oben Dui, das Heitere, See · unten Dschen, das Erregende, Donner
Hier geht es ums Folgen und ums Gefolgtwerden. Bleibst Du beim Rechten, gelingt es. Wer Gefolgschaft will, muss sich zuerst selbst anpassen können, und nur durch Dienen kommt man zum Herrschen. Folge nur, wo es mit dem Rechten übereinstimmt, und pass Dich der Zeit an, statt Dich in falschem Widerstand aufzureiben. Das Bild fügt hinzu, dass man am Abend einkehrt und ruht. List und Druck bringen keine Gefolgschaft; erzwungene Nachfolge weckt immer Widerstand.
Wem folgst Du gerade, und stimmt das mit dem überein, was Du für recht hältst?
Oben ist das Heitere, dessen Charakter die Freude ist, unten das Erregende, dessen Charakter die Bewegung ist. Freude bei der Bewegung führt zur Nachfolge. Das Heitere ist die jüngste Tochter, das Erregende der älteste Sohn. Ein älterer Mann stellt sich unter ein junges Mädchen und nimmt Rücksicht auf sie. Dadurch bewegt er sie zur Nachfolge.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Nachfolge hat erhabenes Gelingen.Fördernd ist Beharrlichkeit. Kein Makel.
Um Nachfolge zu erreichen, muß man selbst erst sich anzupassen verstehen. Nur durch Dienen kommt man zum Herrschen; denn nur so erlangt man die freudige Zustimmung der Unteren, die zur Nachfolge nötig ist. Wo durch List oder Gewalt, Verschwörung oder Parteiung Nachfolge erzwungen werden soll, da regt sich immer Widerstand, der die bereitwillige Nachfolge verhindert.
Freudige Bewegung kann aber auch zu Üblem führen. Darum wird als Bedingung beigefügt: »Fördernd ist Beharrlichkeit«, d. h. Konsequenz im Rechten, und »ohne Makel«. Ebenso wie man selbst nur unter dieser Bedingung Nachfolge verlangen soll, darf man auch andern nur unter dieser Bedingung folgen, ohne Schaden zu nehmen.
Der Gedanke der Nachfolge unter Anpassung an das, was die Zeit erfordert, ist groß und wichtig, daher lautet auch das beigefügte Urteil so günstig.
Inmitten des Sees ist der Donner: das Bild der Nachfolge.So kehrt der Edle zur Zeit des Abenddunkelszu Erholung und Ruhe ein.
Im Herbst zieht sich die Elektrizität wieder in die Erde zurück und ruht. Der Donner inmitten des Sees ist als Bild genommen, nicht der Donner in Bewegung, sondern der Donner der Winterruhe. Nachfolge ergibt sich aus diesem Bild in dem Sinn der Anpassung an die Zeiterfordernisse. Der Donner inmitten des Sees deutet auf Zeiten des Dunkels und der Ruhe. So gönnt sich der Edle, nachdem er den Tag über unermüdlich tätig war, zur Nachtzeit Erholung und Ruhe. Jede Lage wird nur dann gut, wenn man sich ihr anzupassen vermag und nicht durch falschen Widerstand sich aufreibt.
Vgl. den Spruch von Goethe:
Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann,Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Das Maßgebende ändert sich. Beharrlichkeit bringt Heil.Zur Tür hinausgehen im Verkehr schafft Werke.
Es gibt Lagen, in denen sich das Verhältnis von Führen und Folgen verschiebt. Wer andere leiten will, bleibt jetzt offen für ihre Ansichten, ohne bei bloßen Tagesmeinungen ins Schwanken zu geraten. Geh hinaus und sprich mit Menschen jeder Art, mit Freunden wie mit Gegnern, statt nur unter Gleichgesinnten zu sitzen; so geht es gut aus, und Du bringst etwas zustande.
Es gibt Ausnahmezustände, da das Verhältnis von Leiter und Geleitetem sich ändert. In der Idee der Anpassung und Nachfolge liegt es, daß man, wenn man andere leiten will, zugänglich bleibt und sich bestimmen läßt von den Ansichten der Untergebenen. Nur muß man dabei feste Grundsätze haben, daß man nicht schwankend wird, wo es sich nur um Meinungen des Tages handelt. Wenn man erst bereit ist, auf Meinungen anderer zu hören, so darf man nicht immer nur mit Gleichgesinnten und Parteigenossen zusammensitzen, sondern man muß zur Tür hinaus und mit Menschen allerlei Art, ob Freund, ob Feind, unbefangen verkehren. Nur dadurch bringt man etwas zustande.
Hängt man sich an den kleinen Knaben,so verliert man den starken Mann.
