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18. Gu · Die Arbeit am Verdorbenen

oben Gen, das Stillehalten, Berg · unten Sun, das Sanfte, Wind

Was das Zeichen heute sagt

Gemeint ist etwas, das verdorben ist, durch Gleichgültigkeit, Trägheit oder lange Vernachlässigung. Was Menschen verdorben haben, können Menschen wieder gutmachen, und das Urteil verspricht, dass es gelingt. Die drei Tage vor und nach dem Anfangspunkt stehen für zwei Aufgaben: vorher die Gründe kennen und nachher achtgeben, dass das neue Geleise sich sicher einfährt. Frag zuerst, wie es so weit kam, greif dann entschlossen zu und schau danach noch eine Weile hin. Scheu vor der Arbeit wäre jetzt der Fehler; an die Stelle der Trägheit müssen Entschlossenheit und Energie treten.

Was ist in Deiner Lage verdorben, und wie kam es so weit?

Das Zeichen

Das chinesische Zeichen Gu stellt eine Schüssel dar, in deren Inhalt Würmer wachsen. Das bedeutet das Verdorbene. Das ist dadurch gekommen, daß die sanfte Gleichgültigkeit des unteren Urzeichens mit der starren Trägheit des oberen Urzeichens zusammengekommen ist, so daß die Verhältnisse in Stagnation gerieten. Da also eine Verschuldung vorliegt, so enthalten diese Zustände die Aufforderung zu ihrer Beseitigung. Daher ist die Bedeutung des Zeichens nicht einfach »das Verdorbene«, sondern »das Verdorbene als Aufgabe«, die »Arbeit am Verdorbenen«.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Die Arbeit am Verdorbenen hat erhabenes Gelingen.Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.Vor dem Anfangspunkt drei Tage,nach dem Anfangspunkt drei Tage.

Was durch Schuld von Menschen verdorben ist, kann durch Arbeit von Menschen wieder gutgemacht werden. Es ist nicht unabänderliches Geschick, wie während der Stockungszeit, sondern eine Folge von Mißbrauch der menschlichen Freiheit, was den Zustand des Verderbens herbeigeführt hat. Deshalb ist die Arbeit an der Besserung aussichtsvoll, weil sie im Einklang mit den Möglichkeiten der Zeit steht. Nur darf man vor Arbeit und Gefahr – symbolisiert durch das Durchqueren des großen Wassers – nicht zurückschrecken, sondern muß energisch zugreifen. Das Gelingen hat jedoch zur Vorbedingung die rechte Überlegung. Das ist ausgedrückt in dem Zusatz: »Vor dem Anfangspunkt drei Tage, nach dem Anfangspunkt drei Tage.« Erst muß man die Gründe kennen, die zum Verderben geführt haben, ehe man sie abstellen kann: daher Achtung während der Zeit vor dem Anfangspunkt. Und dann muß man sorgen, daß das neue Geleise sich sicher einfährt, so daß ein Rückfall vermieden wird: daher Achtung auf die Zeit nach dem Anfangspunkt. An die Stelle der Gleichgültigkeit und Trägheit, die zum Verderben geführt haben, müssen Entschlossenheit und Energie treten, damit auf das Ende ein neuer Anfang folgt.

Das Bild

Unten am Berg weht der Wind: das Bild des Verderbens.So rüttelt der Edle die Leute auf und stärkt ihren Geist.

Wenn der Wind unten am Berg weht, so wird er zurückgeworfen und verdirbt die Pflanzen. Das enthält die Aufforderung zu bessern. So ist es auch mit den niedrigen Stimmungen und Moden: sie bringen Verderben in die menschliche Gesellschaft. Um das zu beseitigen, muß der Edle die Gesellschaft erneuern. Die Methoden dazu werden ebenfalls den beiden Urzeichen entnommen, nur daß ihre Wirkungen sich geordnet nacheinander entfalten. Er muß die Stagnation beseitigen durch Aufrütteln der öffentlichen Meinung (wie der Wind aufrüttelnd wirkt) und dann den Charakter der Leute stärken und beruhigen (wie der Berg Ruhe und Nahrung allem Wachstum in seiner Umgebung gibt).

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Sechs bedeutet:

Zurechtbringen des vom Vater Verdorbenen.Wenn ein Sohn da ist,bleibt auf dem heimgegangenen Vater kein Makel.Gefahr. Schließlich Heil.

Ein Schaden ist aus starrem Festhalten am Hergebrachten entstanden, sitzt aber noch nicht tief. Wer ihn jetzt behebt, macht das Überkommene wieder gut, und an denen, die es hinterlassen haben, bleibt kein Fehler hängen. Nimm die Sache trotzdem nicht zu leicht: Jede Erneuerung birgt Gefahr, und nur wer das weiß, für den geht es am Ende gut aus.

