oben Li, das Haftende, Feuer · unten Dui, das Heitere, See
Gemeint ist ein Gegensatz, zwischen Menschen oder zwischen zwei Absichten. Ein großes gemeinsames Werk lässt sich so nicht ausführen, doch im Kleinen geht es gut aus. Er rät, sich auf allmähliche Wirkungen im Kleinen zu beschränken. Das Bild rät, bei aller Gemeinschaft die eigene Besonderheit zu behalten, wie Feuer und Wasser, die sich nie vermischen. Such eine kleine Sache, die Ihr gemeinsam gut könnt, und bleib dabei, wer Du bist. Schroffes Vorgehen verschärft den Gegensatz nur.
Welche kleine Sache gelingt trotz des Gegensatzes, und kannst Du dort ansetzen?
Das Zeichen besteht aus dem oberen Urzeichen Li, die Flamme, die nach oben flammt, und dem Urzeichen Dui, der See, unten, der nach unten sickert. Diese Bewegungen stehen zueinander im Gegensatz. Ferner ist Li die zweite und Dui die jüngste Tochter. Obwohl sie im selben Hause wohnen, gehören sie doch verschiedenen Männern an, und ihr Wille ist daher nicht gemeinsam, sondern auf Gegensätzliches gerichtet.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Der Gegensatz. In kleinen Sachen Heil.
Wenn die Menschen in Gegensatz und Entfremdung leben, so läßt sich ein großes gemeinsames Werk nicht ausführen. Die Gesinnungen gehen zu weit auseinander. Vor allem darf man nicht schroff vorgehen, wodurch der Gegensatz nur noch verschärft würde, sondern muß sich auf allmähliche Wirkungen im kleinen beschränken. Hier ist noch Heil zu erwarten, da die Lage so ist, daß der Gegensatz nicht jede Verständigung ausschließt.
Der Gegensatz, der im allgemeinen als Hemmung erscheint, hat als polarer Gegensatz innerhalb eines umfassenden Ganzen auch seine guten und wichtigen Funktionen.
Die Gegensätze zwischen Himmel und Erde, Geist und Natur, Mann und Weib bewirken durch ihren Ausgleich die Schöpfung und Fortpflanzung des Lebens. In der sichtbaren Welt der Dinge ermöglicht der Gegensatz eine Sonderung in Arten, durch die Ordnung in die Welt kommt.
Oben das Feuer, unten der See:das Bild des Gegensatzes.So behält der Edle bei aller Gemeinschaft seine Besonderheit.
Wie die beiden Elemente Feuer und Wasser, auch wenn sie beisammen sind, sich nie vermischen, sondern ihre eigene Natur behalten, so wird der gebildete Mensch auch durch Verkehr und gemeinsame Interessen mit anders gearteten Menschen sich nie dahin bringen lassen, daß er sich gemein macht, sondern er wird bei aller Gemeinsamkeit doch immer seine Eigenart wahren.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Die Reue schwindet.Wenn du dein Pferd verlierst, so lauf ihm nicht nach.Es kommt von selber wieder.Wenn du böse Menschen siehst, so hüte dich vor Fehlern.
Bei einem beginnenden Gegensatz lässt sich Einheit nicht erzwingen. Ein Mensch, der zu Dir gehört und sich wegen eines Missverständnisses entfernt, kommt von selbst wieder, wenn Du ihn lässt; lauf ihm nicht nach. Wer sich dagegen als Fremder aufdrängt, den dulde einfach, ohne ihn mit Gewalt zu entfernen; er zieht sich von selbst zurück, und was Du bereust, vergeht.
Auch in Zeiten des Gegensatzes kann man so handeln, daß man frei von Fehlern bleibt, so daß die Reue schwindet. Man darf bei beginnendem Gegensatz die Einheit nicht erzwingen wollen; dadurch würde man nur das Gegenteil erreichen, wie ein Pferd sich immer weiter entfernt, wenn man ihm nachläuft. Ist es unser Pferd, so kann man es ruhig laufen lassen: es kommt von selber wieder. So kommt auch ein Mensch, der zu uns gehört und infolge eines Mißverständnisses sich augenblicklich von uns entfernt, von selber wieder, wenn man ihn machen läßt. Auf der anderen Seite gilt es vorsichtig sein, wenn böse Menschen, die nicht zu uns gehören, sich herbeidrängen – auch infolge eines Mißverständnisses. Hier gilt es, Fehler zu vermeiden: sie nicht gewaltsam entfernen wollen, wodurch erst recht Feindschaft entstünde, sondern sie einfach dulden. Sie ziehen sich schon von selbst zurück.
Man begegnet seinem Herrn in enger Gasse.Kein Makel.
