonst bleiben die Gleichgesinnten misstrauisch fern, denen Du wirklich trauen kannst und mit denen sich gemeinsam etwas leisten lässt.

Zu Zeiten des Stillstandes kommt es vor, daß gemeine Menschen sich einem höheren Menschen anschließen und durch tägliche Gewohnheit mit ihm zusammenwachsen und unentbehrlich werden, wie die große Zehe dem Fuß, dem sie das Gehen erleichtert. Aber wenn die Zeit der Befreiung naht mit ihrer Berufung zur Tat, dann muß man sich frei machen von solchen Zufallsbekanntschaften, mit denen man doch nicht innerlich zusammengehört. Denn sonst bleiben die gleichgesinnten Freunde, denen man wirklich trauen kann und mit denen gemeinsam sich etwas leisten läßt, voll Mißtrauen weg.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet: ○

Wenn der Edle sich nur befreien kann, das bringt Heil.Er zeigt so den Gemeinen, daß es ihm ernst ist.

Befreiung verlangt hier einen inneren Entschluss; mit Verboten und äußeren Mitteln wird man Menschen, die einen herunterziehen, nicht los. Mach Dich innerlich ganz von ihnen frei; das geht gut aus. Dann merken sie von selbst, dass es Dir ernst ist, und ziehen sich zurück.

Befreiungszeiten bedürfen des inneren Entschlusses. Die Gemeinen sind nicht zu entfernen durch Verbote und äußere Mittel. Will man sie loswerden, so muß man sich innerlich erst vollkommen von ihnen losmachen, dann merken sie von selber, daß es einem ernst ist, und ziehen sich zurück.

Oben eine Sechs bedeutet:

Der Fürst schießt nach einem Habicht auf hoher Mauer.Er erlegt ihn. Alles ist fördernd.

Ein Habicht auf hoher Mauer steht für einen mächtigen, in seiner Bosheit verhärteten Menschen an hoher Stelle, der die Befreiung hindert und keiner inneren Einwirkung nachgibt. Hier braucht es entschlossenes Handeln mit den passenden Mitteln. Bereite diese Mittel sorgfältig vor, warte die rechte Zeit ab und handle dann; so gelingt alles.

Der Habicht auf hoher Mauer ist das Bild eines machtvollen Gemeinen an hoher Stelle, der die Befreiung hindert. Er widersteht der Einwirkung durch innere Einflüsse, da er in seiner Bosheit verhärtet ist. Er muß gewaltsam beseitigt werden; dazu bedarf es der entsprechenden Mittel.

Kungtse sagt darüber: »Der Habicht ist der Zweck der Jagd. Pfeil und Bogen sind die Werkzeuge und Mittel. Der Schütze ist der Mensch, der die Mittel zum Zweck richtig gebrauchen muß. Der Edle birgt die Mittel in seiner Person. Er wartet die Zeit ab, und dann handelt er. Wie sollte da nicht alles gut gehen? Er handelt und ist frei. Darum braucht er nur auszugehen und erlegt die Beute. So steht es mit einem Menschen, der handelt, nachdem er die Mittel fertiggestellt hat.«

Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.

Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.