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10. Lü · Das Auftreten

oben Kiën, das Schöpferische, Himmel · unten Dui, das Heitere, See

Was das Zeichen heute sagt

Das Zeichen zeigt eine Lage nah an etwas Starkem, das leicht gereizt reagiert. „Auftreten auf des Tigers Schwanz. Er beißt den Menschen nicht.“ Der Grund: Die Berührung ist heiter und nicht verletzend. Mit guten, angenehmen Formen gelingt es nach ihm auch bei reizbaren Menschen. Bleib höflich, ruhig und freundlich, etwa vor einem schwierigen Gespräch mit einem ersten Satz, den Du Dir vorher zurechtlegst. Meide jede Schroffheit; sie weckt den Tiger.

Wem oder was begegnest Du gerade zu forsch, wo Freundlichkeit weiterbrächte?

Das Zeichen

Das Auftreten bedeutet einerseits die richtige Art, sich zu benehmen. Oben ist der Himmel, der Vater, unten ist der See, die jüngste Tochter. Das zeigt den Unterschied von hoch und niedrig, wie er der Stille, dem richtigen Auftreten in der Gesellschaft zugrunde liegt. Auftreten heißt wörtlich: »treten auf etwas«. Das kleine »Heitere« tritt auf das große »Starke«. Die Bewegungsrichtung beider Urzeichen ist nach oben. Daß das Starke auf das Schwache tritt, ist etwas Selbstverständliches, das im Buch der Wandlungen nicht besonders erwähnt wird. Das Auftreten des Schwachen dem Starken gegenüber ist deshalb nicht gefährlich, weil es in Heiterkeit geschieht, ohne Anmaßung, so daß der Starke nicht gereizt wird und es sich gutmütig gefallen läßt.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Auftreten auf des Tigers Schwanz.Er beißt den Menschen nicht. Gelingen.

Die Lage ist eigentlich schwierig. Stärkstes und Schwächstes ist unmittelbar beisammen. Das Schwache geht hinter dem Starken her und macht sich mit ihm zu schaffen. Aber das Starke läßt es sich gefallen und tut ihm nichts zuleide, denn die Berührung ist heiter und nicht verletzend.

Die menschliche Lage ist, daß man es mit wilden, unzugänglichen Menschen zu tun hat. Man erreicht in diesem Falle seinen Zweck, wenn man sich in seinem Auftreten an die gute Sitte hält. Gute, angenehme Formen des Auftretens führen auch reizbaren Menschen gegenüber zum Gelingen.

Das Bild

Oben der Himmel, unten der See: das Bild des Auftretens.So unterscheidet der Edle hoch und niedrigund festigt dadurch den Sinn des Volkes.

Himmel und See zeigen einen Höhenunterschied, der durch ihr Wesen von selbst gekommen ist und daher durch keinerlei Neid getrübt wird. So muß es auch in der Menschheit Höhenunterschiede geben. Eine allgemeine Gleichheit ist unmöglich durchzuführen. Es handelt sich aber darum, daß die Rangunterschiede in der menschlichen Gesellschaft nicht willkürlich und ungerecht sind; denn dann ist Neid und Klassenkampf die unausbleibliche Folge. Wenn dagegen die äußeren Rangunterschiede einer inneren Berechtigung entsprechen und innere Würdigkeit der Maßstab für den äußeren Rang ist, dann beruhigen sich die Menschen dabei, und die Gesellschaft kommt in Ordnung.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Neun bedeutet:

Einfaches Auftreten. Fortschreiten ohne Makel.

Gemeint ist ein Anfang in einfachen Verhältnissen, noch ohne viele Verpflichtungen gegenüber anderen. Gib Dich mit dem Einfachen zufrieden und geh voran, weil Du etwas leisten willst, und nicht, um der Armut zu entkommen. So voranzugehen ist kein Fehler. Wer nur aus Unruhe nach oben strebt, wird am Ziel leicht hochmütig.

Man befindet sich in einer Lage, in der man noch nicht gebunden ist durch die Verpflichtungen des Verkehrs. Wenn man einfach auftritt, bleibt man frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen und kann ruhig den Neigungen des eigenen Herzens folgen, da man keine Anforderungen an die Menschen stellt, sondern zufrieden ist. Das Auftreten bedeutet nicht Stehenbleiben, sondern Fortschreiten. Man befindet sich in ganz geringer Anfangsstellung. Aber man besitzt die innere Stärke, die den Fortschritt verbürgt. Wenn man sich mit der Einfachheit zufrieden gibt, so kann man fortschreiten ohne Makel. Wenn jemand sich nicht in bescheidenen Verhältnissen beruhigen kann, so will er voran und ist streberisch und unruhig, weil er durch sein Auftreten der Niedrigkeit und Armut entgehen will, nicht weil er etwas leisten will. Hat er sein Ziel erreicht, so wird er sicher hochmütig und üppig. Darum ist sein Fortschreiten mit Makel behaftet. Der Tüchtige dagegen ist zufrieden bei einfachem Auftreten. Er will fortschreiten, um etwas zu leisten. Hat er dann sein Ziel erreicht, so leistet er etwas, und alles ist gut.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:

Auftreten auf schlichter, ebener Bahn.Eines dunkeln Mannes Beharrlichkeit bringt Heil.