Das starre Stehenbleiben beim Hergebrachten hat Verderben zur Folge gehabt. Aber das Verderben ist noch nicht tief eingewurzelt, darum kann es noch leicht gebessert werden. Es ist, wie wenn ein Sohn das Verderben, das unter seinem Vater sich eingeschlichen hat, ausgleicht. Da bleibt auf dem Vater kein Makel sitzen. Aber man darf die Gefahr nicht übersehen und die Sache zu leicht nehmen. Nur wenn man sich der mit jeder Reform verbundenen Gefahr bewußt ist, geht schließlich alles gut.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:

Zurechtbringen des von der Mutter Verdorbenen.Man darf nicht zu beharrlich sein.

Gemeint sind Fehler, die aus Schwäche entstanden sind; dafür steht das Bild der Mutter. Hier braucht das Zurechtbringen eine gewisse zarte Rücksicht. Geh behutsam vor und dränge nicht zu hart auf Deine Lösung, denn wer schroff korrigiert, verletzt andere damit.

Es handelt sich um Fehler, die aus Schwachheit das Verderben veranlaßt haben. Daher das Symbol des von der Mutter Verdorbenen. Da ist beim Ausgleich eine gewisse zarte Rücksicht notwendig. Man darf nicht allzu schroff vorgehen wollen, damit man nicht durch Schroffheit verletzt.

Neun auf drittem Platz bedeutet:

Zurechtbringen des vom Vater Verdorbenen.Ein wenig wird es Reue geben. Kein großer Makel.

Wer alte Fehler entschlossen angeht, greift manchmal zu hart durch, und dann gibt es kleinere Reibereien und Verstimmungen. Das ist zu verschmerzen. Hier ist zu viel Energie besser als zu wenig; ein wenig wirst Du bereuen, einen ernsten Fehler machst Du damit nicht.

Es ist hier jemand gezeichnet, der beim Zurechtbringen der Fehler der Vergangenheit etwas zu energisch vorgeht. Dadurch werden sicher dann und wann kleinere Unzuträglichkeiten und Verstimmungen entstehen. Aber besser zuviel als zuwenig Energie. Wenn man daher auch manchmal ein wenig zu bereuen hat, so bleibt man doch frei von jedem ernstlichen Makel.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Dulden des vom Vater Verdorbenen.Beim Fortmachen sieht man Beschämung.

Jemand lässt aus Schwäche einen alten Missstand weiterlaufen, obwohl er sich schon deutlich zeigt. Geht das so weiter, endet es in Beschämung. Wenn Du etwas Verdorbenes bemerkst, schau nicht länger zu und tritt ihm entgegen, solange es noch zu bessern ist.

Es wird hier die Lage gezeigt, daß jemand aus Schwachheit dem Verderben, das aus der Vergangenheit stammt und sich jetzt zu zeigen beginnt, nicht entgegentritt, sondern ihm seinen Lauf läßt. Wenn das so weitergeht, wird Beschämung die Folge sein.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet: ○

Zurechtbringen des vom Vater Verdorbenen.Man findet Lob.

Hier steht man einem Schaden aus früherer Vernachlässigung gegenüber und hat allein nicht die Kraft, ihn zu beheben. Such Dir tüchtige Helfer. Mit ihnen gelingt zwar kein ganz neuer Anfang, doch eine gründliche Erneuerung, und die verdient Anerkennung.

Man sieht sich einem durch die Vernachlässigung früherer Zeiten entstandenen Verderben gegenüber. Man besitzt nicht die Kraft, ihm allein zu steuern. Doch findet man tüchtige Gehilfen, mit deren Unterstützung man zwar nicht einen schöpferischen Neuanfang, aber wenigstens eine gründliche Reform zuwege bringt, was auch des Lobes würdig ist.

Oben eine Neun bedeutet:

Dient nicht Königen und Fürsten.Steckt sich höhere Ziele.

Das Bild zeigt jemanden, der sich aus den Händeln der Mächtigen heraushält und sich höhere Ziele steckt. Dieser Rückzug ist berechtigt, wenn Du die Zeit für die Arbeit an Dir selbst und an Dingen von bleibendem Wert nutzt. Bloß untätig zuschauen oder nur kritisieren deckt diese Linie nicht.

Nicht jeder Mensch ist verpflichtet, sich in die Weltgeschäfte zu mischen. Es gibt auch solche, die innerlich schon so weit entwickelt sind, daß sie die Berechtigung haben, der Welt ihren Lauf zu lassen, ohne sich ins politische Leben reformierend einzumischen. Aber damit ist nicht gemeint, daß sie tatenlos oder bloß kritisch sich verhalten dürften. Nur die Arbeit an den höheren Zielen der Menschheit in der eigenen Person gibt die Berechtigung zu solcher Zurückgezogenheit. Denn wenn der Weise sich auch dem Tagesgetriebe fernhält, so schafft er doch unvergleichliche Menschheitswerte für die Zukunft.

In Europa ist die Stellung Goethes nach den Napoleonischen Kriegen ein Beispiel dieses Handelns.

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Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.