oben Kan, das Abgründige, Wasser · unten Dschen, das Erregende, Donner
Am Anfang ist vieles zäh und unübersichtlich; davon handelt dieses Zeichen. Gerade daraus kann nach dem Urteil Großes gelingen, wenn Du beharrlich bleibst. Die Schwierigkeit kommt aus der Fülle dessen, was nach Gestaltung ringt, ähnlich wie bei einer Erstgeburt. Er vergleicht die Arbeit damit, Seidenfäden aus einem Knäuel auseinanderzulesen und zu Strängen zu verbinden. Schreib das Durcheinander auf, wie es ist, nimm Dir einen Faden vor und hol Dir Menschen dazu, mit denen Du es ordnest. Vorzeitiges Zufassen kann Misserfolg bringen, und allein bleiben solltest Du jetzt nicht.
Welchen einen Faden in Deinem Durcheinander kannst Du heute aufnehmen, und wer könnte Dir dabei helfen?
Der Name des Zeichens, Dschun, stellt eigentlich ein Gras dar, das bei seinem Hervorsprießen aus der Erde auf ein Hindernis stößt. Daraus ergibt sich die Bedeutung der Anfangsschwierigkeit. Das Zeichen deutet, wie Himmel und Erde die Einzelwesen hervorbringen. Es ist ihre erste Begegnung, die mit Schwierigkeiten verbunden ist. Das untere Zeichen, Dschen, ist das Erregende; seine Bewegung geht nach oben; zum Bild hat es den Donner. Das obere Zeichen, Kan, ist das Abgründige, Gefährliche; seine Bewegung geht nach unten; zum Bild hat es den Regen. Die Lage deutet also auf dichte, chaotische Fülle. Donner und Regen erfüllen die Luft. Aber das Chaos lichtet sich. Die Bewegung, die nach oben gerichtet ist, während das Abgründige sich senkt, kommt schließlich aus der Gefahr hinaus. Im Gewitter entladen sich die gespannten Kräfte, und alles atmet erleichtert auf.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Anfangsschwierigkeit wirkt erhabenes Gelingen.Fördernd durch Beharrlichkeit.Man soll nichts unternehmen.Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen.
Werdezeiten haben Schwierigkeiten. Es ist wie eine Erstgeburt. Aber diese Schwierigkeiten entstehen aus der Fülle dessen, was nach Gestaltung ringt. Es ist alles in Bewegung begriffen, darum ist trotz der vorhandenen Gefahr Aussicht auf großen Erfolg da, wenn man Beharrlichkeit hat. Wenn solche Anfangszeiten als Schicksal kommen, so ist noch alles ungestaltet und dunkel. Darum muß man abwarten, denn jedes vorzeitige Zufassen könnte Mißerfolg bringen. Ebenso ist es von großer Wichtigkeit, daß man nicht allein bleibt. Man muß Gehilfen haben, um gemeinsam mit ihnen das Chaos zu bewältigen. Das heißt aber nicht, daß man selbst untätig den Vorgängen zuschauen soll, sondern man muß mit Hand anlegen, anfeuernd und leitend bei allem dabei sein.
Wolken und Donner: das Bild der Anfangsschwierigkeit.So wirkt der Edle entwirrend und ordnend.
Wolken und Donner werden dargestellt durch bestimmte Linienornamente, das heißt, daß in dem Chaos der Anfangsschwierigkeit die Ordnung schon angelegt ist. So muß der Edle in solchen Anfangszeiten die unübersichtliche Fülle gliedern und ordnen, wie man Seidenfäden aus einem Knäuel auseinanderliest und sie zu Strängen verbindet. Man muß, um im Unendlichen sich zu finden, unterscheiden und verbinden.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Zögern und Hemmung.Fördernd ist es, beharrlich zu bleiben.Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen.
Am Anfang eines Vorhabens stellt sich ein Hindernis in den Weg. Halte vorsichtig inne, statt den Fortschritt zu erzwingen, und behalte Dein Ziel trotzdem fest im Auge. Such Dir die richtigen Helfer; sie finden sich, wenn Du den Menschen bescheiden begegnest und Dich nicht über sie stellst.
