謙

15. Kiën · Die Bescheidenheit

oben Kun, das Empfangende, Erde · unten Gen, das Stillehalten, Berg

Was das Zeichen heute sagt

Bescheidenheit ist das Thema, gerade dann, wenn man etwas geleistet hat und gesehen werden möchte. Mit Bescheidenheit gelingt es, sagt das Urteil. Wer hoch steht und bescheiden bleibt, leuchtet, und wer niedrig steht und bescheiden bleibt, wird nicht übergangen. Der Bescheidene bringt sein Werk zu Ende, und zwar „ohne sich des Fertigen zu rühmen“. Führ Deine Sache zu Ende und lass das Ergebnis für sich sprechen. Trumpf nicht auf; das Schicksal schadet dem Vollen und spendet dem Bescheidenen Glück.

Was würdest Du zu Ende bringen, auch wenn niemand es bemerken müsste?

Das Zeichen

Das Zeichen setzt sich zusammen aus Gen, das Stillehalten, der Berg, und Kun. Der Berg ist der jüngste Sohn des Schöpferischen, der Repräsentant des Himmels auf Erden. Er spendet die Segnungen des Himmels, Wolken und Regen, die sich um seinen Gipfel sammeln, nach unten und leuchtet daraufhin verklärt in himmlischem Licht. Das zeigt die Bescheidenheit und ihre Wirkung bei hohen und starken Menschen. Oben steht Kun, die Erde. Die Eigenschaft der Erde ist die Niedrigkeit, aber eben darum wird sie in diesem Zeichen als erhöht dargestellt, indem sie oben über dem Berg ist. Das zeigt die Wirkung der Bescheidenheit bei niedrigen, einfachen Menschen: sie werden dadurch erhöht.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Bescheidenheit schafft Gelingen.Der Edle bringt zu Ende.

Das Gesetz des Himmels macht das Volle leer und füllt das Bescheidene: wenn die Sonne am höchsten steht, muß sie nach himmlischem Gesetz dem Untergang zu, und wenn sie am tiefsten unter der Erde ist, geht sie einem neuen Aufstieg entgegen. Wenn der Mond voll ist, nimmt er nach demselben Gesetz ab, und wenn er leer ist, nimmt er wieder zu. Dieses himmlische Gesetz wirkt sich auch in den Schicksalen der Menschen aus. Das Gesetz der Erde ist, das Volle zu verändern und dem Bescheidenen zuzufließen: Die hohen Berge werden von den Wassern abgetragen und die Täler aufgefüllt. Das Gesetz der Schicksalsmächte ist, dem Vollen zu schaden und dem Bescheidenen Glück zu spenden. Und auch die Menschen hassen das Volle und lieben das Bescheidene.

Die Schicksale folgen festen Gesetzen, die sich mit Notwendigkeit auswirken. Aber der Mensch hat es in der Hand, sein Schicksal zu gestalten, je nachdem er sich durch sein Benehmen dem Einfluß der segnenden oder zerstörenden Kräfte aussetzt. Wenn der Mensch hoch steht und sich bescheiden zeigt, so leuchtet er im Licht der Weisheit. Wenn er niedrig ist und sich bescheiden zeigt, so kann er nicht übergangen werden. So gelingt es dem Edlen, sein Werk zu Ende zu führen, ohne sich des Fertigen zu rühmen.

Das Bild

Inmitten der Erde ist ein Berg:das Bild der Bescheidenheit.So verringert der Edle, was zu viel ist,und vermehrt, was zu wenig ist.Er wägt die Dinge und macht sie gleich.

Der Erde, in der ein Berg verborgen ist, sieht man ihren Reichtum nicht an, denn das Hohe des Berges dient zum Ausgleich der Vertiefungen. So ergänzt sich Hohes und Tiefes, und das Resultat ist die Ebene. Hier ist das Bild der Bescheidenheit, daß das, was langer Wirkung bedurfte, als selbstverständlich und leicht erscheint. So macht es der Edle, wenn er Ordnung auf Erden herstellt. Er gleicht die sozialen Gegensätze, die die Quelle des Unfriedens sind, aus und schafft dadurch gerechte und ebene Verhältnisse.

