oben Gen, das Stillehalten, Berg · unten Kiën, das Schöpferische, Himmel
Das Zeichen spricht von gesammelter Kraft, von Wissen, Erfahrung oder Mitteln, die nach außen drängen. Der Himmel inmitten des Berges deutet auf einen verborgenen Schatz. Aus den Worten und Taten der Vergangenheit lässt sich lernen, um den eigenen Charakter zu festigen, und dazu gehört die tägliche Erneuerung: Nur so bleibt man auf der Höhe der Kraft. Wende jeden Tag ein Stück von dem an, was Du gesammelt hast, und geh damit hinaus; nicht zu Hause zu essen, sagt das Urteil, geht gut aus. Nur zu sammeln, ohne zu gebrauchen, wäre die Gefahr.
Was hast Du in Dir angesammelt, das Du für Deine Frage noch nicht nutzt?
Das »Schöpferische« wird durch das »Stillehalten« bezähmt. Das gibt eine große Kraft, ganz anders als bei Nr. 9, wo nur das »Sanfte« das »Schöpferische« bezähmt. Während dort ein schwacher Strich die fünf Starken bezähmen soll, sind es hier zwei, außer dem Minister auch noch der Fürst. Darum ist ihre Zähmungskraft weit stärker. Eine dreifache Bedeutung liegt in dem Zeichen: der Himmel inmitten des Bergs gibt den Gedanken des Festhaltens = Beisammenhaltens; das Zeichen Gen, welches das Zeichen Kiën stillhält, gibt den Gedanken des Festhaltens = Zurückhaltens. Indem schließlich ein starker Strich oben der Herr des Zeichens ist, der als Weiser geehrt und gepflegt wird, so ergibt sich hieraus der Gedanke des Festhaltens = Pflege, Ernährung. Der letzte Gedanke kommt namentlich bei dem Herrn des Zeichens, dem starken oberen Strich, der den Weisen repräsentiert, zur Geltung.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Des Großen Zähmungskraft. Fördernd ist Beharrlichkeit.Nicht zu Hause essen bringt Heil.Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Zum Festhalten und Ansammeln von großen, schöpferischen Kräften, wie es in dem Zeichen dargestellt ist, bedarf es eines starken, klaren Mannes, der vom Herrscher geehrt wird. Das Zeichen Kiën deutet auf starke Schöpferkraft, das Zeichen Gen auf Festigkeit und Wahrheit, beide deuten auf Licht und Klarheit und auf tägliche Erneuerung des Charakters. Nur durch eine solche tägliche Selbsterneuerung bleibt man auf der Höhe der Kraft. Während in ruhiger Zeit die Macht der Gewohnheit behilflich ist zur Ordnung, kommt es in solch großen Zeiten der Kraftansammlung ganz auf die Macht der Persönlichkeit an. Aber weil die Würdigen geehrt werden, wie die starke Persönlichkeit, die vom Herrscher mit der Leitung betraut ist, beweist, darum ist es günstig, nicht zu Hause zu essen, sondern in der Öffentlichkeit durch Übernahme eines Amtes sein Brot zu verdienen. Man ist im Einklang mit dem Himmel; darum gelingen auch schwere, gefahrvolle Unternehmungen, wie das Durchqueren des großen Wassers.
Der Himmel inmitten des Berges:das Bild von des Großen Zähmungskraft.So lernt der Edle viele Worte der Vorzeitund Taten der Vergangenheit kennen,um dadurch seinen Charakter zu festigen.
Der Himmel inmitten des Berges deutet auf verborgene Schätze. So liegt in den Worten und Taten der Vergangenheit ein Schatz verborgen, der zur Festigung und Steigerung des eigenen Charakters verwendet werden kann. Das ist die rechte Art des Studiums, sich nicht auf historisches Wissen zu beschränken, sondern das Historische durch Anwendung immer wieder gegenwärtig zu machen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Es ist Gefahr da. Fördernd ist es, abzustehen.
Man möchte kräftig vorankommen, doch die Umstände halten einen fest. Wer den Fortschritt jetzt erzwingt, gerät ins Unglück. Fass Dich und warte, bis sich für die angesammelte Kraft ein Ausweg öffnet.
Man wünschte wohl ein kräftiges Fortschreiten. Allein in den Verhältnissen liegt eine Behinderung. Man sieht sich festgehalten. Wollte man den Fortschritt erzwingen, so würde das ins Unglück bringen. Darum ist es besser, sich zu fassen und zu warten, bis den angesammelten Kräften ein Ausweg sich öffnet.
