oben Dui, das Heitere, See · unten Sun, das Sanfte, Wind
Hier ist die Last zu groß für das, was sie trägt: Der Firstbalken biegt sich durch. Diese Ausnahmelage verlangt einen raschen Übergang, und den Knoten löst man durch sanftes Eindringen in den Sinn der Lage. Versuch zuerst zu verstehen, woran es hängt, und handle dann bald, auch wenn Du dabei allein stehst. Das Bild sagt, man bleibe unbesorgt, wenn man allein steht, und unverzagt, wenn man auf die Welt verzichten muss. Mit Gewaltmaßnahmen wird nichts erreicht; mit einem klaren Ziel gelingt der Übergang.
Woran hängt die Last, die gerade zu schwer ist, und was wäre der erste Schritt hinaus?
Das Zeichen besteht aus vier starken Strichen im Innern und zwei schwachen Linien außen. Wenn die Starken außen und die Schwachen innen sind, so ist das gut und kein Übergewicht, nichts Außerordentliches liegt vor. Hier ist das Umgekehrte der Fall. Das Zeichen stellt einen Balken dar, der innen dick und schwer, aber an den Enden zu schwach ist. Das ist kein Dauerzustand. Er muß verändert werden, vorübergehen, sonst droht Unheil.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Des Großen Übergewicht. Der Firstbalken biegt sich durch.Fördernd ist es, zu haben, wohin man gehe.Gelingen.
Das Große ist im Übergewicht. Die Belastung ist zu groß für die tragenden Kräfte. Der Firstbalken, auf dem das ganze Dach ruht, biegt sich durch, weil seine tragenden Enden zu schwach für die Last sind. Es ist eine Zeit und Lage, die außerordentlicher Maßregeln bedarf, um überwunden zu werden, weil sie selbst eine Ausnahmezeit ist. Darum muß man darauf bedacht sein, möglichst rasch einen Übergang zu finden, zu handeln: das verspricht Erfolg; denn obwohl das Starke im Übergewicht ist, ist es doch in der Mitte, d. h. im inneren Schwerpunkt, so daß keine Revolution zu befürchten ist. Mit Gewaltmaßregeln freilich wird nichts erreicht. Man muß den Knoten lösen durch sanftes Eindringen in den Sinn der Lage (wie das durch die Eigenschaft des inneren Zeichens Sun nahegelegt ist), dann wird der Übergang in andere Verhältnisse gelingen. Es bedarf großer Überlegenheit; darum ist die Zeit des Übergewichts des Großen eine große Zeit.
Der See geht über die Bäume weg:das Bild des Übergewichts im Großen.So ist der Edle, wenn er allein steht, unbesorgt,und wenn er auf die Welt verzichten muß, unverzagt.
Außerordentliche Zeiten des Übergewichts des Großen sind wie eine Überschwemmung, da der See über die Bäume weggeht. Aber solche Zustände gehen vorüber. In den einzelnen Zeichen ist die rechte Haltung in solchen Ausnahmezeiten gegeben: Das Bild von Sun ist der Baum, der fest steht, auch wenn er einsam ist, und die Eigenschaft von Dui ist die Heiterkeit, die unverzagt bleibt, auch wenn sie auf die Welt verzichten muß.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Unterlegen mit weißem Schilfgras. Kein Makel.
In außergewöhnlichen Zeiten braucht jeder Anfang außergewöhnliche Vorsicht, so wie man etwas Schweres behutsam auf Schilfgras abstellt, damit nichts zerbricht. Sei bei den Grundlagen sehr sorgfältig, auch wenn es übertrieben wirkt. Diese Vorsicht ist kein Fehler.
Wenn man in außerordentlichen Zeiten etwas beginnen will, so muß man außerordentliche Vorsicht walten lassen, wie man etwas Schweres, das auf den Boden gestellt werden soll, mit Schilfgras vorsichtig unterlegt, damit nichts zerbricht. Diese Vorsicht mag übertrieben scheinen, aber sie ist kein Fehler. Alle außerordentlichen Unternehmungen können nur gelingen bei äußerster Vorsicht in den Anfängen und Grundlagen.
Ein trockener Pappelbaum treibt einen Wurzelsproß.Ein älterer Mann bekommt eine junge Frau.Alles ist fördernd.
Ein alter, trockener Baum treibt aus der Wurzel neu aus: Das Bild zeigt eine unerwartete Erneuerung. Auch eine ungewöhnliche Verbindung kann gut gehen, wenn die Beteiligten zueinander passen. In bewegten Zeiten ist es günstig, Dich an die einfachen Leute zu halten, denn von ihnen kann die Erneuerung ausgehen.
