oben Dschen, das Erregende, Donner · unten Sun, das Sanfte, Wind
Hier geht es darum, wie eine Beziehung, ein Werk oder ein Weg Bestand hat. Dauer ist hier eine Bewegung, die sich erneuert, bei der auf jedes Ende ein neuer Anfang folgt, wie Ein- und Ausatmen. Wer dauern will, schreibt er, geht mit der Zeit und wandelt sich mit ihr; das Dauernde ist die feste Richtung. Behalte Dein Ziel fest im Blick und bleib beweglich im Weg dorthin; dann gelingt es. Vorsicht vor Starrheit, denn bloßer Stillstand ist Rückgang.
Was ist Dein festes Ziel, und wo darfst Du auf dem Weg dorthin beweglicher sein?
Das starke Zeichen Dschen ist oben, das schwache Sun unten. Das Zeichen ist das Gegenstück zum vorigen: dort die Einwirkung, hier die Vereinigung als Dauerzustand. Die Bilder sind Donner und Wind, die ebenfalls dauernd verbundene Erscheinungen sind. Das untere Zeichen deutet auf Sanftheit im Innern, das obere auf Bewegung im Äußeren.
Auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen, haben wir hier die Einrichtung der Ehe als dauernder Verbindung der Geschlechter. Während bei der Werbung der junge Mann sich unter das Mädchen stellt, ist bei der Ehe, die durch das Zusammensein des ältesten Sohnes und der ältesten Tochter repräsentiert wird, der Mann nach außen hin leitend und bewegend, die Frau im Innern sanft und gehorchend.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Gelingen. Kein Makel.Fördernd ist Beharrlichkeit.Fördernd ist, zu haben, wohin man gehe.
Die Dauer ist ein Zustand, dessen Bewegung sich nicht durch Hemmungen aufreibt. Sie ist nicht ein Ruhezustand; denn bloßer Stillstand ist Rückgang. Dauer ist vielmehr eine in sich geschlossene und darum stets sich erneuernde, nach festen Gesetzen sich vollziehende Bewegung eines organisierten, in sich fest geschlossenen Ganzen, bei der auf jedes Ende ein neuer Anfang folgt. Das Ende wird erreicht durch die Bewegung nach innen, das Einatmen, die Systole, die Konzentration. Diese Bewegung geht über in einen neuen Anfang, bei dem die Bewegung nach außen gerichtet ist, das Ausatmen, die Diastole, die Expansion.
So haben die Himmelskörper ihre Bahnen am Himmel und können daher dauernd leuchten. Die Jahreszeiten haben ein festes Gesetz des Wechsels und der Umbildung und können daher dauernd wirken.
Und so hat auch der Berufene einen dauernden Sinn in seinem Weg, und die Welt kommt dadurch zur fertigen Bildung. Aus dem, worin die Dinge ihre Dauer haben, kann man die Natur aller Wesen im Himmel und auf Erden erkennen.
Donner und Wind: das Bild der Dauer.So steht der Edle fest und wandelt seine Richtung nicht.
Der Donner rollt, und der Wind weht. Beides ist etwas äußerst Bewegliches, so daß es dem Anschein nach das Gegenteil von Dauer ist. Aber ihr Hervortreten und Zurücktreten, ihr Kommen und Gehen folgt dauernden Gesetzen. So beruht die Selbständigkeit des Edlen auch nicht darin, daß er starr und unbeweglich ist. Er geht immer mit der Zeit und wandelt sich mit ihr. Das Dauernde ist die feste Richtung, das innere Gesetz seines Wesens, das alle seine Handlungen bestimmt.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Zu rasch Dauer wollen, bringt beharrlich Unheil.Nichts, was fördernd wäre.
Wer etwas Dauerhaftes auf einen Schlag erzwingen will, überstürzt sich. Was Bestand haben soll, entsteht nur allmählich, durch lange Arbeit und sorgfältiges Nachdenken. Verlang nicht zu viel auf einmal; wer zu viel will, für den geht es schlecht aus.
Etwas Dauerndes läßt sich nur allmählich durch lange Arbeit und sorgfältiges Nachdenken schaffen. »Wenn man etwas zusammendrücken will, muß man es erst sich ordentlich ausdehnen lassen«, sagt Laotse in diesem Sinn. Wer gleich auf einmal zu viel verlangt, der überstürzt sich. Und weil er zu viel will, gelingt ihm schließlich gar nichts.