Dem Wagen werden die Achsenlager abgenommen.
Hier ist die Hemmung so klar überlegen, dass sich ein Kampf gar nicht lohnt. Füg Dich vorerst und beschränk Dich aufs Warten, so wie man einen Wagen stilllegt. In dieser Ruhe sammelt sich die Spannkraft für ein späteres, kräftiges Vorankommen.
Hier ist das Fortschreiten gehemmt, ähnlich wie bei des Kleinen Zähmungskraft (Nr. 9, Neun auf drittem Platz). Aber während dort die hemmende Kraft gering ist und daher ein Konflikt entsteht zwischen dem Vorwärtsdrängenden und dem Hemmenden, infolgedessen dem Wagen die Speichen abspringen, ist hier die hemmende Kraft unbedingt überlegen. Daher findet kein Kampf statt. Man fügt sich und nimmt zunächst dem Wagen die Achsenlager ab, d. h. beschränkt sich zunächst aufs Warten. Dadurch sammelt sich die Spannkraft zu späterem energischem Fortschritt.
Ein gutes Pferd, das andern folgt.Fördernd ist Bewußtsein der Gefahr und Beharrlichkeit.Täglich übe dich im Wagenfahren und Waffenschutz.Fördernd ist es, zu haben, wohin man geht.
Der Weg öffnet sich, und ein starker Wille zieht in dieselbe Richtung wie Du. Bleib Dir trotzdem der Gefahr bewusst. Übe beides, was Dich voranbringt und was Dich vor einem unerwarteten Angriff schützt, und behalte ein klares Ziel vor Augen.
Der Weg öffnet sich. Die Hemmung hat aufgehört. Man steht in Beziehung zu einem starken Willen, der in gleicher Richtung wirkt. Man kommt voran wie ein gutes Pferd, das einem andern folgt. Aber es droht noch Gefahr, deren man bewußt bleiben muß, um sich nicht die Festigkeit rauben zu lassen. So muß man einerseits sich üben in dem, was voran führt, andererseits in dem, was gegen unvermuteten Angriff schützt. Dann ist es gut, ein Ziel zu haben, dem man zustrebt.
Das Schutzbrett eines jungen Stieres.Großes Heil!
Dem jungen Stier legt man das Brett an die Stirn, ehe die Hörner wachsen: So zähmt man eine Wildheit, bevor sie ausbricht. Kümmere Dich jetzt früh um das, was später gefährlich werden könnte. So erreichst Du mit leichter Mühe viel, und es geht sehr gut aus.
Diese Linie und die nächstfolgende sind es, die die vorwärtsstrebenden unteren zähmen. Ehe einem Stier die Hörner gewachsen sind, bringt man an seiner Stirn ein Schutzbrett an, das vorsorgt, daß, wenn erst die Hörner da sind, sie nicht mehr verletzen können. Eine gute Art der Zähmung ist es, der ausbrechenden Wildheit zu begegnen, ehe sie sich äußert; dadurch schafft man sich einen leichten und großen Erfolg.
Eines verschnittenen Ebers Zahn. Heil!
Ungestümer Drang wird hier auf indirektem Weg gezähmt: Ändert sich die Natur des Ebers, verliert sein Zahn die Gefahr. Bekämpf die Wildheit bei Menschen also nicht frontal. Geh an ihre Wurzeln und beseitige, was sie nährt; das geht gut aus.
Hier ist die Zähmung des ungestüm Vorwärtsdrängenden auf indirekte Weise erreicht. Der Zahn des Ebers ist an sich gefährlich, aber wenn die Natur des Ebers verändert ist, so verliert er seine Gefährlichkeit. So muß man auch bei Menschen die Wildheit nicht direkt bekämpfen, sondern die Wurzeln der Wildheit beseitigen.
Man erlangt den Himmelsweg. Gelingen.
Die Zeit der Hemmung ist vorbei. Die lange angestaute Kraft bricht sich Bahn und hat großen Erfolg. Wer lange zurückgehalten wurde und dabei an seinen Grundsätzen festhielt, findet jetzt Anerkennung; setz ein, was sich in Dir angesammelt hat.
Die Zeit der Hemmung ist vorüber. Die lange durch Hemmung angesammelte Kraft bricht sich Bahn und hat großen Erfolg. Es ist ein Weiser, der vom Herrscher geehrt wird und dessen Grundsätze nun durchdringen und die Welt gestalten.
Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.
Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.