oben Dui, das Heitere, See · unten Kiën, das Schöpferische, Himmel
Etwas Schlechtes hat sich festgesetzt, draußen oder im eigenen Herzen, und es muss weg. Das Urteil nennt die Bedingungen: offen und der Wahrheit gemäß, ohne zu den Waffen zu greifen. Dazu kommt: Entschlossenheit muss auf Stärke und Freundlichkeit zugleich beruhen, und man fängt beim eigenen Haus an. „Die beste Art, das Böse zu bekämpfen, ist energischer Fortschritt im Guten.“ Benenn ruhig beim Namen, was Du nicht länger hinnehmen willst, und tu beharrlich das Bessere. Kämpf nicht Schlag gegen Schlag; dann verstrickst Du Dich selbst in Hass.
Was willst Du nicht länger hinnehmen, und welcher Fortschritt im Guten würde es überflüssig machen?
Das Zeichen bedeutet einerseits einen Durchbruch nach lange angesammelter Spannung, wie den Durchbruch eines geschwellten Flusses durch seine Dämme, wie einen Wolkenbruch. Auf menschliche Verhältnisse übertragen, ist es andererseits die Zeit, da allmählich die Gemeinen im Schwinden sind. Ihr Einfluß ist im Abnehmen, und durch eine entschlossene Aktion kommt eine Änderung der Verhältnisse zum Durchbruch. Das Zeichen ist dem dritten Monat (April–Mai) zugeordnet.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Der Durchbruch.Entschlossen muß man am Hof des Königsdie Sache bekanntmachen.Der Wahrheit gemäß muß sie verkündet werden. Gefahr!Man muß seine eigene Stadt benachrichtigen.Nicht fördernd ist es, zu den Waffen zu greifen.Fördernd ist es, etwas zu unternehmen.
Wenn in einer Stadt auch nur ein Gemeiner an herrschendem Platz sich hält, so vermag er die Edlen zu bedrücken. Wenn im Herzen auch nur noch eine Leidenschaft nistet, so vermag sie die Vernunft zu umdüstern. Leidenschaft und Vernunft können nicht zusammen bestehen, darum ist unbedingter Kampf notwendig, wenn man das Gute zur Herrschaft bringen will. Für den entschlossenen Kampf des Guten zur Beseitigung des Bösen gibt es aber bestimmte Regeln, die nicht außer acht gelassen werden dürfen, wenn man Erfolg haben will. 1. Entschlossenheit muß auf einer Vereinigung von Stärke und Freundlichkeit beruhen. 2. Ein Kompromiß mit dem Schlechten ist nicht möglich; es muß unter allen Umständen offen diskreditiert werden. Ebenso dürfen auch die eigenen Leidenschaften und Fehler nicht beschönigt werden. 3. Der Kampf darf nicht direkt durch Gewalt geführt werden. Wo das Böse gebrandmarkt ist, da sinnt es auf Waffen, und wenn man ihm den Gefallen tut, es Schlag gegen Schlag zu bekämpfen, so zieht man den kürzeren, weil man dadurch selbst in Haß und Leidenschaft verwickelt wird. Darum gilt es, beim eigenen Haus anzufangen: persönlich auf der Hut zu sein vor den gebrandmarkten Fehlern. Dadurch stumpfen sich die Waffen des Bösen von selbst ab, wenn sie keinen Gegner finden. Ebenso dürfen auch eigene Fehler nicht direkt bekämpft werden. Solange man sich mit ihnen herumschlägt, bleiben sie immer siegreich. 4. Die beste Art, das Böse zu bekämpfen, ist energischer Fortschritt im Guten.
Der See ist an den Himmel emporgestiegen:das Bild des Durchbruchs.So spendet der Edle Reichtum nach unten hinund scheut es, bei seiner Tugend zu verweilen.
