oben Li, das Haftende, Feuer · unten Dschen, das Erregende, Donner
Das Durchbeißen steht für ein Hindernis, bei dem Verhandeln nicht mehr weiterführt. Bewusste Hinderungen verschwinden nicht von selbst, man muss energisch durchgreifen. Er verbindet dabei die Härte des Donners mit der Klarheit des Blitzes: Bloße Härte wäre zu heftig, bloße Klarheit zu schwach, beides zusammen schafft das rechte Maß. Benenn das Hindernis klar und handle entschlossen; dann gelingt es. Meide Unklarheit und Lässigkeit; durch sie werden Hindernisse erst groß.
Welches Hindernis musst Du klar benennen, damit es sich lösen lässt?
Das Zeichen stellt einen geöffneten Mund dar (vgl. Nr. 27, I), zwischen dessen Zähnen ein Hindernis ist (an vierter Stelle). Infolge davon lassen sich die Lippen nicht vereinigen. Um eine Vereinigung herbeizuführen, bedarf es des energischen Durchbeißens des Hindernisses. Das Zeichen besteht ferner aus den Zeichen für Donner und Blitz, um anzudeuten, wie Hindernisse in der Natur gewaltsam beseitigt werden. Das energische Durchbeißen überwindet das Hindernis der Vereinigung im Mund. Das Gewitter mit Donner und Blitz überwindet die störende Spannung in der Natur. Prozeß und Strafe überwinden die Störungen des harmonischen Zusammenlebens durch Verbrecher und Verleumder. Im Unterschied zu dem Zeichen Nr. 6, der Streit, wo es sich um Zivilprozesse handelt, ist hier der Strafprozeß behandelt.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Das Durchbeißen hat Gelingen.Fördernd ist es, Gericht walten zu lassen.
Wenn ein Hindernis der Vereinigung entgegensteht, so schafft energisches Durchbeißen Erfolg. Das gilt in allen Verhältnissen. Immer wird die Einheit, wo sie nicht zustande kommt, durch einen Zwischenträger und Verräter, durch einen Hindernden und Hemmenden aufgehalten. Da muß man energisch durchgreifen, damit kein dauernder Schade entsteht. Solche bewußten Hinderungen verschwinden nicht von selbst. Gericht und Strafe sind nötig zur Abschreckung bzw. Beseitigung.
Aber es gilt dabei in der rechten Weise vorzugehen. Das Zeichen ist aus Li, Klarheit, und Dschen, Erregung, zusammengesetzt. Li ist weich, Dschen ist hart. Bloße Härte und Erregung wäre zu heftig im Strafen. Bloße Klarheit und Weichheit wäre zu schwach. Beides vereint schafft das rechte Maß. Wichtig ist, daß der entscheidende Mann, der durch den fünften Strich repräsentiert ist, seiner Natur nach milde ist, während er durch seine Stellung ehrfurchtgebietend wirkt.
Donner und Blitz: das Bild des Durchbeißens.So festigten die früheren Königedie Gesetze durch klarbestimmte Strafen.
Die Strafen sind die einzelnen Anwendungen der Gesetze. Die Gesetze enthalten die Aufzeichnung der Strafen. Klarheit herrscht, wenn bei der Festsetzung der Strafen leichtere und schwerere je nach den entsprechenden Vergehen klar unterschieden werden. Das wird symbolisiert durch die Klarheit des Blitzes. Die Festigung der Gesetze erfolgt durch die gerechte Anwendung der Strafen. Das wird symbolisiert durch den Schrecken des Donners. Diese Klarheit und Strenge bezweckt, daß die Menschen in Respekt gehalten werden; nicht sind die Strafen um ihrer selbst willen wichtig. Die Hindernisse im Zusammenleben der Menschen werden alle groß durch Unklarheit der Strafbestimmungen und Lässigkeit in ihrer Ausführung. Nur durch Klarheit und bestimmte Raschheit der Strafen werden die Gesetze gefestigt.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Steckt mit den Füßen im Block, daß die Zehen verschwinden.Kein Makel.
Die Linie zeigt eine leichte Strafe gleich beim ersten Versuch, etwas Unrechtes zu tun. Sie ist eine Mahnung, auf einem falschen Weg rechtzeitig anzuhalten. Bekommst Du für einen ersten Fehltritt einen kleinen Dämpfer, nimm ihn als Glück: Er hält Dich davon ab, weiterzumachen, und bewahrt Dich vor Größerem. So bleibt es ohne Fehler.
Wenn jemand sofort beim ersten Versuch, etwas Böses zu tun, der Strafe verfällt, so ist die Strafe nur leicht. Es werden nur die Zehen vom Block bedeckt. Er wird dadurch am Weitersündigen verhindert und wird so frei von Makel. Es ist das eine Mahnung, auf der Bahn des Bösen rechtzeitig einzuhalten.
Die einzelnen Linien werden unabhängig vom Gesamtsinn des Zeichens so erklärt, daß der Erste und der Oberste Strafe erleiden, während die übrigen mit Verhängung von Strafen beschäftigt sind (vgl. dazu die entsprechenden Striche des Zeichens Nr. 4, Mong, die Jugendtorheit).
Beißt durch weiches Fleisch, daß die Nase verschwindet.Kein Makel.
Hier ist leicht zu sehen, was Recht und was Unrecht ist, doch man trifft auf einen hartnäckigen Gegner und geht im Zorn etwas zu weit. Die Empörung trübt dabei das feine Gespür. Lass Dich möglichst nicht hinreißen; weil Deine Sache aber gerecht ist, ist das Übermaß kein Fehler.