Wenn man zu Anfang einer Unternehmung auf Hemmung stößt, so darf man den Fortschritt nicht erzwingen wollen, sondern muß vorsichtig innehalten. Aber man darf sich nicht irremachen lassen, sondern muß dauernd und beharrlich sein Ziel im Auge behalten. Wichtig ist es, daß man sich die richtigen Hilfskräfte sucht. Die findet man nur dann, wenn man bescheiden mit den Menschen verkehrt und sich nicht überhebt. Nur dadurch fallen einem die Menschen zu, mit deren Hilfe man die Schwierigkeiten in Angriff nehmen kann.
Schwierigkeiten türmen sich.Pferd und Wagen trennen sich.Nicht Räuber er ist,Will freien zur Frist.Das Mädchen ist keusch, verspricht sich nicht.Zehn Jahre, dann verspricht sie sich.
Mitten in einer festgefahrenen Lage bietet überraschend jemand Erleichterung an, und zwar von einer Seite, zu der man keine Beziehung hat. Lehn ein solches Angebot lieber ab, so freundlich es gemeint ist; die Verpflichtung, die daraus folgt, würde Deine Freiheit der Entscheidung beschneiden. Wer die Zeit abwartet, erreicht am Ende, was er gehofft hat.
Man befindet sich in Schwierigkeit und Hemmung. Da zeigt sich plötzlich eine Wendung, wie wenn jemand mit Wagen und Pferden herankäme und ausspannte. Dies Ereignis kommt so überraschend, daß man vermutet, der Herankommende sei ein Räuber. Allmählich zeigt es sich, daß er keine bösen Absichten hat, sondern freundliche Verbindung sucht und Erleichterung anbietet. Aber man nimmt das Anerbieten nicht an, da es nicht von der rechten Seite kommt, sondern wartet, bis die Zeit erfüllt ist – zehn Jahre sind ein geschlossener Zeitraum, eine erfüllte Zeit. Dann kehren von selbst die normalen Verhältnisse wieder, und man kann sich mit dem Freund vereinen, der einem bestimmt ist.
Unter dem Bild einer Braut, die in schweren Konflikten ihrem Geliebten treu bleibt, wird ein Rat für eine besondere Lebenslage erteilt: Wenn in Zeiten der Schwierigkeit, da man auf Hemmung stößt, unerwartet eine Erleichterung angeboten wird von einer Seite, zu der man keine Beziehung hat, so soll man vorsichtig sein und keine Verpflichtungen auf sich nehmen, wie das die Folge einer solchen Hilfe wäre, da man sonst in der Freiheit der Entscheidung beeinträchtigt wäre. Wenn man die Zeit abwartet, so werden die ruhigen Verhältnisse wiederkommen, und man erreicht, was man gehofft.
Eine andere Deutung ergibt sich aus folgender, ebenfalls möglichen Übersetzung:
Schwierigkeiten türmen sich.Pferd und Wagen wenden sich.Wär nicht der Räuber da,Der Freier käme ja.Das Mädchen ist treu, verspricht sich nicht.Zehn Jahre, dann verspricht sie sich.
Wer den Hirsch jagt ohne Förster,der verirrt sich nur im Wald.Der Edle versteht die Zeichen der Zeitund steht lieber ab.Weitermachen bringt Beschämung.
Wer ohne Kenntnis und ohne Führung in fremdes Gelände aufbricht, verirrt sich. Versuch nicht, Dich überstürzt und auf eigene Faust aus einer schwierigen Lage herauszuwinden. Fehlt Dir der nötige Rat, verzichte lieber auf einen Wunsch, als ihn zu erzwingen; Weitermachen brächte Misserfolg und Beschämung.