Wer innerlich zusammengehört, findet wegen Missverständnissen manchmal nicht auf dem korrekten Weg zueinander. Dann darf auch ein zufälliges Treffen unter formlosen Umständen genügen. Nutze eine solche Begegnung ohne Bedenken, solange die innere Verbindung echt ist; das ist kein Fehler.
Infolge der Mißverständnisse ist es nicht möglich, daß Menschen, die ihrer Art nach zusammengehören, auf ganz korrekte Weise zusammenkommen. Da mag denn ein zufälliges Zusammentreffen unter unformellen Umständen auch hingehen, wenn nur die innere Zusammengehörigkeit vorhanden ist.
Man sieht den Wagen nach hinten gezerrt,die Rinder festgehalten,dem Menschen Haare und Nase abgeschnitten.Kein guter Anfang, aber ein gutes Ende.
Manchmal scheint sich alles gegen einen verschworen zu haben: Man wird gebremst, zurückgehalten, sogar beschimpft und gekränkt. Lass Dich davon nicht beirren und halte an dem Menschen fest, mit dem Du Dich zusammengehörig weißt. Der Anfang ist schlecht, das Ende wird gut.
Manchmal sieht es so aus, als ob sich alles gegen einen verschworen habe; man sieht sich im Fortschritt gehemmt und zurückgehalten, man sieht sich beschimpft und verletzt (Abschneiden von Haaren und Nase war eine schwere, entehrende Strafe). Aber man darf sich dann nicht irremachen lassen, sondern muß trotz dieser Gegensätze festhalten an dem Menschen, mit dem man sich zusammengehörig weiß. So wird trotz des schlechten Anfangs das Ende schließlich gut werden.
Durch Gegensatz vereinsamt,trifft man auf einen Gleichgesinnten,mit dem man in Treuen verkehren kann.Trotz der Gefahr kein Makel.
Wer durch einen inneren Gegensatz in seiner Umgebung vereinsamt, kann auf einen Menschen treffen, der von Grund auf zu ihm gehört. Schenk diesem Menschen Dein volles Vertrauen. Mit ihm lassen sich die Gefahren der Vereinsamung überwinden, Euer Wille hat Erfolg, und trotz der Gefahr ist es kein Fehler.
Wenn man in einer Gesellschaft ist, von der man durch einen inneren Gegensatz getrennt ist, so kommt man in Vereinsamung. Aber wenn man in solcher Lage einen Menschen trifft, der ursprünglich seinem ganzen Wesen nach zu einem gehört, dem man sein volles Vertrauen schenken kann, dann überwindet man alle Gefahren der Vereinsamung. Unser Wille hat Erfolg, und man wird frei von Fehlern.
Die Reue schwindet.Der Gefährte beißt sich durch die Hülle.Wenn man hingeht zu ihm, wie wäre das ein Fehler?
Ein treuer Gefährte, den man in der allgemeinen Entfremdung zuerst verkennt, beißt sich durch die trennende Hülle hindurch. Sobald er sich so in seinem wahren Wesen zeigt, geh ihm entgegen und arbeite mit ihm zusammen. Das ist eine Pflicht, und was Du bereust, vergeht.
Man findet einen treuen Menschen, den man in der allgemeinen Entfremdung zuerst verkennt. Aber er beißt sich durch die trennenden Hüllen durch. Da ist es nun für den, dem dieser Gefährte sich in seinem wahren Wesen zeigt, Pflicht, ihm entgegenzugehen und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Durch Gegensatz vereinsamt, sieht man seinen Gefährtenwie ein schmutzbeladenes Schwein,wie einen Wagen voll Teufel.Erst spannt man den Bogen nach ihm,dann legt man den Bogen weg.Nicht Räuber er ist, will freien zur Frist.Beim Hingehen fällt Regen, dann kommt Heil.
Diese Vereinsamung kommt aus dem eigenen Inneren: Man hält gerade die besten Freunde für unrein und gefährlich und geht in Abwehr. Prüf, ob Du jemanden so verkennst. Leg den Bogen weg, sobald Du merkst, dass der andere es gut meint; dann geht es gut aus, und die Spannung löst sich wie Gewitterschwüle im Regen.
Hier ist die Vereinsamung durch Mißverständnisse, nicht durch die äußeren Verhältnisse, sondern durch innere Zustände bedingt. Man verkennt seine besten Freunde, hält sie für unrein wie ein schmutziges Schwein und für gefährlich wie einen Wagen voll Teufel. Man setzt sich in Verteidigungsstellung. Aber schließlich erkennt man seinen Irrtum, legt den Bogen weg und merkt, daß der andere in bester Absicht zu enger Verbindung kommt. So löst sich die Spannung. Die Vereinigung löst den Gegensatz, wie der fallende Regen die Schwüle vor dem Gewitter ablöst. Alles geht gut, denn der Gegensatz schlägt gerade auf seiner Höhe in sein Gegenteil um.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.