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22. Bi · Die Anmut

oben Gen, das Stillehalten, Berg · unten Li, das Haftende, Feuer

Was das Zeichen heute sagt

Es geht gerade um Form und Schönheit, darum, wie etwas aussieht und wirkt. Die schöne Form zählt, und zugleich hat sie eine Grenze: Sie ist die Verzierung, nicht das Wesentliche. Wie das Feuer am Fuß des Berges erhellt sie nur das Nahe. Gib einer Sache ihre schöne Gestalt, wenn ihr Kern steht, und freu Dich daran; im Kleinen gelingt es so. Wichtige Fragen solltest Du aber nicht nach dem schönen Schein entscheiden; sie brauchen größeren Ernst.

Wo achtest Du mehr auf den schönen Schein als auf die Sache selbst?

Das Zeichen

Das Zeichen zeigt ein Feuer, das aus den geheimen Tiefen der Erde hervorbricht und emporflackernd den Berg, die himmlische Höhe, erleuchtet und verschönt. Die Anmut, die schöne Form ist nötig bei jeder Vereinigung, damit sie geordnet und lieblich wird und nicht chaotisch und ungeordnet.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Anmut hat Gelingen.Im Kleinen ist es fördernd, etwas zu unternehmen.

Die Anmut bringt Gelingen. Aber sie ist nicht das Wesentliche, die Grundlage, sondern nur die Verzierung. Daher darf sie nur sparsam, im Kleinen angewandt werden. In dem unteren Zeichen, Feuer, tritt eine weiche Linie zwischen zwei starke und macht sie schön; die starken aber sind das Wesen, die schwache Linie ist die verschönernde Form. Im oberen Zeichen, Berg, tritt die starke Linie bestimmend an die Spitze, so daß sie auch hier als ausschlaggebend in Betracht kommt. In der Natur sieht man am Himmel das starke Licht der Sonne. Auf ihr beruht das Leben der Welt. Aber dieses Starke, Wesentliche wird umgewandelt und findet anmutige Abwechslung durch Mond und Sterne. Im Menschenleben besteht die schöne Form darin, daß wie Berge feststehende, starke Ordnungen da sind, die durch die klare Schönheit gefällig gemacht werden. Die Betrachtung der Formen am Himmel verleiht die Fähigkeit, die Zeit und ihre wechselnden Anforderungen zu verstehen. Die Betrachtung der Formen im Menschenleben verleiht die Möglichkeit, die Welt zu gestalten.

Bemerkung: Das Zeichen zeigt die ruhende Schönheit: innen Klarheit und außen Stille. Das ist die Ruhe der reinen Betrachtung. Wenn das Begehren schweigt, der Wille zur Ruhe kommt, dann tritt die Welt als Vorstellung in die Erscheinung. Und als solche ist sie schön und dem Kampf des Daseins entnommen. Das ist die Welt der Kunst. Aber durch bloße Betrachtung wird der Wille nicht endgültig zur Ruhe gebracht. Er wird wieder erwachen, und alles Schöne war dann nur ein vorübergehender Moment der Erhebung. Darum ist dies noch nicht der eigentliche Weg zur Erlösung. Kungtse fühlte sich daher auch sehr unbehaglich, als er bei Gelegenheit einer Befragung des Orakels das Zeichen »Anmut« bekam.

Das Bild

Unten am Berg ist das Feuer: das Bild der Anmut.So verfährt der Edle bei der Klarstellungder laufenden Angelegenheiten,aber er wagt es nicht, danach Streitfragen zu entscheiden.

Das Feuer, dessen Schein den Berg erleuchtet und anmutig macht, leuchtet nicht auf große Entfernung. So genügt anmutige Form zwar, um kleinere Angelegenheiten zu erheitern und zu erhellen, aber wichtige Fragen können in dieser Weise nicht entschieden werden. Sie bedürfen größeren Ernstes.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Neun bedeutet:

Macht seine Zehen anmutig, verläßt den Wagen und geht.

Die Linie zeigt jemanden am Anfang, der sich unter der Hand eine Erleichterung verschaffen könnte und lieber zu Fuß geht. Lass bequeme Vorteile liegen, die auf zweifelhafte Weise zu haben wären. Den Weg aus eigener Kraft zu gehen, ist hier die bessere und auch die schönere Haltung.

Die Stellung zu Beginn und an untergeordnetem Platze bringt es mit sich, daß man die Mühe des Vorankommens selbst auf sich nehmen muß. Man hätte Gelegenheit, sich unter der Hand eine Erleichterung – dargestellt unter dem Bild des Wagens – zu verschaffen. Aber ein in sich geschlossener Mensch verschmäht solche auf zweifelhafte Weise erlangte Erleichterungen. Er findet es anmutiger, zu Fuß zu gehen, als unrechtmäßigerweise im Wagen zu fahren.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet: ○

Macht seinen Kinnbart anmutig.