Man bemerkt bei diesem Zeichen eine Reihe von Parallelen zur prophetischen und christlichen Lehre der Bibel, z. B.

»Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden. Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.«

»Alle Tale sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was ungleich ist, soll eben, und was höckricht ist, soll schlicht werden« (Jes. 40, 4).

»Gott widerstrebt den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.«

Auch das Weltgericht in der parsischen Religion zeigt ähnliche Züge. Und zum letztzitierten Spruch wäre die griechische Auffassung vom Neid der Götter zu erwähnen.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Sechs bedeutet:

Ein bescheiden-bescheidener Edlermag das große Wasser durchqueren. Heil!

Ein schwieriges Vorhaben fällt leicht, wenn man es ohne viele Ansprüche und Rücksichten rasch und einfach erledigt. Geh die Sache schlicht an und stell keine Vorbedingungen. Wo keine Ansprüche erhoben werden, erheben sich auch keine Widerstände; so geht auch Schweres gut aus.

Eine gefährliche Unternehmung, wie das Durchqueren eines großen Wassers, ist sehr erschwert, wenn viele Ansprüche und Rücksichten dabei in Betracht kommen. Dagegen fällt sie leicht, wenn sie rasch und einfach erledigt wird. Darum ist die ganz anspruchslose Gemütsverfassung der Bescheidenheit geeignet, auch schwierige Unternehmungen fertigzubringen, weil sie keine Anforderungen und Vorbedingungen stellt, sondern schlank und leicht die Sache erledigt; denn wo keine Ansprüche erhoben werden, erheben sich keine Widerstände.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:

Sich äußernde Bescheidenheit. Beharrlichkeit bringt Heil.

Bescheidenheit ist hier so echt, dass sie sich im äußeren Benehmen zeigt: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Lass sie ruhig sichtbar werden und bleib dabei. So geht es gut aus: Du wirkst beständig, und niemand kann Dich verdrängen.

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Wenn jemand innerlich so bescheiden ist, daß sich diese Gesinnung in seinem äußeren Benehmen zeigt, so gereicht es ihm zum Heil: denn auf diese Weise hat er von selbst die Möglichkeit beharrlicher Wirkung, die von niemand verdrängt wird.

Neun auf drittem Platz bedeutet: ○

Ein verdienstvoll-bescheidener Edler bringt zu Ende. Heil!

Dies ist das Herz des Zeichens: Wer durch große Leistung bekannt wird, muss bescheiden bleiben. Lass Dich vom Ruhm nicht blenden, sonst setzt bald Kritik ein. Bleibst Du trotz Deiner Verdienste bescheiden, machst Du Dich beliebt und gewinnst die Helfer, die Du brauchst, um das Werk zu Ende zu bringen; das geht gut aus.

Hier ist das Zentrum des Zeichens, wo sein Geheimnis ausgesprochen wird. Durch große Leistungen erwirbt man sich bald einen bedeutenden Namen. Wenn man sich durch den Ruhm blenden läßt, so wird sehr bald die Kritik einsetzen, und Schwierigkeiten werden sich erheben. Wenn man dagegen trotz seiner Verdienste bescheiden bleibt, so macht man sich beliebt und gewinnt die Hilfskräfte, die nötig sind, um das Werk, das man unternommen hat, zu Ende zu führen.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Nichts, das nicht fördernd wärefür Bescheidenheit in der Bewegung.

Die Linie beschreibt eine Stellung mit großer Verantwortung, zwischen einem fähigen Mitarbeiter darunter und einem wohlwollenden Vorgesetzten darüber. Missbrauch das Vertrauen von oben nicht und verdeck die Verdienste von unten nicht. Bescheidenheit heißt hier, mit echtem Interesse an der Arbeit zu sein, statt sich hinter Vorschriften zu verstecken.