Recht und Unrecht lassen sich im vorliegenden Fall leicht unterscheiden. Es ist, wie wenn man durch weiches Fleisch beißt. Aber man trifft auf einen harten Sünder. Darum geht man aus Zorn in der Erregung etwas zu weit. Das Verschwinden der Nase beim Zubeißen bedeutet, daß man den feinen Spürsinn infolge der Empörung verliert. Doch schadet das nicht viel, weil die Strafe als solche gerecht ist.
Beißt auf altes Dörrfleisch und trifft auf Giftiges.Kleine Beschämung. Kein Makel.
Jemand soll eine alte, verfahrene Sache bereinigen, ohne genug Macht und Ansehen dafür zu haben. Die Betroffenen fügen sich nicht, und man zieht sich giftigen Hass zu. Das bringt Dich in eine etwas beschämende Lage; weil das Eingreifen aber nötig war, ist es kein Fehler.
Es soll jemand eine Strafe vollziehen, zu der er nicht genügend Macht und Ansehen besitzt. Darum fügen sich die Bestraften nicht. Es handelt sich um eine alte Sache – symbolisiert durch gesalzenes Wildpret – und dabei stößt man auf Schwierigkeiten. Das alte Fleisch ist verdorben. Man zieht sich durch Beschäftigung mit der Sache giftigen Haß zu. Dadurch kommt man etwas in eine beschämende Lage. Aber da es ein Erfordernis der Zeit war, zu strafen, so bleibt man doch frei von Makel.
Beißt auf getrocknetes Knorpelfleisch.Erhält Metallpfeile.Fördernd ist es,der Schwierigkeiten eingedenk und beharrlich zu sein.Heil!
Eine sehr schwere Aufgabe steht an: Mächtige Gegner sollen zur Rechenschaft gezogen werden, und das ist mühsam. Du brauchst dafür die Härte von Metall und die Geradheit eines Pfeils. Wenn Du die Schwierigkeiten klar siehst und beharrlich bleibst, geht es am Ende gut aus.
Es sind sehr große Schwierigkeiten zu überwinden. Mächtige Gegner sollen bestraft werden. Das ist sehr mühsam. Doch es gelingt. Aber man muß die Härte von Metall und die Geradheit eines Pfeils besitzen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn man diese Schwierigkeiten kennt und beharrlich bleibt, so erlangt man Heil. Die schwierige Aufgabe gelingt zuletzt.
Beißt auf getrocknetes Muskelfleisch.Erhält gelbes Gold.Beharrlich der Gefahr bewußt sein. Kein Makel.
Hier ist ein Fall zu entscheiden, der nicht leicht, aber klar ist, und die eigene Gutmütigkeit macht es schwer. Nimm Dich zusammen und sei unparteiisch und treu wie Gold. Bleib Dir der Gefahren bewusst, die aus der übernommenen Verantwortung kommen; dann machst Du keinen Fehler.
Man hat einen Fall zu entscheiden, der zwar nicht leicht, aber doch klar ist. Aber die eigene Natur ist zur Gutmütigkeit geneigt. Darum muß man sich zusammennehmen, daß man ist wie gelbes Gold, d. h. unparteiisch – Gelb ist die Farbe der Mitte – und treu wie Gold. Nur wenn man sich dauernd der Gefahren bewußt ist, die aus der Verantwortung entspringen, die man übernommen hat, bleibt man frei von Fehlern.
Steckt mit dem Hals im hölzernen Kragen,daß die Ohren verschwinden.Unheil!
Das Bild zeigt einen Menschen, der nicht mehr auf Warnungen hört, weil er für sie taub geworden ist. Diese Verstockung geht schlecht aus. Wenn Dich jemand warnt, hör hin, bevor sich kleine Verfehlungen zu einer Schuld anhäufen, die sich nicht mehr lösen lässt.
Es handelt sich hier im Unterschied zu der Anfangslinie um einen Menschen, der unverbesserlich ist. Er trägt zur Strafe den hölzernen Halskragen. Aber seine Ohren verschwinden darin. Er hört nicht mehr auf Warnungen, sondern ist taub für sie. Diese Verstockung führt ins Unheil.
Zu: »Anfangs eine Neun« bemerkt Kungtse:
Der Gemeine schämt sich nicht der Lieblosigkeit und scheut sich nicht vor Ungerechtigkeit. Wenn er keinen Vorteil winken sieht, so rührt er sich nicht. Wenn er nicht eingeschüchtert wird, so bessert er sich nicht. Doch wenn er im Kleinen zurechtgebracht wird, so nimmt er sich im Großen in acht. Das ist für den geringen Menschen ein Glück.
Zu: »Oben eine Neun« bemerkt Kungtse:
Wenn das Gute sich nicht ansammelt, reicht es nicht aus, einen berühmt zu machen. Wenn das Böse sich nicht ansammelt, ist es nicht stark genug, einen zu vernichten. Der Gemeine denkt deshalb, Gutes im Kleinen habe keinen Wert; darum unterläßt er es. Er denkt: Kleine Sünden schaden nichts. Darum gewöhnt er sie sich nicht ab. So sammeln sich seine Sünden an, bis sie sich nicht mehr bedecken lassen, und seine Schuld wird so groß, daß sie sich nicht mehr lösen läßt.
Es ist zu bemerken, daß noch eine andere Deutung besteht, die von der Idee »oben das Licht, d. h. die Sonne, unten die Bewegung« ausgehend das Zeichen auf einen Markt deutet, der unten in Bewegung ist, während die Sonne oben am Himmel steht. Und zwar handelt es sich um einen Eßwarenmarkt. Das Fleisch deutet auf Eßwaren. Gold und Pfeile sind Handelsartikel. Das Verschwinden der Nase bedeutet das Verschwinden des Geruchs, d. h. der Betreffende ist nicht habgierig. Das Gift deutet auf die Gefahren des Reichtums usw.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.