Wenn man keinen Führer hat und in einem fremden Walde jagen will, so verirrt man sich. Man darf sich aus den Schwierigkeiten, in denen man steht, nicht unbedacht und führerlos herausstehlen wollen. Das Schicksal läßt sich nicht betrügen. Voreiliges Streben ohne die nötige Leitung führt zu Mißerfolg und Schande. Darum wird der Edle, der die Keime des Kommenden erkennt, lieber auf einen Wunsch verzichten, als dadurch, daß er ihn zu erzwingen sucht, sich Mißerfolg und Beschämung zuzuziehen.
Pferd und Wagen trennen sich.Suche nach Vereinigung.Hingehen bringt Heil.Alles wirkt fördernd.
Die Linie beschreibt eine Lage, in der man handeln müsste, die eigene Kraft aber nicht ausreicht, und gerade bietet sich Gelegenheit, Anschluss zu finden. Greif zu und lass Dich nicht von falschem Stolz abhalten. Wer den ersten Schritt tut und sich helfen lässt, für den geht es gut aus; in schwieriger Lage ist das keine Schande.
Man ist in einer Lage, da man die Pflicht hat, zu handeln, aber die Kraft reicht nicht aus. Doch bietet sich Gelegenheit, Anschluß zu finden. Da gilt es, zuzugreifen. Man darf sich nicht durch einen falschen Stolz und falsche Zurückhaltung abhalten lassen. Es ist ein Zeichen innerer Klarheit, wenn man es über sich gewinnt, den ersten Schritt zu tun, selbst wenn eine gewisse Selbstverleugnung damit verbunden ist. In schwieriger Lage ist es keine Schande, sich helfen zu lassen. Wenn man den richtigen Gehilfen findet, geht alles gut.
Schwierigkeiten im Segnen.Kleine Beharrlichkeit bringt Heil,große Beharrlichkeit bringt Unheil.
Gute Absichten kommen hier nicht an, weil andere sich dazwischenschieben und alles verdrehen. Versuch jetzt nichts Großes gewaltsam durchzusetzen; dafür fehlt noch das allgemeine Vertrauen, und das ginge schlecht aus. Arbeite still, treu und gewissenhaft im Kleinen weiter, bis sich die Verhältnisse klären; das geht gut aus.
Man findet sich in der Lage, daß man keine Möglichkeit hat, seine guten Absichten so zum Ausdruck zu bringen, daß sie wirklich in die Erscheinung treten und verstanden werden. Andere schieben sich dazwischen und entstellen alles, was man tut. Da muß man dann vorsichtig sein und allmählich vorgehen. Man darf nichts Großartiges gewaltsam durchsetzen wollen; denn so etwas gelingt nur, wenn man das allgemeine Vertrauen schon genießt. Nur im stillen, durch treue und gewissenhafte Arbeit kann man allmählich dahin wirken, daß die Verhältnisse sich aufklären und die Hemmung fällt.
Pferd und Wagen trennen sich.Blutige Tränen ergießen sich.
Die Linie zeigt jemanden, dem die Schwierigkeiten des Anfangs zu schwer geworden sind und der die Hände sinken lässt. Dieser Verzicht gehört zum Traurigsten. Trauer hat ihre Zeit, doch Konfuzius mahnt: „das darf man nicht dauernd tun.“ Gib den Kampf darum nicht endgültig auf.
Es gibt Menschen, denen werden die Anfangsschwierigkeiten zu schwer. Sie bleiben stecken und finden sich nicht mehr durch. Sie lassen die Hände sinken und geben den Kampf auf. Ein solcher Verzicht gehört zum Traurigsten. Darum macht Kungtse dazu die Bemerkung: »Blutige Tränen ergießen sich: das darf man nicht dauernd tun.«
Wenn man im Kampf des Lebens an solche Stelle gelangt, da man nicht weiterkommt und ein Seufzer sich der Brust entringt, wie an jener berühmten Stelle von Beethovens C-moll-Symphonie: dauernd darf dieser Zustand nicht sein. Man muß die Pferde der willensstarken Gedanken wieder anspannen und den Kampf zu Ende führen.
»Wer niemals ruht,Wer mit Herz und BlutAuf Unmögliches sinnt,Der gewinnt.«
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.