Wenn das Wasser des Sees an den Himmel emporgestiegen ist, so läßt das einen Wolkenbruch befürchten. Das läßt sich der Edle zur Warnung dienen, indem er rechtzeitig einem gewaltsamen Zusammenbruch vorbeugt. Wer nur für sich allein Reichtum anhäufen wollte, ohne an andre zu denken, der würde es bestimmt erleben, daß es einen Zusammenbruch mit ihm gibt. Denn auf alles Sammeln folgt ein Zerstreuen. Darum zerstreut der Edle schon während des Sammelns. Ebenso ist er bei der Bildung seines Charakters darauf bedacht, sich nicht in Eigensinn zu versteifen, sondern sich in dauernder strenger Selbstprüfung eindrucksfähig zu erhalten.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Mächtig in den vorwärtsschreitenden Zehen.Geht man hin und ist der Sache nicht gewachsen,so macht man einen Fehler.
Am Anfang eines entschlossenen Vorstoßes ist die Begeisterung groß, der Widerstand aber noch stark. Miss zuerst Deine Kraft und geh nur so weit, wie Du des Erfolgs sicher bist. Blindes Draufgängertum wäre ein Fehler, weil ein Rückschlag gleich zu Beginn besonders schwere Folgen hat.
In Zeiten entschlossenen Voranschreitens ist besonders der erste Anfang schwierig. Man fühlt sich zu entschlossenem Voranschreiten begeistert. Aber der Widerstand ist noch sehr stark. Da gilt es, die eigene Kraft zu ermessen und nur so weit sich einzulassen, als man des Erfolges sicher ist. Blinde Draufgängerei ist vom Übel, denn gerade zu Anfang kann ein unerwarteter Rückschlag von den unheilvollsten Folgen sein.
Alarmruf. Abends und nachts Waffen.Fürchte nichts.
Gemeint ist eine Wachsamkeit, die schon vorsorgt, bevor eine Gefahr sichtbar ist. Bleibst Du sorgfältig und besonnen, musst Du nicht erschrecken, wenn es plötzlich unruhig wird, und brauchst Dich auch dann nicht zu fürchten. „Besonnen sein und nicht die Rüstung vergessen, das ist der rechte Weg zur Sicherheit.“
Bereit sein ist alles. Entschlossenheit ist mit Vorsicht untrennbar verbunden. Wenn man sorgfältig und besonnen ist, so braucht man nicht zu erschrecken und aufgeregt zu werden. Wenn man allezeit wachsam ist, solange noch keine Gefahr da ist, so ist man gewappnet, wenn die Gefahr naht, und braucht sich nicht zu fürchten. Der Edle ist auf der Hut vor dem, was noch nicht zu sehen ist, und besorgt vor dem, was noch nicht zu hören ist; darum weilt er inmitten der Schwierigkeiten, als wären es keine Schwierigkeiten. Wenn man seinen Charakter ausbildet, so fügen sich einem die Menschen von selbst. Siegt die Vernunft, so ziehen sich die Leidenschaften von selbst zurück. Besonnen sein und nicht die Rüstung vergessen, das ist der rechte Weg zur Sicherheit.
Mächtig in den Backenknochen zu sein bringt Unheil.Der Edle ist fest entschlossen.Er wandelt einsam und kommt in den Regen.Er wird bespritzt, und man murrt wider ihn.Kein Makel.
Die Lage ist zweideutig: Alle gehen entschlossen gegen etwas Schlechtes vor, nur man selbst steht mit dem Betreffenden noch in Verbindung. Dich vorzeitig stark zu zeigen, geht schlecht aus und gefährdet die ganze Sache. Bleib innerlich fest und halte Dich aus seinem Treiben heraus, auch wenn man Dich verkennt und über Dich murrt; so machst Du keinen Fehler.
