oben Kiën, das Schöpferische, Himmel · unten Dschen, das Erregende, Donner
Das Zeichen trägt zwei Namen, die Unschuld und das Unerwartete. Es geht um ein Handeln ohne Hintergedanken, und auch um das Unbeabsichtigte, das einem zustößt. Wer das Rechte tut, ohne auf Lohn oder Vorteil zu schielen, hat eine instinktive Sicherheit, die aus dem Inneren kommt. Tu, was Du für recht hältst, und sag einfach, was Du meinst, auch wenn es Dir nichts einbringt; dann gelingt es. Hüte Dich aber vor einem Missverständnis: Diese Sicherheit gilt nur für das Rechte. „Wenn jemand nicht recht ist, so hat er Unglück“, sagt das Urteil.
Was würdest Du tun, wenn Du nur an das Rechte dächtest und nicht an den Lohn?
Oben ist Kiën, der Himmel, unten ist Dschen, die Bewegung. Das untere Zeichen, Dschen, wird bestimmt durch den starken Strich, den es von oben her, vom Himmel, bekommen hat. Wenn demgemäß die Bewegung dem Gesetz des Himmels folgt, dann ist der Mensch unschuldig und ohne Falsch. Das ist das Echte, Natürliche, das durch keine Überlegungen und Hintergedanken getrübt ist. Wo man die Absicht merkt, da ist die Wahrheit und Unschuld der Natur verloren. Natur ohne die Direktive des Geistes ist nicht wahre Natur, sondern degenerierte Natur. Von dem Gedanken des Natürlichen aus geht die Gedankenbildung teilweise noch weiter, und so umfaßt das Zeichen auch noch den Gedanken des Unbeabsichtigten, Unerwarteten.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Unschuld. Erhabenes Gelingen.Fördernd ist Beharrlichkeit.Wenn jemand nicht recht ist, so hat er Unglück,und nicht fördernd ist es, irgend etwas zu unternehmen.
Der Mensch hat vom Himmel die ursprünglich gute Natur erhalten, daß sie ihn bei allen Bewegungen leite. Durch Hingabe an dieses Göttliche in ihm erlangt der Mensch eine lautere Unschuld, die ohne Hintergedanken an Lohn und Vorteil einfach das Rechte tut mit instinktiver Sicherheit. Diese instinktive Sicherheit bewirkt erhabenes Gelingen und ist fördernd durch Beharrlichkeit. Es ist aber nicht alles Instinktive Natur in diesem höheren Sinn des Wortes, sondern nur das Rechte, das mit dem Willen des Himmels übereinstimmt. Ohne dieses Rechte wirkt eine unüberlegte instinktive Handlungsweise nur Unglück. Meister Kung sagt darüber: »Wer von der Unschuld abweicht, wo kommt der hin? Des Himmels Wille und Segen ist nicht mit seinen Taten.«
Unter dem Himmel geht der Donner:Alle Dinge erlangen den Naturzustand der Unschuld.So pflegten und nährten die alten Könige,reich an Tugend und entsprechend der Zeit, alle Wesen.
Wenn der Donner – die Lebenskraft – im Frühling sich unter dem Himmel wieder regt, dann sproßt und wächst alles, und alle Geschöpfe erhalten von der schaffenden Natur die Kindesunschuld des ursprünglichen Wesens. So machen es auch die guten Herrscher der Menschen: Mit dem inneren Reichtum ihres Wesens sorgen sie für alles Leben und alle Kultur und tun alles, was zu deren Pflege nötig ist, zur rechten Zeit.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Unschuldiger Wandel bringt Heil!
Gemeint ist die erste, ursprüngliche Regung des Herzens, bevor Berechnung dazukommt. Solche ersten Regungen sind immer gut. Folge ihnen getrost; wer so unbefangen handelt, darf darauf vertrauen, dass es gut ausgeht.
Die ersten ursprünglichen Regungen des Herzens sind immer gut, so daß man ihnen getrost folgen kann und gewiß sein darf, daß man Glück hat und seine Absicht erreicht.
Wenn man beim Pflügen nicht ans Ernten denktund beim Roden nicht an das Benützen des Feldes:dann ist es fördernd, etwas zu unternehmen.
Die Linie zeigt eine Arbeit, die um ihrer selbst willen getan wird, ohne schon an den Ertrag zu denken. Tu, was Zeit und Ort jetzt verlangen, und schiel nicht nach dem Erfolg. Gerade so gerät die Sache, und was Du anfängst, kommt voran.
Man soll jede Arbeit um ihrer selbst willen tun, wie Zeit und Ort sie verlangen, und nicht nach dem Erfolg schielen, dann gerät sie, und was man unternimmt, hat Erfolg.
Unverschuldetes Unglück:Die Kuh, die von jemand angebunden war,ist des Wanderers Gewinn, des Bürgers Verlust.
Manchmal trifft einen ein Schaden ohne eigene Schuld, ausgelöst von einem anderen: Was der eine im Vorbeigehen gewinnt, verliert der andere. Achte trotzdem darauf, auch bei guten Absichten den rechten Zeitpunkt zu wählen, sonst kommt Unerwartetes leichter über Dich.
Manchmal kommt unverschuldetes Unglück über einen, das von einem andern veranlaßt wird, wie etwa, wenn ein Mann des Weges kommt und eine angebundene Kuh mitlaufen läßt. Sein Gewinn ist des Besitzers Verlust. Bei allen, auch bei unschuldigen Handlungen, muß man sich nach der rechten Zeit richten, sonst kommt unerwartetes Unglück über einen.
Wer vermag beharrlich zu sein, bleibt ohne Makel.
Was einem wirklich gehört, geht nicht verloren, selbst wenn man es fortwürfe. Du brauchst Dich also nicht zu sorgen. Bleib Deinem eigenen Wesen treu, das ist kein Fehler, und hör jetzt nicht auf das, was andere Dir einreden.
Was einem wirklich gehört, das kann man nicht verlieren, und wenn man es wegwürfe. Man braucht darum gar nicht besorgt zu sein. Man muß nur darum besorgt sein, daß man seinem eigenen Wesen treu bleibt und nicht auf andere hört.
Bei unverschuldeter Krankheit gebrauche keine Arznei.Es wird schon von selber gut werden.
Das Bild handelt von einem Übel, das zufällig von außen kommt und in der eigenen Natur keinen Halt hat. Greif dann nicht hastig zu äußeren Mitteln, um es loszuwerden. Lass der Sache ruhig ihren Lauf; sie bessert sich von selbst. Bei einer Krankheit im wörtlichen Sinn ersetzt der alte Spruch keinen ärztlichen Rat.
Kommt von außen her, durch Zufall, ein unerwartetes Übel, das nicht in der eigenen Natur begründet ist und in ihr seinen Anhaltspunkt hat, so soll man nicht nach äußeren Mitteln greifen zu seiner Beseitigung, sondern der Natur ruhig ihren Lauf lassen, dann wird es von selbst besser.
Unschuldiges Handeln bringt Unglück.Nichts ist fördernd.
In dieser Lage ist gerade kein Fortschritt an der Zeit, und auch gut gemeintes Handeln führt dann nicht weiter. Warte ruhig und ohne Hintergedanken. Wer jetzt unüberlegt gegen den Lauf der Dinge vorwärts drängt, erreicht nichts.
Wenn man in einer Lage ist, da kein Fortschritt mehr an der Zeit ist, da gilt es ruhig und ohne Hintergedanken zu warten. Wenn man unüberlegt handelt, um wider das Schicksal voranzukommen, so wird ein Erfolg nicht erreicht.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.