oben Li, das Haftende, Feuer · unten Kiën, das Schöpferische, Himmel
Das Zeichen spricht davon, viel in der Hand zu haben, Einfluss, Mittel oder Möglichkeiten. Das Bild verbindet einen solchen Besitz mit einer Pflicht: das Böse hemmen und das Gute fördern. Wie kann das Schwache so viel Starkes halten? Durch uneigennützige Bescheidenheit. Dann gelingt es im Großen. Setz ein, was Du hast, für das Gute, und verwalte es sorgfältig. Hüte Dich davor, mit Deinem Besitz zu prahlen oder ihn nur für Dich zu nutzen.
Was hast Du in der Hand, das Du für etwas Gutes einsetzen könntest?
Das Feuer am Himmel oben strahlt weit, so daß alle Dinge ins Licht und in die Erscheinung treten. Die schwache fünfte Linie befindet sich auf geehrtem Platz, und alle die starken Striche entsprechen ihr. Wer auf hohem Platz bescheiden und mild ist, dem fällt alles zu.
Der Sinn des Zeichens stimmt mit dem Worte Jesu überein: »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.«
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Der Besitz von Großem: Erhabenes Gelingen.
Die beiden Urzeichen zeigen an, daß Kraft und Klarheit sich vereinigen. Der Besitz von Großem ist vom Schicksal bestimmt und entspricht der Zeit. Wie ist es möglich, daß die schwache Linie die Kraft hat, die Starken festzuhalten und zu besitzen? Durch ihre uneigennützige Bescheidenheit. Es ist eine günstige Zeit. Stärke im Innern und Klarheit und Bildung im Äußern. Die Kraft äußert sich fein und beherrscht. Das gibt erhabenes Gelingen und Reichtum.
Man könnte denken, das Zeichen »Zusammenhalten«, Nr. 8, sei noch günstiger, da dort ein Starker die fünf Schwachen um sich versammelt. Dennoch ist das hier beigefügte Urteil »Erhabenes Gelingen« viel günstiger. Das kommt daher, daß die von dem starken Herrscher Zusammengehaltenen dort nur einfache Untertanen sind, während hier dem sanftmütigen Herrn lauter starke und tüchtige Männer als Gehilfen zur Seite stehen.
Das Feuer am Himmel oben:das Bild des Besitzes von Großem.So hemmt der Edle das Böse und fördert das Guteund gehorcht so des Himmels gutem Willen.
Die Sonne droben am Himmel, die alles Irdische bescheint, ist das Bild des Besitzes im Großen. Aber ein solcher Besitz muß recht verwaltet werden. Die Sonne bringt das Böse und das Gute an den Tag. Vom Menschen muß das Böse bekämpft und gehemmt, das Gute gefördert und begünstigt werden. Nur auf diese Weise entspricht man dem guten Willen Gottes, der nur das Gute will und nicht das Böse.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Keine Beziehung zu Schädlichem, das ist nicht ein Makel.Bleibt man der Schwierigkeit bewußt,so bleibt man ohne Makel.
Großer Besitz oder Erfolg steht hier ganz am Anfang, noch ohne Anfechtung und darum noch ohne Fehler. Doch es sind noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Bleib Dir dessen bewusst; das bewahrt Dich innerlich vor Hochmut und Verschwendung, und so bleibst Du ohne Makel.
Großer Besitz, der noch im Anfangsstadium ist und noch keine Anfechtung erfahren hat, ist ohne Makel; denn es ist noch gar keine Gelegenheit vorhanden, Fehler zu machen. Aber es sind noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Nur wenn man sich dieser Schwierigkeiten bewußt bleibt, wird man wirklich innerlich frei von der Möglichkeit des Hochmuts und der Verschwendung und hat jeden Makel im Prinzip überwunden.
Ein großer Wagen zum Beladen.Man mag etwas unternehmen. Kein Makel.
Das Bild ist ein großer Wagen, auf den man viel laden und mit dem man weit fahren kann; gemeint sind tüchtige Helfer, denen man Verantwortung übertragen kann. Was Du hast, zählt erst, wenn es beweglich und einsetzbar ist. Mit fähigen Leuten an Deiner Seite kannst Du etwas Größeres angehen, ohne Fehler zu machen.
