oben Kun, das Empfangende, Erde · unten Sun, das Sanfte, Wind
Es geht aufwärts, langsam und stetig. Das Holz wächst in der Erde nach oben, ohne Hast und ohne Rast, und biegt sich um die Hindernisse herum. So geschieht das Empordringen: bescheiden und fügsam, getragen von der Gunst der Zeit. Das Urteil sagt: „Fürchte dich nicht!“ Geh auf die Menschen zu, auf die es ankommt, mach Dich an die Arbeit und häufe Kleines, bis es groß wird; das geht gut aus. Gewaltsames Vorgehen passt nicht zu dieser Zeit, und aus Scheu stehen zu bleiben auch nicht.
Wer könnte Dir weiterhelfen, und was hält Dich ab, auf diesen Menschen zuzugehen?
Das untere Zeichen, Sun, hat als Bild das Holz, das obere, Kun, bedeutet die Erde. Damit ist der Gedanke verbunden, daß das Holz in der Erde emporwächst. Dieses »Empordringen« ist im Gegensatz zu dem »Fortschritt« (Nr. 35) mit Anstrengung verbunden, wie die Pflanze Kraft braucht, um durch die Erde emporzudringen. Darum steht das Zeichen, obwohl es mit Erfolg verbunden ist, in Beziehung zur Anstrengung des Willens. Der »Fortschritt« zeigt mehr Expansion, das »Empordringen« mehr geradliniges Aufsteigen zu Macht und Einfluß aus Unbekanntheit und Niedrigkeit.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Das Empordringen hat erhabenes Gelingen.Man muß den großen Mann sehen.Fürchte dich nicht!Aufbruch nach Süden bringt Heil.
Das Empordringen der tüchtigen Elemente stößt auf kein Hindernis, darum ist es von großem Erfolg begleitet. Die Art, die das Empordringen ermöglicht, ist nicht gewalttätig, sondern bescheiden und fügsam. Aber da man von der Zeiten Gunst getragen wird, kommt man voran. Man muß hingehen und die maßgebenden Leute aufsuchen. Man braucht sich davor nicht zu fürchten; denn der Erfolg wird nicht ausbleiben. Nur muß man sich an die Arbeit machen; denn Tätigkeit (dies die Bedeutung des Südens) ist von Heil.
Inmitten der Erde wächst das Holz:das Bild des Empordringens.So häuft der Edle hingebenden Wesens Kleines,um es zu Hohem und Großem zu bringen.
Das Holz in der Erde wächst ohne Hast und ohne Rast der Höhe zu, indem es sich fügsam um die Hindernisse herumbiegt. So ist der Edle hingebend in seinem Charakter und ruht nie in seinem Fortschritt.
Vgl. dazu:
»Beschäftigung, die nie ermattet,Die langsam schafft, doch nie zerstört,Die zu dem Bau der EwigkeitenZwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,Doch von der großen Schuld der ZeitenMinuten, Tage, Jahre streicht.«
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Empordringen, das Zutrauen findet, bringt großes Heil.
Am Anfang eines Aufstiegs steht eine niedrige, unbekannte Stellung, so wie ein Baum seine Kraft aus der Wurzel ganz unten zieht. Weil eine innere Verwandtschaft zu denen besteht, die weiter oben stehen, findet man Vertrauen. Bau auf diese Gemeinsamkeit und fang an; das geht sehr gut aus.
Hier ist die Anfangslage des Aufstiegs. Wie das Holz für sein Empordringen die Kraft aus der Wurzel entnimmt, die an sich ganz unten ist, so entstammt die Kraft zum Emporkommen dieser Stellung. Sie ist niedrig und unbekannt. Aber es besteht eine innere Verwandtschaft des Wesens zu den oberen Herrschenden, und diese Gemeinsamkeit verschafft einem das Zutrauen, das man braucht, um etwas leisten zu können.
Wenn man wahrhaftig ist,so ist es auch fördernd, ein kleines Opfer zu bringen.Kein Makel.
Gemeint ist ein starker Mensch, der in seine Umgebung nicht recht passt, weil er rau ist und wenig auf Formen gibt. Er ist aber aufrichtig und findet deshalb Entgegenkommen. Sei offen und ehrlich, auch wenn Dir der Schliff fehlt; dann ist es kein Fehler, wenn Deine Gabe klein oder Dein Auftreten schlicht ist.