Das Holz steht am Wasser, daher das Bild einer alten Pappel, die einen Wurzelsproß treibt. Das ist eine außerordentliche Wiederbelebung des Wachstumsprozesses. Dieselbe außerordentliche Lage ergibt sich, wenn ein älterer Mann ein junges Mädchen zur Frau bekommt, die zu ihm paßt. Trotz des Außergewöhnlichen der Lage geht alles gut.
Politisch betrachtet ist der Sinn der, daß es in außerordentlichen Zeiten günstig ist, sich zu den Niedrigen zu halten, denn hier ist die Möglichkeit einer Erneuerung gegeben.
Der Firstbalken biegt sich durch. Unheil.
Die Linie zeigt jemanden, der in einer schweren Lage mit Gewalt durchfahren will und keinen Rat annimmt. Darum steht ihm auch niemand bei, die Last wächst, und es kommt zum Bruch. Nimm Rat an; eigenwilliges Drängen beschleunigt in gefährlichen Zeiten nur den Zusammenbruch, und das geht schlecht aus.
Es ist eine Persönlichkeit gezeichnet, die in Zeiten des Übergewichts des Großen heftig durchfahren will. Sie nimmt von den andern keinen Rat, darum sind die andern auch nicht zu ihrer Unterstützung bereit. Dadurch wächst die Last, und es kommt zum Biegen oder Brechen. In gefahrvollen Zeiten beschleunigt eigenwilliges Zufahren nur den Zusammenbruch.
Der Firstbalken wird gestützt. Heil.Sind Hintergedanken da, ist es beschämend.
Wer Verantwortung trägt, wird hier der schwierigen Lage Herr, weil er gute Beziehungen zu den Menschen unter sich hat. Nutze diese Beziehungen für die Rettung des Ganzen; das geht gut aus. Wolltest Du sie für eigene Macht und eigenen Vorteil gebrauchen, wäre das beschämend.
Durch freundliche Beziehungen zu den Unteren gelingt es einem verantwortlichen Mann, der Lage Herr zu werden. Wenn er aber seine Beziehungen dazu mißbrauchen wollte, um für sich persönlich Macht und Erfolg zu erlangen, statt nur für die Rettung des Ganzen zu sorgen, so wäre das beschämend.
Eine dürre Pappel treibt Blüten.Ein älteres Weib bekommt einen Mann.Kein Makel. Kein Lob.
Die dürre Pappel blüht noch einmal und erschöpft sich dabei nur: ein letztes Aufblühen ohne Erneuerung. Das ist kein Fehler, doch es hat keinen Bestand. Halte in unsicheren Zeiten die Verbindung zu den Menschen unter Dir und verlass Dich nicht allein auf Beziehungen nach oben.
Eine dürre Pappel, die Blüten treibt, erschöpft dadurch ihre Kräfte und kommt dem Ende dadurch nur näher. Eine ältere Frau nimmt sich noch einmal einen Mann. Aber es findet keine Erneuerung statt. Es bleibt alles steril. So bleibt doch nur die Sonderlichkeit bestehen, wenn auch alles in Ehren zugeht.
Politisch ist angedeutet, daß, wenn man in unsicheren Zeiten den Zusammenhang nach unten hin aufgibt und sich nur an seine Beziehungen zu höheren Ständen hält, damit ein Zustand geschaffen wird, der nicht dauerhaft ist.
Man muß durchs Wasser. Es geht über den Scheitel.Unheil. Kein Makel.
Das Außerordentliche ist aufs Höchste gestiegen: Jemand will seine Aufgabe unter allen Umständen bewältigen, und die Gefahr schlägt über ihm zusammen. Das geht schlecht aus. Wer dabei für das Gute und Rechte einsteht, macht trotzdem keinen Fehler. Steht Dir selbst das Wasser bis zum Hals, bleib damit nicht allein.
Hier ist die Lage gezeichnet, daß das Außerordentliche aufs höchste gestiegen ist. Man ist mutig und will unter allen Umständen seine Aufgabe bewältigen. Dadurch kommt man in Gefahr. Das Wasser geht über einen weg. Das ist das Unheil. Aber das Leben zu lassen um der Durchsetzung des Guten und Rechten willen, das gibt keinen Makel. Es gibt Wichtigeres als das Leben.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.