oben Sun, das Sanfte, Wind · unten Dschen, das Erregende, Donner
Eine Zeit des Wachsens, in der vieles gelingt: Das zeigt dieses Zeichen. Nutze diese Zeit, solange sie da ist, denn sie dauert nicht; auch schwierige Dinge gelingen jetzt. Das Bild nennt, wie Du selbst daran wächst: Gutes, das Du an anderen siehst, nachahmen, und Fehler, die Du an Dir bemerkst, ablegen. Das ist die wichtigste Mehrung überhaupt. Pack an, was Du schon lange vorhast, und probier Gutes, das Du bei anderen siehst, gleich selbst aus. Lass die Gunst der Zeit nicht ungenutzt verstreichen.
Welches Gute hast Du an anderen gesehen, das Du jetzt selbst üben könntest?
Der Gedanke der Mehrung drückt sich dadurch aus, daß der unterste starke Strich des oberen Halbzeichens sich heruntergesenkt und unter das untere Halbzeichen gestellt hat. Der Grundgedanke des Buchs der Wandlungen kommt auch in dieser Auffassung zum Ausdruck. Wahres Herrschen muß Dienen sein. Ein Opfer des Höheren, das eine Mehrung des Niederen bewirkt, wird Mehrung schlechthin genannt, um dadurch den Geist anzudeuten, der allein imstande ist, der Welt zu helfen.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Mehrung. Fördernd ist es, etwas zu unternehmen.Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Durch das Opfer, das von oben her zur Mehrung des Unteren gebracht wird, entsteht im Volk eine Stimmung der Freude und Dankbarkeit, die für die Blüte des Gemeinwesens überaus wertvoll ist. Wenn die Menschen so ihren Führern zugetan sind, dann läßt sich etwas unternehmen, und auch schwierige, gefahrvolle Dinge werden gelingen. Darum gilt es in solchen aufsteigenden Zeiten, deren Entwicklung von Erfolg begleitet ist, zu arbeiten und die Zeit auszunutzen. Diese Zeit ist wie die Zeit, wenn Himmel und Erde sich vermählen, wenn die Erde der schöpferischen Kraft des Himmels teilhaftig wird und nun die Lebewesen gestaltet und verwirklicht. Die Zeit der Mehrung dauert nicht, darum muß sie benützt werden, solange sie da ist.
Wind und Donner: das Bild der Mehrung.So der Edle: Sieht er Gutes, so ahmt er es nach,hat er Fehler, so legt er sie ab.
Indem man beobachtet, wie Donner und Wind sich gegenseitig mehren und verstärken, lernt man den Weg zu seiner eignen Selbstmehrung und Besserung. Wenn man an anderen etwas Gutes entdeckt, soll man es nachahmen und so alles Gute auf Erden sich zu eigen machen. Sieht man an sich selbst etwas Schlechtes, so lege man es ab. Dadurch wird man frei vom Bösen. Diese ethische Veränderung ist die wichtigste Mehrung der Persönlichkeit.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Fördernd ist es, große Taten zu vollbringen.Erhabenes Heil! Kein Makel.
Wer von oben her starke Förderung erfährt, soll den Zuwachs an Kraft für etwas Großes einsetzen, das er sonst nicht gewagt hätte. Nutze diese Unterstützung für ein Vorhaben, das über Deinen eigenen Vorteil hinausgeht. Wenn Du dabei frei von Selbstsucht bleibst, bewirkst Du viel Gutes; das geht sehr gut aus.
Wenn man von oben her eine große Förderung erfährt, muß man den Kraftzuwachs, den man so erhält, dazu benützen, etwas Großes zu leisten, zu dem man sonst vielleicht weder Kraft noch Verantwortungsfreudigkeit gefunden hätte. Dadurch, daß man frei von Selbstsucht ist, wird großes Heil bewirkt, und indem man großes Heil zustande bringt, bleibt man frei von Vorwürfen.
Es mehrt ihn wohl jemand.Zehn Paar Schildkröten können dem nicht widerstreben.Dauernde Beharrlichkeit bringt Heil.Der König stellt ihn dar vor Gott. Heil!
Gemeint ist eine Mehrung, die von innen kommt: aus der Bereitschaft, etwas aufzunehmen, und aus der Liebe zum Guten. Was so wächst, kann kein Zufall verhindern. Lass Dich vom unerwarteten Glück nicht leichtsinnig machen; mach es Dir durch innere Stärke und Beständigkeit zu eigen, dann geht es gut aus, und Du kannst damit viel Gutes ausrichten.
Die wirkliche Mehrung kommt dadurch, daß man in sich die Bedingungen dafür schafft: Aufnahmebereitschaft und Liebe zum Guten. Dadurch kommt das Erstrebte von selber mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. Wo die Mehrung so in Einklang steht mit den höchsten Weltgesetzen, kann sie durch keine Konstellation von Zufällen verhindert werden. Nur kommt alles darauf an, daß man sich durch unerwartetes Glück nicht leichtsinnig machen läßt, sondern durch innere Stärke und Beständigkeit es sich zu eigen macht. Dann bekommt man Bedeutung vor Gott und Menschen und kann etwas ausrichten zum besten der Welt.