Es ist hier ein starker Mann vorausgesetzt. Er paßt zwar insofern nicht in seine Umgebung, als er zu rauh ist und zu wenig auf Formen gibt. Aber er ist innerlich aufrichtig, darum findet er Entgegenkommen, und seine Dürftigkeit in den äußeren Formen bringt keinen Schaden. Die Aufrichtigkeit ist hier der Ausfluß solider Eigenschaften, während sie bei dem entsprechenden Strich des vorigen Zeichens die Wirkung innerer Demut ist.
Man dringt empor in eine leere Stadt.
Alle Hindernisse fallen weg, und es geht mit merkwürdiger Leichtigkeit voran. Ein gutes Zeichen steht trotzdem nicht dabei, und es bleibt offen, wie lange ein solcher Erfolg trägt. Grüble darüber nicht, das würde Dich nur bremsen; nutze rasch die Gunst der Zeit, solange sie da ist.
Hier fallen alle Hemmungen weg, die dem Vordringen sonst gesteckt sind. Es geht mit merkwürdiger Leichtigkeit voran. Unbedenklich folgt man dieser Straße, um den Erfolg auszunützen. Es sieht, äußerlich betrachtet, so aus, wie wenn alles in bester Ordnung wäre. Dennoch ist kein glückverheißender Ausdruck beigefügt. Es fragt sich, wie lange ein solcher hemmungsloser Erfolg dauert. Doch gilt es, solchen Bedenken nicht nachzuhängen, weil dadurch die Kraft nur gehemmt würde, sondern rasch die Gunst der Zeit sich zunutze zu machen.
Der König bringt ihn dem Berg Ki dar. Heil. Kein Makel.
Hier gelangt der Aufstieg an sein Ziel: Man wird in einen Kreis aufgenommen, der etwas Großes und Dauerhaftes aufbaut, und bekommt einen Platz an der Seite der Verantwortlichen. Das geht gut aus. Nimm diese Anerkennung an; sie bedeutet, dass Dein Beitrag über den Tag hinaus Gewicht bekommt.
Der Berg Ki ist im Westen Chinas, dem Stammlande des Königs Wen, von dessen Sohne, dem Herzog von Dschou, die Worte zu den Einzellinien beigefügt sind. Es ist eine Erinnerung an die Zeiten der Erhebung der Dynastie Dschou. Damals wurden die großen Gehilfen vom König Wen dem Gott des heimatlichen Berges vorgestellt, und sie bekamen ihren Platz zur Seite des Herrschers in den Ahnenhallen. Es ist hier ein Stadium gezeichnet, in dem das Empordringen zum Ziele gelangt. Man wird berühmt vor Menschen und Göttern und aufgenommen in den Kreis der Männer, die das Leben der Nation im Geiste aufbauen, und bekommt dadurch dauernde, überzeitliche Bedeutung.
Beharrlichkeit bringt Heil. Man dringt empor auf Stufen.
Wenn es immer weiter vorangeht, liegt die Versuchung nahe, sich am Erfolg zu berauschen. Bleib gerade jetzt nüchtern und überspring keine Stufe. Geh ruhig und stetig weiter, Schritt für Schritt, fast zögernd; nur ein Fortschritt, der nichts überstürzt, geht hier gut aus.
Wenn man immer weiter vorankommt, so ist es wichtig, daß man sich am Erfolg nicht berauscht. Man muß gerade bei großem Erfolg dauernd nüchtern bleiben, keine Stufen überspringen wollen, sondern langsam, wie zögernd, Schritt für Schritt weiter gehen. Nur dieser ruhige, stetige Fortschritt, der nichts überstürzt, führt zum Ziel.
Empordringen im Dunkeln.Fördernd ist es, unablässig beharrlich zu sein.
Wer blindlings weiter nach oben drängt, kennt nur noch den Fortschritt und keinen Rückzug mehr, und das erschöpft. Die Linie beschreibt einen solchen inneren Rausch. Bleib in dieser Lage unablässig gewissenhaft und folgerichtig in dem, was Du tust; nur so wirst Du den blinden Drang los, der immer schadet.
Wer blindlings empordringt, der ist innerlich betört. Er kennt nur den Fortschritt, nicht den Rückzug. Dabei erschöpft man sich aber. Wichtig ist es, in solchem Falle unablässig darauf bedacht zu sein, daß man gewissenhaft und konsequent sein und bleiben muß. Nur dadurch wird man von blindem Drange frei, der stets vom Übel ist.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.