oben Kun, das Empfangende, Erde · unten Kiën, das Schöpferische, Himmel
Eine Zeit des Friedens, in der sich vieles fügt: Das beschreibt dieses Zeichen. Himmel und Erde vereinigen sich, das Kleine geht, das Große kommt; das Urteil verspricht, dass es gut ausgeht. Es ist eine Zeit der Eintracht, in der die Hohen sich zu den Niedrigen neigen und alle Fehde ein Ende hat. Ein solcher Kraftstrom will geordnet werden, so wie man das Jahr in Jahreszeiten teilt. Teil Deine Zeit und Kräfte bewusst ein, fördere, was gerade gedeiht, und geh auf Menschen zu, mit denen es bisher schwer war. Lass die gute Zeit nicht ungeordnet verstreichen.
Was gelingt Dir gerade leicht, und wie würdest Du es ordnen, damit es hält?
Das Empfangende, dessen Bewegung sich nach unten senkt, ist oben; das Schöpferische, dessen Bewegung nach oben steigt, ist unten. Ihre Einflüsse begegnen daher einander und sind in Harmonie, so daß alle Wesen blühen und gedeihen. Das Zeichen ist dem ersten Monat (Februar–März) zugeordnet, in dem die Kräfte der Natur den neuen Frühling vorbereiten.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Der Friede. Das Kleine geht hin, das Große kommt her.Heil! Gelingen!
Das Zeichen deutet in der Natur auf eine Zeit, da sozusagen der Himmel auf Erden ist. Der Himmel hat sich unter die Erde gestellt. So vereinigen sich ihre Kräfte in inniger Harmonie. Dadurch entsteht Friede und Segen für alle Wesen.
In der Menschenwelt ist es eine Zeit gesellschaftlicher Eintracht. Die Hohen neigen sich zu den Niedrigen herab, und die Niedrigen und Geringen sind den Hohen freundlich gesinnt, so daß alle Fehde ein Ende hat.
Innen, im Zentrum, am ausschlaggebenden Platz, ist das Lichte; das Dunkle ist draußen. So hat das Lichte kräftige Wirkung, und das Dunkle ist nachgiebig. Auf diese Weise kommen beide Teile auf ihre Rechnung. Wenn die Guten in der Gesellschaft in zentraler Stellung sind und die Herrschaft in Händen haben, so kommen auch die Schlechten unter ihren Einfluß und bessern sich. Wenn im Menschen der vom Himmel kommende Geist herrscht, so kommt auch die Sinnlichkeit unter seinen Einfluß und findet so den ihr gebührenden Platz.
Die einzelnen Linien treten von unten her in das Zeichen ein und verlassen es oben wieder. Es sind also die Kleinen, Schwachen, Schlechten im Weggang begriffen, und die Großen, Starken, Guten sind im Aufstieg. Das bringt Heil und Gelingen.
Himmel und Erde vereinigen sich: das Bild des Friedens.So teilt und vollendet der Herrscherden Lauf von Himmel und Erde,fördert und ordnet die Gaben von Himmel und Erdeund steht so dem Volke bei.
Himmel und Erde stehen im Verkehr und vereinigen ihre Wirkungen. Das gibt eine allgemeine Zeit des Blühens und Gedeihens. Dieser Kraftstrom muß vom Herrscher der Menschen geregelt werden. Das geschieht durch Einteilung. So wird die unterschiedslose Zeit entsprechend der Folge ihrer Erscheinungen vom Menschen in Jahreszeiten eingeteilt und der allumgebende Raum durch menschliche Festsetzungen in Himmelsrichtungen unterschieden. Auf diese Weise wird die Natur mit ihrer überwältigenden Fülle der Erscheinungen beschränkt und gebändigt. Auf der andern Seite muß die Natur in ihren Hervorbringungen gefördert werden. Das geschieht, wenn man die Erzeugnisse der richtigen Zeit und dem richtigen Ort anpaßt. Dadurch wird der natürliche Ertrag gesteigert. Diese bändigende und fördernde Tätigkeit der Natur gegenüber ist die Arbeit an der Natur, die dem Menschen zugute kommt.
Denselben Gedanken hat Goethe ausgedrückt in den Versen:
Dich im Unendlichen zu finden,Mußt unterscheiden und dann verbinden.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Zieht man Bandgras aus, so geht der Rasen mit.Jeder nach seiner Art. Unternehmungen bringen Heil.
In einer guten Zeit zieht einer, der eine Aufgabe übernimmt, gleich andere mit, so wie Gras, dessen Wurzeln zusammenhängen. Jetzt ist Wirkung im Großen möglich. Geh hinaus, nimm Gleichgesinnte mit und pack etwas an; was Du jetzt unternimmst, geht gut aus.
In Zeiten der Blüte zieht jeder tüchtige Mann, der auf einen Posten berufen wird, sofort andere Gleichgesinnte nach sich, wie man beim Herausziehen von Bandgras immer gleich mehrere durch die Wurzeln miteinander zusammenhängende Stengel mit herauszieht. Der Sinn des Tüchtigen ist in solchen Zeiten, da die Wirkung im Großen möglich ist, darauf gerichtet, ins Leben hinauszuziehen und etwas zu leisten.
Die Ungebildeten in Milde tragen,entschlossen den Fluß durchschreiten,das Ferne nicht vernachlässigen,die Genossen nicht berücksichtigen:so mag man es fertigbringen, in der Mitte zu wandeln.
Eine Blütezeit verlangt innere Größe: auch Unvollkommene mitzutragen, ohne nachlässig zu werden. Wag Notwendiges, auch wenn es gefährlich ist, kümmere Dich gewissenhaft um das, was weit weg liegt, und bilde keine Clique mit Deinen Vertrauten. So entgehst Du dem schleichenden Erschlaffen, das in jeder ruhigen Zeit lauert.
