oben Kiën, das Schöpferische, Himmel · unten Kun, das Empfangende, Erde
Das Zeichen zeigt eine Stockung: Himmel und Erde kommen nicht zusammen, und wenig will gelingen. Was festgefahren ist, sagt nichts über Dich. Das Bild rät, sich auf den eigenen inneren Wert zurückzuziehen: Wer innerlich gefestigt ist, bleibt seinen Grundsätzen treu, auch wenn er nicht wirken kann. Mach keine Zugeständnisse, nur um doch noch dabei zu sein, und nutze die stille Zeit für das, was Dir wichtig ist. Vorsicht bei glänzenden Angeboten; lass Dich von ihnen nicht verleiten.
Welchem Grundsatz willst Du treu bleiben, auch wenn es gerade nicht vorangeht?
Das Zeichen ist das gerade Gegenteil des vorigen. Der Himmel oben zieht sich immer weiter zurück, die Erde unten sinkt immer weiter in die Tiefe. Die schöpferischen Kräfte stehen außer Beziehung. Es ist die Zeit der Stockung und des Niedergangs. Das Zeichen ist dem siebenten Monat (August–September) beigeordnet, wenn das Jahr seinen Höhepunkt überschritten hat und das herbstliche Welken sich vorbereitet.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Stockung.Schlechte Menschen sind nicht förderndfür die Beharrlichkeit des Edlen.Das Große geht hin, das Kleine kommt herbei.
Himmel und Erde stehen außer Verkehr, und alle Dinge erstarren. Obere und Untere stehen außer Beziehung, und auf Erden herrscht Verwirrung und Unordnung. Innen ist das Dunkle, und das Lichte ist außen. Innen ist Schwäche, außen ist Härte, innen sind die Gemeinen, und die Edlen sind außen. Die Art der Gemeinen ist im Aufsteigen, die Art der Edlen ist im Abnehmen. Aber die Edlen lassen sich in ihren Grundsätzen nicht beirren. Wenn sie die Möglichkeit des Wirkens nicht mehr haben, so bleiben sie diesen Grundsätzen doch treu und ziehen sich in die Verborgenheit zurück.
Himmel und Erde vereinigen sich nicht:das Bild der Stockung.So zieht sich der Edle auf seinen innern Wert zurück,um den Schwierigkeiten zu entgehen.Er läßt sich nicht durch Einkünfte ehren.
Wenn gegenseitiges Mißtrauen im öffentlichen Leben herrscht infolge des Einflusses, den die Gemeinen haben, so ist eine fruchtbare Wirksamkeit unmöglich, weil die Grundlage falsch ist. Darum weiß der Edle, was er unter solchen Umständen zu tun hat. Er läßt sich nicht durch glänzende Angebote zur Teilnahme an der öffentlichen Wirksamkeit verleiten, die für ihn, da er die Gemeinheit der andern nicht mitmachen kann, doch nur gefährlich wäre. Darum verbirgt er seinen Wert und zieht sich in die Verborgenheit zurück.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Zieht man Bandgras aus, so geht der Rasen mit.Jeder nach seiner Art.Beharrlichkeit bringt Heil und Gelingen.
Einer zieht den andern mit, hier in den Rückzug, weil es keine Möglichkeit zu wirken mehr gibt. Erkenne rechtzeitig, wann Du nichts mehr ausrichten kannst, und zieh Dich mit Gleichgesinnten zurück. So ersparst Du Dir Beschämung und wahrst den Wert Deiner Person; bleibst Du dabei beständig, geht es gut aus.
Der Text ist beinahe derselbe wie bei der ersten Linie des letzten Zeichens, nur im umgekehrten Sinn. Dort zieht einer den andern nach sich auf dem Weg in die amtliche Laufbahn. Hier zieht einer den andern mit in den Rückzug aus der Öffentlichkeit. Darum heißt es hier nicht »Unternehmungen bringen Heil«, sondern »Beharrlichkeit bringt Heil und Gelingen«. Nur dadurch, daß man versteht, wenn die Wirkungsmöglichkeiten nicht mehr da sind, sich rechtzeitig zurückzuziehen, erspart man sich die Beschämung und hat in höherem Sinne Gelingen, indem man seine Persönlichkeit in ihrem Wert zu wahren weiß.
Sie tragen und dulden,das bedeutet für die Gemeinen Heil.Dem großen Mann dient die Stockung zum Gelingen.
In einer verfahrenen Lage biedern sich viele bei den Mächtigen an und würden auch Dich gern dabeihaben, wenn Du ihnen aus der Verwirrung hilfst. Misch Dich nicht unter die Schmeichler, dort ist Dein Platz nicht. Für die Anpasser mag das gut ausgehen. Trag Du die Folgen der Stockung ruhig; das kostet Dich persönlich etwas, verhilft aber Deinen Grundsätzen zum Erfolg.