Reue schwindet.
Die innere Stärke ist hier größer als die äußeren Mittel, und man könnte sich zu etwas hinreißen lassen, das über die eigenen Kräfte geht. Halte Deine Kraft beständig im Zaum und meide jedes Zuviel. Dann vergeht, was Du bereust.
Die Situation ist abnorm. Die Kraft des Charakters ist stärker als die zu Gebote stehende materielle Macht. Da könnte man vielleicht fürchten, daß man sich zu etwas hinreißen ließe, das über die Kraft geht. Allein da es die Zeit der Dauer ist, gelingt es, die innere Kraft zu beherrschen, so daß jedes Zuviel vermieden wird und so der Anlaß zur Reue schwindet.
Wer seinem Charakter nicht Dauer gibt,dem bietet man Schande.Beharrliche Beschämung.
Wer sich von Furcht und Hoffnung hin und her treiben lässt, verliert den inneren Zusammenhalt seines Charakters. Daraus entstehen immer wieder peinliche Erlebnisse, oft von einer Seite, mit der man nicht gerechnet hat. Bleib Dir selbst treu und beständig; die Beschämungen kommen weniger von außen als aus der eigenen Unbeständigkeit.
Wenn man in seinem Wesen umgetrieben wird von Stimmungen, die von der Außenwelt durch Furcht und Hoffnung erregt werden, so verliert man die innere Konsequenz des Charakters. Solche innere Inkonsequenz führt dauernd zu peinlichen Erlebnissen. Diese Beschämungen kommen häufig von einer Seite, an die man nicht gedacht hatte. Sie sind auch nicht sowohl Wirkungen der Außenwelt, als gesetzmäßige Zusammenhänge, die von dem eigenen Wesen ausgelöst werden.
Im Feld ist kein Wild.
Ein Jäger wartet beharrlich dort, wo es kein Wild gibt, und findet natürlich keines. Ausdauer allein genügt nicht. Prüfe, ob Du an der richtigen Stelle und auf die richtige Weise suchst; was man auf falsche Weise sucht, findet man nicht, so lange man auch wartet.
Wenn man auf der Jagd zu Schuß kommen will, so muß man es auf die rechte Weise anfangen. Wenn man dauernd dem Wild an einem Orte nachstellt, wo es keines gibt, so kann man noch so lange warten und findet keines. Dauer im Suchen genügt nicht. Was man nicht auf die rechte Weise sucht, findet man nicht.
Seinem Charakter Dauer geben durch Beharrlichkeit,das ist für eine Frau von Heil, für einen Mann von Unheil.
Der Spruch stammt aus den Rollenbildern seiner Zeit: Beharrliches Festhalten am Hergebrachten geht gut aus für den, der einem anderen folgt, und schlecht aus für den, der selbst führt. Wer Verantwortung trägt, muss beweglich bleiben. Trägst Du sie, dann richte Dich nach dem, was die Pflicht jeweils verlangt, und halte nicht starr am Gewohnten fest.
Eine Frau soll ihr ganzes Leben einem Manne folgen, der Mann aber soll sich an das halten, was jeweils seine Pflicht ist; wenn er sich dauernd nach der Frau richten wollte, so wäre das für ihn ein Fehler.
Dementsprechend ist für eine Frau konservatives Halten am Hergebrachten ganz gut. Dagegen der Mann muß beweglich und anpassungsfähig bleiben und darf sich nur durch das bestimmen lassen, was jeweils seine Pflicht verlangt.
Rastlosigkeit als dauernder Zustand bringt Unheil.
Manche Menschen sind ständig in hastiger Bewegung und kommen innerlich nie zur Ruhe. Diese Rastlosigkeit verhindert jede Gründlichkeit und wird gefährlich, sobald sie dort herrscht, wo Entscheidungen fallen. Als Dauerzustand geht das schlecht aus. Komm zur Ruhe, bevor Du weitermachst, besonders wenn andere von Deinen Entscheidungen abhängen.
Es gibt Menschen, die dauernd in hastiger Bewegung sind, ohne innerlich zur Ruhe zu kommen. Die Rastlosigkeit hindert nicht nur alle Gründlichkeit, sondern wird direkt zur Gefahr, wenn sie an maßgebender Stelle herrscht.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.