Der Bart bewegt sich nur mit dem Kinn; er ist Zierde und nichts Eigenständiges. Die Form zählt also nur als Begleitung des Gehalts. Pflege das Äußere nicht um seiner selbst willen, denn das wäre Eitelkeit; kümmere Dich zuerst um die Sache, die es schmücken soll.

Der Bart ist nichts Selbständiges. Er kann nur mit dem Kinn zusammen bewegt werden. Das Bild bedeutet daher, daß die Form nur im Gefolge und als Begleiterscheinung des Gehalts in Betracht kommt.

Der Bart ist eine überflüssige Zierde. Seine selbständige Pflege – ohne Rücksicht auf den zu schmückenden inneren Gehalt – wäre daher ein Zeichen einer gewissen Eitelkeit.

Neun auf drittem Platz bedeutet:

Anmutig und feucht.Dauernde Beharrlichkeit bringt Heil.

Gemeint ist eine sehr angenehme Lage, in der einen Anmut und Glanz umgeben. So etwas kann schmücken, es kann einen aber auch versinken lassen. Lass Dich davon nicht in die Bequemlichkeit treiben und bleib dauerhaft bei Deiner Sache; dann geht es gut aus.

Es ist eine höchst anmutige Lebenslage, in der man sich befindet. Anmut und feuchtverklärter Glanz umgeben einen. Diese Anmut kann wohl schmücken, sie kann aber auch versinken lassen. Daher die Warnung, nicht in der feuchten Bequemlichkeit zu versinken, sondern dauernd beharrlich zu bleiben. Darauf beruht das Heil.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Anmut oder Einfachheit?Ein weißes Pferd kommt wie geflogen:Nicht Räuber er ist,Will freien zur Frist.

Es kommt der Zweifel auf, ob man weiter äußeren Glanz suchen oder zur Einfachheit zurückkehren soll; schon in diesem Zweifel liegt die Antwort. Von außen kommt Bestärkung, wie ein weißes Pferd im Flug. Wähl das Einfache, auch wenn Du auf manche Annehmlichkeit verzichtest; in einer treuen Verbindung findest Du Ruhe.

Man ist in einer Lage, in der sich Zweifel ergeben, ob man weiterhin die Anmut äußeren Glanzes suchen soll oder ob es nicht besser ist, zur Einfachheit zurückzukehren. In diesem Zweifel liegt schon die Antwort. Von außen naht sich eine Bestärkung. Es kommt heran wie ein weißes Flügelpferd. Die weiße Farbe deutet auf Einfachheit. Und wenn es auch im ersten Augenblick enttäuschend wirken könnte, daß man die Bequemlichkeiten, die man auf anderm Wege sich verschaffen könnte, entbehren muß: in der treuen Verbindung mit dem Freund und Freier findet man Beruhigung. Das fliegende Pferd ist das Bild der Gedanken, die alle Schranken des Raums und der Zeit überfliegen.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:

Anmut in Hügeln und Gärten.Das Seidenbündel ist ärmlich und klein.Beschämung, doch schließlich Heil.

Wer sich aus einer Umgebung zurückzieht, in der nur Pracht zählt, trifft auf einen Menschen, zu dem er aufblickt, und hat ihm nur wenig zu bieten. Das ist beschämend. Lass Dich davon nicht abhalten: Es kommt auf die wahre Gesinnung an und kaum auf die Größe der Gabe, darum geht es am Ende gut aus.

Man zieht sich aus dem Verkehr mit den Menschen der Tiefe, die nur Pracht und Luxus suchen, zurück in die Einsamkeit der Höhen. Da findet man einen Menschen, zu dem man aufblickt und den man sich zum Freunde machen möchte. Aber die Gastgeschenke, die man zu bieten hat, sind nur gering und dürftig, so daß man beschämt ist. Doch kommt es nicht auf die äußere Gabe an, sondern auf die wahre Gesinnung; darum geht schließlich alles gut.

Oben eine Neun bedeutet: ○

Schlichte Anmut.Kein Makel.

Auf der höchsten Stufe wird aller Schmuck abgelegt, und der Gehalt kommt ohne Verkleidung voll zur Geltung. Darin liegt die höchste Anmut: eine schlichte, sachgemäße Gestaltung. Lass weg, was nur verziert, und zeig die Sache, wie sie ist; das ist kein Fehler.

Hier auf der obersten Stufe wird aller Schmuck abgelegt. Die Form verdeckt nicht mehr den Gehalt, sondern läßt ihn zur vollen Geltung kommen. Die höchste Anmut besteht nicht in äußerer Verzierung des Materials, sondern in seiner schlichten, sachgemäßen Gestaltung.

Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.

Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.