遯

33. Dun · Der Rückzug

oben Kiën, das Schöpferische, Himmel · unten Gen, das Stillehalten, Berg

Was das Zeichen heute sagt

Das Zeichen beschreibt eine Lage, in der Kräfte vordringen, gegen die man nicht ankommt. Rückzug unterscheidet sich ausdrücklich von der Flucht: Er ist ein Zeichen von Stärke, solange man noch im vollen Besitz von Kraft und Stellung ist. Zieh Dich rechtzeitig zurück, ohne dem Gegner einfach das Feld zu räumen, und bereite so schon den Umschwung vor; so gelingt der Rückzug. Das Bild rät, Menschen, denen es nur um ihren Vorteil geht, auf Abstand zu halten, ohne Zorn und mit Maß. Hass solltest Du meiden; er ist eine Art innerer Beteiligung, die Dich an den anderen bindet.

Wo wäre ein rechtzeitiger Rückzug gerade ein Zeichen von Stärke?

Das Zeichen

Die Kraft des Schattigen ist im Aufsteigen begriffen. Das Lichte zieht sich vor ihr in Sicherheit zurück, so daß jene ihm nichts anhaben kann. Es handelt sich bei diesem Rückzug nicht um menschliche Willkür, sondern um Gesetze des Naturgeschehens. Darum ist in diesem Fall der Rückzug die richtige Art des Handelns, die die Kräfte nicht aufreibt.

Als Monatszeichen ist das Hexagramm dem sechsten Monat (Juli–August) beigeordnet, in dem die Winterkräfte schon wieder anfangen, ihre Wirkung zu zeigen.

Es ist ein ähnlicher Gedanke in dem Zeichen ausgedrückt wie in dem Wort Jesu: »Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel« (Matth. 5, 39).

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Der Rückzug. Gelingen.Im Kleinen ist fördernd Beharrlichkeit.

Die Verhältnisse sind so, daß die feindlichen Kräfte, durch die Zeit begünstigt, im Vorrücken sind. In diesem Fall ist der Rückzug das richtige, und eben durch den Rückzug erlangt man Gelingen. Der Erfolg besteht darin, daß man den Rückzug richtig auszuführen vermag. Rückzug ist nicht zu verwechseln mit Flucht, die auf weiter nichts bedacht ist als Rettung unter allen Umständen. Rückzug ist ein Zeichen von Stärke. Man darf den rechten Moment nicht versäumen, solange man in vollem Besitz von Kraft und Stellung ist. Da versteht man rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu deuten und bereitet einen zeitweiligen Rückzug vor, statt sich in einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod einzulassen. So räumt man auch dem Gegner nicht ohne weiteres das Feld, sondern erschwert ihm das Vorrücken, indem man im einzelnen noch immer Beharrlichkeit zeigt. Auf diese Weise bereitet man im Rückzug schon den Umschwung vor. Die Gesetze eines solchen aktiven Rückzugs zu verstehen, ist nicht leicht. Der Sinn, der in solcher Zeit verborgen liegt, ist bedeutend.

Das Bild

Unter dem Himmel ist der Berg:das Bild des Rückzugs.So hält der Edle den Gemeinen fern,nicht zornig, sondern gemessen.

Der Berg erhebt sich unter dem Himmel, aber in seiner Natur liegt es, daß er schließlich stehenbleibt. Der Himmel dagegen zieht sich nach oben vor ihm in die Ferne zurück, so daß er unerreichbar bleibt. Das ist das Bild für die Art, wie der Edle sich dem aufsteigenden Gemeinen gegenüber verhält. Er zieht sich in seiner Gesinnung vor ihm zurück. Er haßt ihn nicht; denn der Haß ist eine Art von innerer Beteiligung, durch die man sich mit dem gehaßten Gegenstand verbindet. Der Edle zeigt die Stärke (Himmel) darin, daß er den Gemeinen durch seine Gemessenheit zum Stillstand bringt (Berg).

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Sechs bedeutet: □

Beim Rückzug am Schwanz: das ist gefährlich.Man darf nicht etwas unternehmen wollen.

Wer sich zurückzieht und dabei als Letzter geht, steht dem Druck von hinten am nächsten. In dieser Lage ist jeder neue Vorstoß gefährlich. Unternimm jetzt nichts und halt still; so entgehst Du der drohenden Gefahr am ehesten.

Da das Zeichen das Abbild von etwas sich Zurückziehendem ist, so ist der erste Strich der Schwanz und der oberste der Kopf. Beim Rückzug ist es vorteilhaft, vorne zu sein. Hier ist man hinten in unmittelbarer Berührung mit den nachdrängenden Feinden. Das ist gefährlich. Unter solchen gefahrvollen Umständen ist es nicht ratsam, etwas zu unternehmen. Durch Stillehalten entgeht man am leichtesten der drohenden Gefahr.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet: □

Er hält ihn fest mit gelbem Ochsenleder.Niemand vermag ihn loszureißen.