Großer Besitz besteht nicht allein in der Menge der Güter, die einem zur Verfügung stehen, sondern vor allem in ihrer Beweglichkeit und Verwendbarkeit. Dann mag man sie zu Unternehmungen gebrauchen und bleibt frei von Verlegenheit und Fehlern. Unter dem großen Wagen, dem man viel aufladen kann und mit dem man weit fahren kann, sind tüchtige Gehilfen verstanden, die einem zur Seite stehen, die ihrer Aufgabe gewachsen sind. Solchen Leuten kann man eine große Verantwortung aufladen, was bei wichtigen Unternehmungen nötig ist.
Ein Fürst bringt ihn dem Sohn des Himmels dar.Ein kleiner Mensch kann das nicht.
Ein großherziger Mensch sieht seinen Besitz nicht als ausschließliches Eigentum an und stellt ihn der Allgemeinheit zur Verfügung. Stell, was Du hast, in den Dienst von etwas Größerem. Wer engherzig daran festhält und behalten will, statt zu geben, dem schlägt großer Besitz zum Schaden aus.
Es ist die Sache eines hochherzigen, freisinnigen Menschen, daß er seinen Besitz nicht als sein ausschließliches persönliches Eigentum betrachtet, sondern dem Herrscher bzw. der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Dadurch stellt er sich auf den richtigen Standpunkt dem Besitz gegenüber, der niemals als Privatbesitz von Dauer sein kann. Ein engherziger Mensch ist freilich dazu nicht imstande. Für ihn schlägt großer Besitz zum Schaden aus, da er, statt zu opfern, behalten will.
Es ist hier vom Besitz derselbe Grundsatz ausgesprochen, der in dem Worte ausgedrückt ist:
»Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren,Wer aber sein Leben verliert, der wird es behalten.«
Er macht einen Unterschiedzwischen sich und seinem Nächsten.Kein Makel.
Wer zwischen reichen und mächtigen Nachbarn steht, ist in Gefahr. Schau weder nach rechts noch nach links. Bleib frei von Neid und vom Wunsch, es den anderen gleichzutun, und halte Dein Eigenes von ihrem getrennt; so machst Du keinen Fehler.
Es ist eine Stellung gekennzeichnet, die zwischen reichen und mächtigen Nachbarn steht. Das bringt Gefahr. Da gilt es, nicht rechts und nicht links zu sehen, frei zu bleiben von Neid und dem Versuch, es andern gleichzutun. So bleibt man frei von Fehlern.
Eine andere Übersetzung, die allgemein akzeptiert ist, würde lauten: Das würde bedeuten, daß man sich von Fehlern freihält dadurch, daß man hat, als habe man nicht.
Er verläßt sich nicht auf seine Fülle. Kein Makel.
Wessen Wahrheit umgänglich ist und doch würdig, der hat Heil.
Jemand gewinnt die Menschen ohne Zwang, allein durch ungesuchte Aufrichtigkeit, und sie sind ihm ehrlich zugetan. Milde allein genügt aber nicht, sonst kommt allmählich Frechheit auf. Bleib offen und zugänglich und wahre zugleich Deine Würde; dann geht es gut aus.
Die Lage ist sehr günstig. Ohne äußeren Zwang, nur infolge der ungesuchten Aufrichtigkeit, gewinnt man die Menschen, daß sie auch in aufrichtiger Wahrheit einem zugetan sind. Doch genügt zur Zeit des Besitzes von Großem die Milde allein nicht. Sonst könnte leicht Frechheit allmählich aufkommen. Dieses Aufkommen von Frechheit muß durch Würde in Schranken gehalten werden, dann ist das Heil gewiß.
Vom Himmel her wird er gesegnet, Heil!Nichts, das nicht fördernd ist.
Auf der Höhe von Besitz und Macht bleibt hier jemand bescheiden und ehrt den Weisen, der abseits des Weltgetriebes steht. Bleib bei allem Erfolg wahrhaftig und hingebend und halte die Würdigen hoch. Wer das tut, für den geht es gut aus; er steht unter dem Segen des Himmels.
In der Fülle des Besitzes und der Macht bleibt man bescheiden und ehrt den Weisen, der außerhalb des Weltgetriebes steht. Dadurch stellt man sich unter den segensreichen Einfluß vom Himmel her, und alles geht gut.
Konfuzius sagt über diesen Strich: »Segnen bedeutet helfen. Der Himmel hilft dem Hingebenden, die Menschen helfen dem Wahrhaftigen. Wer in Wahrhaftigkeit wandelt und hingebend ist in seinem Denken und dann noch die Würdigen hochhält, der wird vom Himmel her gesegnet. Er findet Heil und nichts ist, das nicht förderlich wäre.«
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.