Alles hat sein Maß. Auch die Bescheidenheit im Benehmen kann übertrieben werden. Hier ist sie am Platz, da die Lage zwischen einem verdienstvollen Gehilfen unten und einem gütigen Herrscher oben sehr große Verantwortung mit sich bringt. Das Vertrauen des Oberen darf nicht mißbraucht, die Verdienste des Unteren dürfen nicht verdeckt werden. Es gibt wohl Beamte, die sich nicht hervortun. Sie decken sich durch den Buchstaben der Verordnungen, sie lehnen jede Verantwortung ab, sie nehmen Bezahlung an, ohne Entsprechendes zu leisten, sie tragen Titel, denen keine Wirklichkeit Bedeutung gibt. Die hier erwähnte Bescheidenheit ist das Gegenteil davon. Die Bescheidenheit in einer solchen Stellung zeigt sich eben darin, daß man mit Interesse an der Arbeit ist.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:

Nicht pochen auf Reichtum seinem Nächsten gegenüber.Fördernd ist es, mit Gewalt anzugreifen.Nichts, das nicht fördernd wäre.

Bescheidenheit ist etwas anderes als schwache Gutmütigkeit, die alles laufen lässt. Wer Verantwortung trägt, muss manchmal entschieden durchgreifen. Sei Dir vorher sicher, dass Dein Umfeld mitgeht, poch nicht auf Deine Überlegenheit und bleib rein sachlich, ohne persönliche Kränkung; so zeigt sich Bescheidenheit auch in der Strenge.

Bescheidenheit ist verschieden von schwächlicher Gutmütigkeit, die alles laufen läßt. Wenn man an verantwortungsvollem Posten steht, muß man unter Umständen auch einmal energisch durchgreifen. Aber dazu ist es nötig, daß man nicht durch persönliches Pochen auf seine Überlegenheit zu wirken sucht, sondern man muß seiner Umgebung gewiß sein. Das Zugreifen muß rein sachlich sein und darf nichts persönlich Verletzendes haben. Darin zeigt sich die Bescheidenheit auch in der Strenge.

Oben eine Sechs bedeutet:

Sich äußernde Bescheidenheit.Fördernd ist es, Heere marschieren zu lassen,um die eigne Stadt und das eigene Land zu züchtigen.

Wem es mit der Bescheidenheit ernst ist, der zeigt sie in der Wirklichkeit, und zwar mit Kraft. Wenn Feindseligkeit entsteht, such die Schuld nicht beim anderen und zieh Dich nicht gekränkt in Selbstmitleid zurück. Schaff Ordnung und fang dabei bei Dir selbst und Deinem engsten Kreis an.

Wem es wirklich mit seiner Bescheidenheit Ernst ist, der muß sorgen, daß sie in der Wirklichkeit sich zeigt. Er muß mit großer Energie dabei vorgehen. Wenn Feindseligkeit entsteht, ist nichts leichter, als die Schuld beim andern zu suchen. Ein schwacher Mensch zieht sich dann vielleicht beleidigt auf sich selbst zurück und hat Mitleid mit sich selbst und hält es für Bescheidenheit, daß er sich nicht wehrt. Wirkliche Bescheidenheit zeigt sich darin, daß sie kraftvoll darangeht, Ordnung zu schaffen, und dabei beim eignen Ich und dem engsten Kreise anfängt mit der Züchtigung. Nur dadurch wird wirklich etwas Kraftvolles geleistet, daß man den Mut hat, seine Heere gegen sich selbst marschieren zu lassen.

Es gibt wenige Zeichen im Buch der Wandlungen, bei denen alle Linien nur günstig sind, wie bei dem Zeichen Bescheidenheit. Daraus geht hervor, wie hoch die chinesische Weisheit diese Tugend wertet.

Möchtest Du das I Ging zu Deiner eigenen Frage befragen? Sechs Würfe mit drei Münzen, die Antwort steht sofort da.

Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.