Gemeint ist eine Wahl bei Freundschaften und engen Bindungen: Gute und schlechte Gesellschaft zugleich kann man nicht haben. Prüf genau, an wen Du Dich hängst. Wer sich an Menschen wegwirft, die es nicht wert sind, verliert den Anschluss an jene, die ihn im Guten weiterbringen könnten.
Bei Freundschaft und engen Beziehungen muß man in der Auswahl vorsichtig sein. Man macht sich entweder eine gute oder eine schlechte Gesellschaft. Man kann nicht beide zugleich haben. Wenn man sich an Unwürdige wegwirft, so verliert man den Anschluß an geistig bedeutende Menschen, die einen im Guten zu fördern vermögen.
Hängt man dem starken Mann an,so verliert man den kleinen Knaben.Durch Nachfolge findet man, was man sucht.Fördernd ist es, beharrlich zu bleiben.
Jede echte Wahl kostet etwas: Wer sich an Menschen hält, die ihn wirklich voranbringen, muss sich vom Oberflächlichen trennen, und das tut ein wenig weh. Dafür findest Du, was Du für Deine Entwicklung suchst. Bleib fest, mach Dir klar, was Du willst, und lass Dich von Augenblickslaunen nicht wieder davon abbringen.
Wenn man den rechten Anschluß bei bedeutenden Menschen gefunden hat, so ist damit naturgemäß ein gewisser Verlust verbunden. Man muß sich vom Niedern, Oberflächlichen scheiden. Aber man wird sich doch im Innersten befriedigt fühlen, indem man findet, was man für die Förderung der Persönlichkeit sucht und braucht. Nur gilt es, fest zu bleiben. Man muß wissen, was man will, und darf sich nicht durch Augenblicksneigungen irremachen lassen.
Die Nachfolge schafft Erfolg. Beharrlichkeit bringt Unheil.Mit Wahrhaftigkeit auf dem Weg zu wandeln,bringt Klarheit.Wie könnte das ein Makel sein?
Wer Einfluss hat und sich nach unten leutselig zeigt, findet leicht Anhänger, doch viele von ihnen suchen nur ihren Vorteil und machen sich mit Schmeichelei unentbehrlich. Gewöhnst Du Dich so an sie, dass Du ohne sie nicht mehr auskommst, geht das schlecht aus. Halte Dein eigenes Ich heraus und achte nur auf die Sache; dann durchschaust Du solche Menschen.
Es gelingt oft, wenn man einen gewissen Einfluß besitzt, daß man Nachfolger findet durch Leutseligkeit nach unten hin. Die Menschen, die sich einem anschließen, meinen es aber nicht ehrlich. Sie suchen ihren persönlichen Vorteil und suchen sich durch Schmeicheleien und Unterwürfigkeit unentbehrlich zu machen. Wenn man sich an solche Parteigänger gewöhnt, so daß man nicht mehr ohne sie sein kann, so bringt das Unheil. Nur wenn man ganz frei ist von dem eigenen Ich und mit Überzeugung nur auf das Rechte, Sachliche bedacht ist, bekommt man die Klarheit, solche Menschen zu durchschauen, und wird frei von Makel.
Wahrhaft im Guten. Heil!
Ein knappes, gutes Wort: Jeder Mensch braucht etwas, dem er folgt und das ihm als Leitstern dient. Folgst Du mit Überzeugung dem Schönen und Guten, darfst Du Dich durch diese Linie bestärkt fühlen und auf diesem Weg bleiben; das geht gut aus.
Jeder Mensch muß etwas haben, dem er nachfolgt, das ihm als Leitstern dient. Wer dem Schönen und Guten mit Überzeugung nachfolgt, der mag sich durch dieses Wort bestärkt finden.
Er findet feste Anhänglichkeitund wird noch dazu gebunden.Der König stellt ihn dem Westberg vor.
Das Bild ist ein Weiser, der mit dem Treiben der Welt für sich schon abgeschlossen hat und doch noch einmal zurückkommt, weil ein Mensch ihn versteht und nicht von ihm lässt. Daraus entsteht eine Verbindung, die bleibt. Sucht jemand Deine Erfahrung wirklich, kann es richtig sein, Dich noch einmal einzulassen und ihm bei seinem Werk beizustehen.
Es handelt sich um einen Menschen, der das Getriebe der Welt für seine Person schon hinter sich hat, einen erhabenen Weisen. Aber es findet sich ein Nachfolger, der ihn versteht und nicht von ihm läßt. So kommt er noch einmal in die Welt zurück und hilft jenem bei seinem Werk. So entsteht eine Verbindung ewiger Art.
Das Gleichnis ist gewählt von der Dschoudynastie. Diese Dynastie ehrte verdiente Gehilfen dadurch, daß sie einen Platz bekamen im Ahnentempel der Herrscherfamilie auf dem Westberg. Dadurch wurde ein solcher Mann in den Schicksalsbereich des Herrscherhauses aufgenommen.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.