Man wird gemehrt durch unheilvolle Ereignisse.Kein Makel, wenn du wahrhaftig bistund in der Mitte wandelstund dem Fürsten berichtest mit einem Siegel.
In einer Zeit des Segens können selbst schlimme Ereignisse am Ende zum Guten ausschlagen. Bleibst Du dabei wahrhaftig und hältst das rechte Maß, ist es kein Fehler. Wer so der Wahrheit entsprechend handelt, gewinnt eine innere Autorität, als wäre sie ihm mit Brief und Siegel bestätigt.
Eine Zeit des Segens und der Bereicherung ist in ihrer Wirkung so stark, daß selbst sonst unheilvolle Ereignisse denen zum besten dienen müssen, die davon betroffen sind. Sie werden frei von Fehlern und gewinnen dadurch, daß sie der Wahrheit entsprechend handeln, eine solche innere Autorität, daß sie Einfluß ausüben, als seien sie durch Brief und Siegel bestätigt.
Wenn du in der Mitte wandelstund dem Fürsten berichtest,so wird er folgen.Fördernd ist es, benützt zu werdenbei der Verlegung der Hauptstadt.
Die Linie beschreibt jemanden, der zwischen denen vermittelt, die entscheiden, und denen, die betroffen sind. Stehst Du in einer solchen Rolle, halte nichts für Dich zurück und sorg dafür, dass der Nutzen bei denen ankommt, für die er gedacht ist. Gerade bei großen Veränderungen, die die Zustimmung aller brauchen, ist so jemand wichtig.
Es ist von Wichtigkeit, daß es Menschen gibt, die zwischen Führern und Geführten vermitteln. Das müssen selbstlose Persönlichkeiten sein, namentlich in Zeiten der Mehrung, da vom Führer Nutzen ausgehen soll für das Volk. Von dem Segen darf nichts in selbstsüchtiger Weise zurückgehalten werden, sondern er muß wirklich denen zugute kommen, für die er bestimmt ist. Eine solche Vermittlerpersönlichkeit, die auch auf den Führer einen guten Einfluß ausübt, ist besonders wichtig in Zeiten, da es sich um große, für die Zukunft entscheidende Unternehmungen handelt, die der inneren Zustimmung aller Beteiligten bedürfen.
Wenn du wahrhaftig ein gütiges Herz hast,so frage nicht. Erhabenes Heil!Wahrhaftig wird Güte als deine Tugend anerkannt werden.
Echte Güte rechnet nicht und fragt nicht, ob der andere es verdient oder ob er dankt. Tu das Gute, weil es aus Dir kommt, und lass die Frage nach dem Lohn beiseite. Ein solches Herz wird mit der Zeit erkannt, und sein guter Einfluss wirkt ungehindert weiter; das geht sehr gut aus.
Wirkliche Güte rechnet und fragt nicht nach Würdigkeit und Dank, sondern sie wirkt sich aus nach innerer Notwendigkeit. Ein solch wahrhaft gütiges Herz findet sich auch belohnt, indem es anerkannt wird, und so wird der segensvolle Einfluß sich ungehemmt ausdehnen.
Er gereicht niemand zur Mehrung.Es schlägt ihn wohl gar jemand.Er hält sein Herz nicht dauernd fest. Unheil!
Wer niemandem etwas zukommen lässt, obwohl er abgeben könnte, verliert auch die Unterstützung der anderen, steht bald allein da und zieht Angriffe auf sich. Das geht schlecht aus. Gib von dem ab, was Du hast, bleib in Deiner Haltung beständig und festige Deine Beziehungen, bevor Du selbst um etwas bittest.
Der Sinn der Lage ist, daß die Oberen durch Verzicht die Unteren mehren sollen. Indem man diese Pflicht versäumt und niemand nützt, entzieht man sich auch dem fördernden Einfluß der andern und sieht sich bald vereinsamt. Dadurch zieht man sich Angriffe zu. Eine Gesinnung, die nicht dauernd im Einklang ist mit den Forderungen der Zeit, wird notwendig Unheil mit sich bringen.
Konfuzius sagt über diese Linie: »Der Edle bringt seine Person in Ruhe, ehe er sich bewegt; er faßt sich in seinem Sinn, ehe er redet; er festigt seine Beziehungen, ehe er um etwas bittet. Indem der Edle diese drei Stücke in Ordnung bringt, ist er in völliger Sicherheit. Wenn man aber unvermittelt ist in seinen Bewegungen, so tun die Leute nicht mit. Wenn man aufgeregt ist in seinen Worten, so finden sie keinen Widerhall bei den Leuten. Wenn man ohne vorherige Beziehungen etwas verlangt, so geben es einem die Leute nicht. Wenn niemand mit einem ist, so kommen die Schädiger herbei.«
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.