Das Bild ist ein Mensch, der für sich bleibt, von niemandem etwas will und sich von verlockenden Zielen nicht blenden lässt. Bleib Dir selbst treu und genügsam und fordere das Schicksal nicht heraus. Gehst Du so Deinen schlichten, ebenen Weg, geht es gut aus, und Du bleibst frei von Verwicklungen.

Es ist hier die Lage eines einsamen Weisen gezeichnet. Er hält sich von dem Weltgetriebe fern, sucht nichts, will von niemandem etwas und läßt sich nicht blenden von verlockenden Zielen. Er ist sich selbst treu und wandelt so auf ebener Straße unangefochten durchs Leben. Weil er genügsam ist und das Schicksal nicht herausfordert, bleibt er frei von Verwicklungen.

Sechs auf drittem Platz bedeutet: □

Ein Einäugiger kann sehen, ein Lahmer kann auftreten.Er tritt auf des Tigers Schwanz. Der beißt den Menschen. Unheil!Ein Krieger handelt so für seinen großen Fürsten.

Wer nur halb sieht und kaum vorankommt, sich aber trotzdem für stark hält, begibt sich hier in Gefahr und wird vom Tiger gebissen. Schätz Deine Kräfte ehrlich ein und wag nichts, was über sie hinausgeht. Tollkühnes Voranstürmen ohne Rücksicht auf die eigenen Kräfte geht hier schlecht aus.

Ein Einäugiger kann wohl sehen, aber es reicht ihm nicht zum klaren Sehen. Ein Lahmer kann wohl auftreten, aber es reicht ihm nicht zum Vorankommen. Wenn jemand mit solchen Schwächen sich dennoch für stark hält und sich demgemäß in Gefahr begibt, so zieht er sich Unheil zu. Denn er begeht etwas, das über seine Kraft geht. Diese tollkühne Art, ohne Rücksicht auf die eigenen Kräfte voranzustürmen, mag höchstens für einen Krieger, der für seinen großen Fürsten kämpft, hingehen.

Neun auf viertem Platz bedeutet:

Er tritt auf des Tigers Schwanz.Vorsicht und Behutsamkeit führt endlich zum Heil.

Gemeint ist ein gefährliches Vorhaben, für das innere Kraft vorhanden ist. Verbinde sie nach außen mit zögernder Vorsicht und Behutsamkeit. So überwindest Du die Gefahr, indem Du Schritt für Schritt weitergehst, und am Ende geht es gut aus.

Es handelt sich um eine gefährliche Unternehmung. Es ist die innere Kraft vorhanden, sie zu bestehen. Aber die innere Kraft verbindet sich nach außen hin mit zögernder Vorsicht, im Gegensatz zur vorigen Linie, die innerlich schwach ist, aber nach außen hin vorandrängt. So ist der schließliche Erfolg sicher, der darin besteht, daß man seinen Willen erreicht, nämlich durch Weiterschreiten die Gefahr überwindet.

Neun auf fünftem Platz bedeutet: ○

Entschlossenes Auftreten.Beharrlichkeit bei Bewußtsein der Gefahr.

Die Lage verlangt ein entschlossenes Auftreten. Bleib Dir dabei der Gefahr bewusst, die darin liegt, besonders wenn Du lange an Deinem Kurs festhältst. Erst dieses Bewusstsein der Gefahr macht das Gelingen möglich.

Es handelt sich um den Herrn des ganzen Zeichens. Man sieht sich genötigt zu entschlossenem Auftreten. Dabei muß man sich aber der Gefahr bewußt bleiben, die mit solch einem entschlossenen Auftreten verbunden ist, namentlich, wenn man beharrlich dabei bleibt. Nur das Bewußtsein der Gefahr ermöglicht das Gelingen.

Oben eine Neun bedeutet:

Blicke auf dein Auftreten und prüfe die günstigen Zeichen.Ist alles vollkommen, so kommt erhabenes Heil.

Ein Werk ist abgeschlossen, und es stellt sich die Frage, was daraus folgt. Blick auf Dein Handeln zurück und auf das, was es bewirkt hat. Zeigen sich gute Folgen, geht es sehr gut aus; niemand kennt sich selbst, erst an den Früchten seines Tuns lässt sich ablesen, was zu erwarten ist.

Das Werk ist zu Ende. Will man wissen, ob das Heil die Folge sein wird, so blicke man auf sein Auftreten zurück und auf die Folgen, die es gehabt. Sind die Wirkungen gut, so ist das Heil gewiß. Niemand kennt sich selbst. Nur aus den Folgen seines Tuns, aus den Früchten der Werke läßt sich ermessen, was man zu erwarten hat.

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Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.