Die Lage, in der man sich befindet, ist zweideutig. Während alle im entschlossenen Kampf gegen das Gemeine begriffen sind, ist man allein in einer gewissen Beziehung zu einem gemeinen Menschen. Wollte man sich nun äußerlich stark zeigen und, ehe die Verhältnisse reif sind, sich gegen ihn wenden so würde man damit nur die Gesamtlage gefährden; denn der Gemeine würde dann vorzeitig zu Gegenmaßregeln greifen. Die Aufgabe des höheren Menschen ist hier überaus schwierig. Er muß innerlich fest entschlossen sein und, während er mit dem Gemeinen verkehrt, sich doch von aller Beteiligung an seiner Gemeinheit fernhalten. Dabei wird er natürlich verkannt. Man denkt, er gehöre mit zu der Partei des Gemeinen. Er ist ganz einsam, weil ihn niemand versteht. Seine Beziehungen zu dem Gemeinen beschmutzen ihn in den Augen der Menge, und man wendet sich murrend gegen ihn. Aber er trägt die Verkennung und macht keinen Fehler, da er sich selber treu bleibt.
An den Oberschenkeln ist keine Haut,und das Gehen fällt schwer.Ließe man sich führen wie ein Schaf,so würde die Reue schwinden.Wenn man aber diese Worte hört,so wird man sie nicht glauben.
Das Bild zeigt eine innere Unruhe, die nicht stillhalten kann und unbedingt voran will, bis sie auf unüberwindliche Hindernisse stößt. Der Grund ist Eigensinn. Lass davon ab und lass Dich führen, dann geht alles gut. Gerade dieser Rat wird meist überhört, weil der Eigensinn Ohren hat und doch nicht hört.
Man leidet an innerer Unruhe, so daß man nicht auf seinem Platz beharren kann. Man möchte unter allen Umständen voran und findet dabei unübersteigliche Hindernisse. So ist man mit seiner Lage in innerem Konflikt. Das kommt von dem Eigensinn, mit dem man seinen Willen durchsetzen möchte. Würde man von diesem Eigensinn lassen, so ginge alles gut. Aber dieser Rat wird wie so viele gute Ratschläge überhört werden. Denn der Eigensinn macht, daß man zwar Ohren hat, aber nicht hört.
Dem Unkraut gegenüber braucht es feste Entschlossenheit.In der Mitte wandeln bleibt frei von Makel.
Etwas Schlechtes wächst hier wie Unkraut immer wieder nach, und weil es weit oben sitzt und man mit ihm verbunden ist, liegt es nahe, den Kampf als hoffnungslos aufzugeben. Tu das nicht. Mach entschlossen weiter, ohne Dich vom Weg abbringen zu lassen, und halte dabei das rechte Maß; so bleibst Du ohne Makel.
Unkraut wächst immer wieder nach und läßt sich schwer ausrotten. So bedarf der Kampf gegen einen hochstehenden Gemeinen feste Entschlossenheit. Man steht mit ihm in Beziehungen, und es ist infolge davon zu fürchten, daß man den Kampf als hoffnungslos aufgibt. Aber das darf nicht sein. Man muß entschlossen weitermachen und darf sich nicht vom Weg abbringen lassen. Nur so bleibt man frei von Makel.
Kein Ruf! Schließlich kommt Unheil.
Der Sieg scheint errungen, nur ein kleiner Rest des Übels ist noch übrig, und alles sieht leicht aus. Genau darin liegt die Gefahr: Was man übersieht, entkommt und wächst neu heran, und am Ende geht es schlecht aus. Bring die Sache gründlich zu Ende, auch bei Deinen eigenen Schwächen, und lass aus Nachlässigkeit keinen Rest stehen.
Der Sieg scheint errungen zu sein. Es ist nur noch ein Rest übrig von dem Bösen, dessen entschlossene Ausrottung an der Zeit ist. Es sieht alles ganz leicht aus. Aber gerade darin besteht die Gefahr. Wenn man nicht auf der Hut ist, gelingt es dem Bösen, durch Verdeckung zu entkommen, und wenn es erst entgangen ist, so entsteht neues Unheil aus den übriggebliebenen Keimen; denn das Böse stirbt nicht leicht. Auch beim Bösen des eigenen Charakters muß man gründliche Arbeit tun. Wenn man nachlässigerweise etwas übriglassen wollte, so würde daraus neues Übel entstehen.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.