Gemeint ist jemand in schwächerer Stellung, der sich fest und zäh an Menschen hält, die sich eigentlich lösen wollen. Weil er das Rechte will und in seinem Willen stark ist, erreicht er sein Ziel. Bleib beharrlich bei dem, was Du als richtig erkannt hast, auch wenn andere auf Abstand gehen.

Gelb ist die Farbe der Mitte. Sie deutet auf das Korrekte, Pflichtgemäße. Das Leder eines Ochsen ist fest und unzerreißbar. Während die Edlen sich zurückziehen und die Geringen nachdrängen, ist hier ein Geringer gezeichnet, der sich so fest und zäh an die Edlen hält, daß sie sich von ihm nicht losmachen können. Und weil er das Rechte will und so stark ist in seinem Willen, erreicht er auch sein Ziel. Auf diese Weise bestätigt die Linie das Wort des Urteils: »Im Kleinen (hier soviel wie: für den geringen Mann) ist günstig Beharrlichkeit.«

Es ist ein ähnlicher Gedanke angedeutet wie in dem nächtlichen Kampf Jakobs mit dem Gott von Pniel 1. Mos. 32: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.«

Neun auf drittem Platz bedeutet:

Aufgehaltener Rückzug ist peinlich und gefahrvoll.Die Menschen als Knechte und Mägde zu halten, bringt Heil.

Ein Rückzug, der aufgehalten wird: Es wäre Zeit zu gehen, doch andere lassen einen nicht, und damit fehlt die Freiheit zu handeln. Behalte dann wenigstens das Heft in der Hand und bind diese Menschen in Deine Aufgaben ein, statt Dich ihnen auszuliefern. Erfreulich wird die Lage dadurch nicht, aber sie bleibt beherrschbar, und das geht gut aus.

Wenn es Zeit ist, sich zurückzuziehen, und man wird zurückgehalten, so ist das unangenehm und gefährlich zugleich, da einem die Freiheit des Handelns genommen ist. In solchem Falle ist der einzige Ausweg der, daß man die Menschen, die einen nicht gehen lassen, sozusagen in seinen Dienst nimmt, um sich so wenigstens die Initiative zu wahren und nicht wehrlos unter ihre Herrschaft zu kommen. Aber wenn dies auch ein Ausweg ist, erfreulich wird die Lage doch nicht. Denn was will man mit solchen Dienern ausrichten?

Neun auf viertem Platz bedeutet:

Freiwilliger Rückzug bringt dem Edlen Heil,dem Gemeinen Niedergang.

Hier zieht sich jemand freiwillig zurück, freundlich und ohne der eigenen Überzeugung Gewalt anzutun. Wer reif handelt, dem fällt dieser Abschied auch innerlich leicht, und für ihn geht es gut aus. Geh in Frieden, wenn Du gehen musst; den Schaden tragen eher die, die nur an sich denken und nun ohne Führung zurückbleiben.

Beim Rückzug handelt es sich für den höheren Menschen darum, daß er in aller Freundlichkeit und gerne Abschied nimmt. Der Rückzug fällt ihm auch innerlich leicht, weil er auf diese Weise seiner Überzeugung keine Gewalt anzutun braucht. Wer darunter zu leiden hat, das ist nur der Gemeine, von dem er sich zurückzieht und der ohne die Leitung des Edlen verkommen muß.

Neun auf fünftem Platz bedeutet: ○

Freundlicher Rückzug. Beharrlichkeit bringt Heil.

Wer den rechten Zeitpunkt zum Rückzug erkennt, kann sich in freundlichen Formen lösen, ganz ohne unangenehme Auseinandersetzungen. Bleib verbindlich im Ton und zugleich fest im Entschluss. Lass Dich durch andere Erwägungen nicht mehr davon abbringen; mit dieser Beharrlichkeit geht es gut aus.

Es ist die Sache des Edlen, rechtzeitig zu erkennen, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen. Wenn man den rechten Zeitpunkt wählt zum Rückzug, so kann sich dieser Rückzug in vollkommen freundschaftlichen Formen vollziehen, ohne daß unangenehme Auseinandersetzungen nötig würden. Aber trotz aller Verbindlichkeit der äußeren Form ist unbedingte Festigkeit des Entschlusses nötig, damit man sich nicht durch anderweitige Erwägungen irremachen läßt.

Oben eine Neun bedeutet:

Heiterer Rückzug. Alles ist fördernd.

Die innere Loslösung ist hier schon vollzogen, und darum steht der Weg frei. Wer so klar sieht, wohin er geht, findet eine heitere Fassung, die ohne Bedenken das Rechte wählt. Geh diesen Weg ohne weiteres Zögern; wo die Lage so eindeutig ist, führt er zum Guten.

Die Lage ist unzweideutig. Die innere Loslösung ist eine feststehende Tatsache. Dadurch hat man die Freiheit, zu gehen. Wo man seinen Weg so klar und zweifellos vor sich sieht, stellt sich eine heitere Fassung ein, die das Rechte ohne jedes Bedenken wählt. Ein solch klarer Weg führt stets zum Guten.

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Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.