Die Gemeinen sind bereit, in kriecherischer Weise ihren Vorgesetzten zu schmeicheln. Sie würden auch den Edlen dulden, wenn er ihnen behilflich wäre, die Verwirrung zu lösen. Das ist für sie heilbringend. Aber der große Mann trägt ruhig die Folgen der Stockung. Er mischt sich nicht in die Scharen der Gemeinen. Dort ist sein Platz nicht. Dadurch schafft er, indem er persönlich zu leiden hat, seinen Grundsätzen Erfolg.
Sie tragen Scham.
Wer auf unrechte Weise nach oben gekommen ist, merkt hier, dass er der Verantwortung nicht gewachsen ist, und beginnt sich im Stillen zu schämen. Nach außen zeigt sich das noch nicht. Achte auf dieses leise Schämen, bei Dir oder bei anderen: Es ist der Anfang der Wende zum Besseren.
Die Gemeinen, die auf unrechtmäßige Weise emporgekommen sind, fühlen sich der Verantwortung, die sie auf sich genommen haben, nicht gewachsen. Sie beginnen – zunächst noch, ohne es nach außen hin zu zeigen –, im stillen sich zu schämen. Das ist der Anfang der Wendung zum Besseren.
Wer auf Befehl des Höchsten wirkt, bleibt ohne Makel.Die Gleichgesinnten genießen des Segens.
Die Stockung geht ihrem Ende zu, und es braucht jemanden, der wieder Ordnung schafft. Wirf Dich nicht eigenmächtig dazu auf, das kann Fehler und Misserfolge bringen. Handle, wenn Du wirklich dazu berufen bist und das nötige Ansehen hast; dann ist es kein Fehler, die Zeit kommt Dir entgegen, und alle Gleichgesinnten haben Teil am Segen.
Die Zeit der Stockung naht sich dem Umschlag. Wer wieder Ordnung schaffen will, muß dazu berufen sein und das nötige Ansehen besitzen. Wer sich nach eignem Gutdünken zum Ordner aufwerfen wollte, könnte Fehler und Mißerfolge wirken. Wer aber berufen ist, dem kommen die Zeitverhältnisse entgegen, und sein Segen wird allen Gleichgesinnten zuteil.
Die Stockung läßt nach. Dem großen Manne Heil!»Wenn es mißlänge, wenn es mißlänge!«Dadurch bindet er es an ein Bündel von Maulbeerstauden.
Die Stockung lässt nach, und wer Ordnung schaffen kann, ist zur Stelle. Gerade im Übergang braucht es aber äußerste Sorgfalt. Denk dauernd daran, dass es misslingen könnte; das ist wie das Anbinden an tief verwurzelte Sträucher, die besonders fest halten. Dann geht es gut aus, und der Erfolg wird dauerhaft.
Die Zeit ändert sich. Der rechte Mann ist gekommen, der wieder Ordnung schaffen kann. Darum Heil! Aber gerade in solchen Übergangszeiten ist Furcht und Zittern nötig. Nur durch die äußerste Besorgtheit, die dauernd denkt: »Wenn es mißlänge!«, wird der Erfolg befestigt. Wenn eine Maulbeerstaude abgeschnitten wird, so sprossen aus der Wurzel eine Reihe von Schößlingen, die besonders fest sind. Daher ist die Festigung des Erfolges unter dem Bild des Anbindens an Maulbeerstauden symbolisiert.
Konfuzius sagt darüber: »Gefahr entsteht, wo einer sich auf seinem Platz sicher fühlt. Untergang droht, wo einer seinen Bestand zu wahren sucht. Verwirrung entsteht, wo einer alles in Ordnung hat. Darum vergißt der Edle, wenn er sicher ist, nicht der Gefahr, wenn er besteht, nicht des Untergangs, und wenn er Ordnung hat, nicht der Verwirrung. Dadurch kommt er persönlich in Sicherheit, und das Reich wird gewahrt.«
Die Stockung hört auf.Erst Stockung, dann Heil.
Die Stockung endet, doch sie hört nicht von selbst auf. Es braucht den richtigen Menschen und Anstrengung, um eine Zeit des Niedergangs in eine gute zu verwandeln. Pack an, was sich wieder ordnen lässt; das Gute, das nach der Stockung kommt, muss erarbeitet werden, dann geht es gut aus.
Die Stockung dauert nicht ewig. Allerdings hört sie nicht von selber auf, sondern es bedarf des rechten Mannes, um ihr ein Ende zu bereiten. Das ist der Unterschied des Friedens und der Stockung. Der Friede bedarf dauernder Anstrengung, um festgehalten zu werden. Sich selbst überlassen, würde er sich in Stockung und Niedergang verwandeln. Die Niedergangszeit verwandelt sich nicht von selbst in Frieden und Blüte, sondern sie bedarf der Anstrengung, um beseitigt zu werden. Hierin ist die schöpferische Stellung des Menschen gekennzeichnet, die nötig ist, damit die Welt in Ordnung kommt.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.