oben Gen, das Stillehalten, Berg · unten Kan, das Abgründige, Wasser
Hier geht es um Unerfahrenheit und darum, wie man lernt; auch dem Unerfahrenen gelingt es, wenn er beharrlich bleibt. „In der Jugend ist Torheit nichts Schlimmes“; es kommt darauf an, die eigene Unerfahrenheit zu spüren und einen erfahrenen Lehrer aufzusuchen. Such Dir jemanden, der es kann, frag ihn offen und nimm seine Antwort an. Dann eigne Dir die Sache Punkt für Punkt an, gründlich wie die Quelle, die erst jede hohle Stelle füllt, bevor sie weiterfließt. Stell dieselbe Frage nicht zwei-, dreimal: Auch das Orakel antwortet dann nicht mehr.
Worin bist Du in dieser Sache noch unerfahren, und wen könntest Du fragen, der es kann?
Auf doppelte Weise ist das Gedenken der Jugend und Torheit in diesem Zeichen nahegelegt. Das obere Zeichen, Gen, hat als Bild einen Berg, das untere, Kan, hat als Bild das Wasser. Die Quelle, die unten am Berg hervorkommt, ist das Bild der unerfahrenen Jugend. Die Eigenschaft des oberen Zeichens ist das Stillehalten, die des unteren der Abgrund, die Gefahr. Das Stillehalten vor einem gefährlichen Abgrund ist ebenfalls ein Symbol der ratlosen Torheit der Jugend. In den beiden Zeichen liegt aber auch der Weg, wie die Jugendtorheiten überwunden werden können: Das Wasser ist etwas, das mit Notwendigkeit weiterfließt. Wenn die Quelle hervorbricht, so weiß sie zunächst freilich nicht, wohin. Aber sie füllt durch ihr stetiges Fließen die tiefe Stelle, die sie am Fortschritt hindert, aus, und dann ist der Erfolg da.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Jugendtorheit hat Gelingen.Nicht ich suche den jungen Toren,der junge Tor sucht mich.Beim ersten Orakel gebe ich Auskunft.Fragt er zwei-, dreimal, so ist das Belästigung.Wenn er belästigt, so gebe ich keine Auskunft.Fördernd ist Beharrlichkeit.
In der Jugend ist Torheit nichts Schlimmes. Es kann ihr doch gelingen. Nur muß man einen erfahrenen Lehrer finden und ihm auf die rechte Weise gegenübertreten. Dazu gehört erstens, daß man die eigene Unerfahrenheit selbst empfindet und einen Lehrer aufsucht. Nur diese Bescheidenheit und dieses Interesse verbürgt die nötige Aufnahmebereitschaft, die sich in ehrfurchtsvoller Anerkennung des Lehrers äußern wird.
Darum muß der Lehrer ruhig warten, bis er aufgesucht wird. Er soll sich nicht von sich aus anbieten: nur so kann die Belehrung zur rechten Zeit und auf die rechte Weise erfolgen.
Die Antwort, die der Lehrer auf die Fragen des Schülers gibt, soll klar und bestimmt sein wie die Antwort, die ein Orakelsucher zu erhalten wünscht. Sie muß dann als Lösung des Zweifels und Entscheidung angenommen werden. Mißtrauisches oder gedankenloses Weiterfragen dient zur bloßen Belästigung des Lehrers und wird am besten mit Stillschweigen übergangen, ähnlich wie das Orakel auch nur eine Antwort gibt und versucherischen Zweifelsfragen gegenüber versagt.
Wenn dazu die Beharrlichkeit tritt, die nicht nachläßt, bis man Punkt für Punkt sich angeeignet hat, so wird ein schöner Erfolg sicher sein.
Das Zeichen gibt somit Ratschläge sowohl für den Lehrenden als auch für den Lernenden.
Unten am Berg kommt ein Quell hervor:das Bild der Jugend.So nährt der Edle durch gründliches Handelnseinen Charakter.
Die Quelle kommt dadurch ins Fließen und zur Überwindung des Stillstandes, daß sie alle hohlen Stellen auf ihrem Weg ausfüllt. Ebenso ist der Weg zur Bildung des Charakters die Gründlichkeit, die nichts überspringt, sondern allmählich und stetig wie das Wasser alle Lücken ausfüllt und so vorankommt.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Um den Toren zu entwickeln,ist es fördernd, den Menschen in Zucht zu nehmen.Man soll die Fesseln abnehmen.So weitermachen bringt Beschämung.
Wer zu lernen beginnt, braucht Ernst und eine gewisse Strenge, denn wer mit dem Leben nur spielt, kommt nie zurecht. Das gilt für Dich selbst wie für andere, die Du anleitest. Halte die Strenge aber knapp: Dauernder Drill beschämt und lähmt die Kraft.
Am Anfang der Erziehung steht das Gesetz. Die Unerfahrenheit der Jugend ist geneigt, zunächst alles lässig und spielerisch zu nehmen. Da muß ihr der Ernst des Lebens gezeigt werden. Ein gewisses Sichzusammennehmen, wo es durch stramme Zucht erzwungen wird, ist gut. Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht. Aber die Zucht darf nicht in Drill ausarten. Fortgesetzter Drill wirkt beschämend und lähmt die Kraft.