In Zeiten der Blüte ist es vor allem wichtig, daß man die innere Größe besitzt, auch die Unvollkommenen zu tragen. Denn ein großer Meister kennt kein unfruchtbares Material. Er kann aus allem noch etwas machen. Diese Weitherzigkeit ist aber keineswegs Nachlässigkeit oder Schwäche. Man muß gerade in Blütezeiten stets bereit sein, auch gefährliche Unternehmungen, wie das Überschreiten eines Flusses, zu wagen, wenn sie notwendig sind. Ebenso gilt es nicht, das Entfernte zu vernachlässigen, sondern mit Pünktlichkeit alles zu besorgen. Vor Parteiungen und Cliquenwirtschaft hat man sich besonders zu hüten. Denn wenn auch die Gleichgesinnten zusammen hervortreten, dürfen sie doch nicht durch gegenseitiges Zusammenhalten eine Partei bilden, sondern es muß jeder seine Pflicht tun. Diese vier Dinge sind es, durch die man die verborgene Gefahr allmählichen Erschlaffens, die in jeder Friedenszeit lauert, überwinden kann, und auf diese Weise findet man die rechte Mitte des Handelns.
Keine Ebene, auf die nicht ein Abhang folgt,kein Hingang, auf den nicht die Wiederkehr folgt.Ohne Makel ist, wer beharrlich bleibt in Gefahr.Beklage dich nicht über diese Wahrheit,genieße das Glück, das du noch hast.
Alles Irdische wechselt: Auf Blüte folgt Niedergang, und das Schlechte lässt sich zurückdrängen, kommt aber wieder. Das soll nicht schwermütig machen, nur wach im Glück. Bleib der Gefahr bewusst, denn wer in ihr beharrlich bleibt, macht keinen Fehler, und freu Dich an dem Guten, das Du hast; solange Du innerlich stärker bleibst als das äußere Glück, bleibt es Dir treu.
Alles Irdische ist dem Wechsel unterworfen. Auf Blüte folgt Niedergang. Das ist das ewige Gesetz auf Erden. Das Schlechte kann wohl zurückgedrängt, aber nicht dauernd beseitigt werden. Es kommt wieder. Diese Überzeugung könnte einen schwermütig machen. Aber das soll sie nicht. Sie soll nur bewirken, daß man im Glück nicht in Verblendung gerät. Bleibt man der Gefahr eingedenk, so bleibt man beharrlich und macht keinen Fehler. Solange das innere Wesen stärker und voller bleibt als das äußere Glück, solange wir innerlich dem Schicksal überlegen bleiben, solange bleibt das Glück uns treu.
Er flattert hernieder, nicht pochend auf Reichtum,zusammen mit seinem Nächsten, arglos und wahrhaftig.
Hier kommen Menschen in gehobener Stellung ganz einfach und ohne Prahlen mit ihrem Reichtum zu denen, die weniger haben. Das geschieht aus innerer Überzeugung, ohne Zwang der Umstände. Begegne anderen arglos und ehrlich und lass Deine Stellung nicht spüren; wo das Vertrauen echt ist, ergibt sich die Nähe von selbst.
In Zeiten gegenseitigen Vertrauens kommen die Hohen ganz einfach, und ohne auf ihren Reichtum zu pochen, gemeinsam zu den Niedrigen. Das ist nicht Zwang der Umstände, sondern entspricht der innersten Gesinnung. Dann macht sich die Annäherung ganz zwanglos, weil sie auf innerer Überzeugung beruht.
Der Herrscher I gibt seine Tochter in die Ehe.Das bringt Segen und erhabenes Heil.
Das Bild stammt aus einer alten Heiratsregel: Prinzessinnen, im Rang höher als ihre Männer, sollten sich in der Ehe einfügen wie jede andere Frau. Gemeint ist eine wirklich bescheidene Verbindung von hoch und niedrig. Hast Du in einer Verbindung mehr Rang oder Macht, stell sie zurück; das bringt Segen und geht sehr gut aus.
Der Herrscher I ist Tang, der Vollender. Er hatte bestimmt, daß die kaiserlichen Prinzessinnen, trotzdem sie im Rang höher standen als die Gatten, denen sie vermählt wurden, ebenso ihren Gatten zu gehorchen hatten wie andere Ehefrauen. Auch hier ist auf wirklich bescheidene Vereinigung von hoch und niedrig hingewiesen, die Glück und Segen bringt.
Der Wall fällt wieder in den Graben.Jetzt brauche keine Heere.In der eigenen Stadt verkünde deine Befehle.Beharrlichkeit bringt Beschämung.
Die Wende ist da: Der Wall sinkt in den Graben zurück, aus dem er genommen war, und das Verhängnis bricht herein. Stemm Dich nicht mit Gewalt dagegen und bewahr Dich im engsten Kreis. Wer auf dem üblichen Weg weiter Widerstand leistet, macht den Zusammenbruch nur schlimmer und erntet Beschämung.
Der schon in der Mitte des Zeichens angedeutete Wechsel ist eingetreten. Der Stadtwall sinkt wieder in den Graben zurück, aus dem er genommen war. Das Verhängnis bricht herein. In diesem Fall gilt es, sich dem Schicksal zu fügen und nicht durch gewaltsamen Widerstand das Schicksal aufhalten zu wollen. Das einzige, was übrig bleibt, ist, im engsten Kreis sich zu wahren. Wollte man auf dem üblichen Weg beharrlich dem Übel widerstreben, so würde der Zusammenbruch nur schlimmer, und Beschämung wäre die Folge.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.