Die Toren ertragen in Milde, bringt Heil.Die Frauen zu nehmen wissen, bringt Heil.Der Sohn ist dem Hauswesen gewachsen.
Gezeichnet ist jemand ohne äußere Macht, der aber die innere Kraft besitzt, Verantwortung zu tragen. Ertrag die Schwächen und Torheiten der Menschen um Dich mit Milde und Nachsicht. Wer innere Stärke mit äußerer Zurückhaltung verbindet, kann auch eine größere Gemeinschaft leiten, und das geht gut aus.
Hier ist ein Mann gezeichnet, der keine äußere Macht hat, aber die nötige Geisteskraft, um die auf ihm lastende Verantwortung zu tragen. Er besitzt die innere Überlegenheit und Stärke, die die Unzulänglichkeiten der menschlichen Torheit in Milde zu tragen versteht. Dieselbe Gesinnung gilt den Frauen als dem schwächeren Geschlecht gegenüber. Man muß sie zu nehmen wissen und anzuerkennen in einer gewissen ritterlichen Nachsicht. Nur durch diese Vereinigung von innerer Kraft und äußerer Zurückhaltung wird man die Verantwortung der Leitung eines größeren gesellschaftlichen Organismus übernehmen können und dabei wirklich Erfolg haben.
Nicht sollst du ein Mädchen nehmen,das einen ehernen Mann siehtund sich nicht im Besitz behält.Nichts ist fördernd.
Die Linie warnt vor einer Annäherung, bei der sich jemand an eine starke Persönlichkeit hängt und dabei seine eigene Art aufgibt. Wer sich so anbietet, verliert seine Würde, und wer das Angebot annimmt, tut beiden nichts Gutes. Bewahr Deine eigene Art und lass Dich auf so eine unfreie Bindung nicht ein.
Ein schwacher, unerfahrener Mensch, der nach oben strebt, verliert leicht seine persönliche Eigenart, wenn er an hoher Stelle eine starke Persönlichkeit sieht, die er sklavisch nachahmt. Er gleicht einem Mädchen, das sich preisgibt, wenn sie einem starken Mann begegnet. Einer solchen unfreien Annäherung gegenüber darf man nicht entgegenkommend sein. Entgegenkommen wäre weder für den Jüngling noch für den Erzieher gut.
Ein Mädchen ist es ihrer Würde schuldig, daß sie auf Werbung wartet. In beiden Fällen ist es unwürdig, sich selbst anzubieten, und es ist nicht gut, ein solches Angebot anzunehmen.
Beschränkte Torheit bringt Beschämung.
Hier verstrickt sich die Torheit in Einbildungen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Je hartnäckiger man daran festhält, desto sicherer folgt die Beschämung. Prüf, ob Deine Vorstellung der Lage standhält. Geht es um einen anderen, kann es nötig sein, ihn eine Zeitlang sich selbst zu überlassen; oft rettet ihn erst die Erfahrung.
Für die Jugendtorheit ist es das hoffnungsloseste, sich in leere Einbildungen zu verstricken. Je eigensinniger sie auf solchen wirklichkeitsfremden Einbildungen beharrt, desto gewisser zieht sie sich Beschämungen zu.
Für den Erzieher wird beschränkter Torheit gegenüber oft nichts übrigbleiben, als sie eine Zeitlang sich selbst zu überlassen und die ihr aus ihrem Gebaren entspringende Beschämung nicht zu ersparen. Das ist oft der einzige Weg zur Rettung.
Kindliche Torheit bringt Heil.
Gut steht es um den Unerfahrenen, der offen und ohne Hochmut um Belehrung bittet. Geh mit Deiner Frage zu jemandem, der mehr weiß als Du, und lass Dich unterweisen. Vertraust Du Dich so einem Lehrer an, geht es gut aus.
Ein unerfahrener Mensch, der kindlich und anspruchslos Belehrung sucht, ist gut daran. Denn wer vom Hochmut frei sich dem Lehrer unterstellt, der wird sicher gefördert.
Beim Bestrafen der Torheit ist es nicht fördernd,Übergriffe zu begehen.Fördernd ist nur, Übergriffe abzuwehren.
Manchmal muss jemand, der nicht hören will, die Folgen seines Verhaltens spüren. Die Linie mahnt, dabei nicht im Zorn zu handeln. Wehr ab, was an Übergriffen geschieht, und geh dabei selbst nicht weiter als nötig; eine Strafe soll nur wieder Ordnung herstellen und ist nie Selbstzweck.
Unter Umständen muß ein unverbesserlicher Tor bestraft werden. Wer nicht hören will, muß fühlen. Diese Strafe ist von der Aufrüttlung zu Beginn verschieden. Aber die Verhängung der Strafe darf nicht im Zorn geschehen, sondern muß sich auf eine sachliche Abwehr unberechtigter Übergriffe beschränken. Sie ist nie Selbstzweck, sondern hat nur der Herstellung geordneter Verhältnisse zu dienen.
Das gilt sowohl von der Erziehung als auch von den Maßregeln einer Regierung gegen eine Bevölkerung, die sich Ausschreitungen zuschulden kommen läßt. Das Einschreiten der Regierung muß immer nur abwehrend sein und hat als einziges Ziel die Herstellung der öffentlichen Sicherheit und Ruhe.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.