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58. Dui · Das Heitere, der See

oben Dui, das Heitere, See · unten Dui, das Heitere, See

Was das Zeichen heute sagt

Freude ist im Spiel, mit Freunden, im Austausch, in einer gemeinsamen Sache. Zwei Seen, die miteinander verbunden sind, trocknen nicht so leicht aus, weil einer den anderen bereichert. Das Bild nennt Freunde, die zusammenkommen, um zu besprechen und zu üben. Dazu braucht es Wahrheit und Stärke im Herzen und Milde nach außen; wer durch Freundlichkeit die Herzen gewinnt, erreicht mehr als durch Einschüchtern. Such den Austausch mit Gleichgesinnten und bring Freude mit; dann gelingt es. Lass sie nicht in unbeherrschte Lustigkeit ausarten; sie braucht Beständigkeit.

Mit wem könntest Du Dich austauschen, damit Eure Freude sich gegenseitig nährt?

Das Zeichen

Dui ist wie Sun eines der acht Doppelzeichen. Dui bedeutet die jüngste Tochter, hat als Bild den lächelnden See, als Eigenschaft die Freude. Die Freude beruht nicht, wie es wohl scheinen könnte, auf der Weichheit, die sich in der oberen Linie zeigt. Die Eigenschaft des weichen bzw. dunklen Prinzips ist nicht Freude, sondern Schwermut. Vielmehr beruht die Freude darauf, daß innen zwei starke Striche sind, die sich äußern durch das Mittel der Weichheit.

Wahre Freude beruht also darauf, daß im Innern Festigkeit und Stärke vorhanden sind, die nach außen hin weich und milde auftreten.

In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:

Das Urteil

Das Heitere. Gelingen. Günstig ist Beharrlichkeit.

Die fröhliche Stimmung wirkt ansteckend, darum hat sie Erfolg. Aber die Freude bedarf als Grundlage der Beständigkeit, damit sie nicht zu unbeherrschter Lustigkeit ausartet. Wahrheit und Stärke müssen im Herzen wohnen, während die Milde nach außen im Verkehr zutage tritt. Auf diese Weise nimmt man Gott und den Menschen gegenüber die rechte Stellung ein und erreicht etwas. Durch bloßes Einschüchtern ohne Milde läßt sich unter Umständen für den Augenblick etwas erreichen, aber nicht für die Dauer. Wenn man dagegen durch Freundlichkeit die Herzen der Menschen gewinnt, so bewirkt man, daß sie alle Beschwerden gern auf sich nehmen, ja wenn es sein muß, selbst den Tod nicht scheuen. So groß ist die Macht der Freude über die Menschen.

Das Bild

Aufeinander beruhende Seen: das Bild des Heiteren.So tut sich der Edle mit seinen Freunden zusammen zur Besprechung und Einübung.

Ein See verdunstet nach oben und erschöpft sich dadurch allmählich. Wenn aber zwei Seen miteinander in Verbindung sind, so erschöpfen sie sich nicht so leicht, weil einer den andern bereichert. So ist es auch auf wissenschaftlichem Gebiet. Die Wissenschaft soll eine erfrischende und belebende Kraft sein. Das kann sie nur werden im belebenden Verkehr mit gleichgesinnten Freunden, mit denen man sich bespricht und übt in der Anwendung der Lebenswahrheiten. So wird das Wissen vielseitig und bekommt eine heitere Leichtigkeit, während das Wissen der Autodidakten immer etwas Schweres und Einseitiges behält.

Die einzelnen Linien

Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.

Anfangs eine Neun bedeutet:

Zufriedene Heiterkeit. Heil!

Gemeint ist eine stille, in sich ruhende Freude, die nichts von außen braucht und mit dem zufrieden ist, was da ist. Bleib bei dieser Zufriedenheit, statt nach mehr zu greifen. Mit ihr geht es gut aus: Sie hält Dich frei von selbstsüchtigem Wollen und Abwehren und gibt Dir die ruhige Sicherheit eines gefestigten Herzens.

Eine stille, wortlose, in sich gesammelte Freude, die nichts von außen begehrt und mit allem zufrieden ist, bleibt frei von allen egoistischen Zu- und Abneigungen. In dieser Freiheit liegt das Heil, denn sie birgt die ruhige Sicherheit des in sich gefestigten Herzens.

Neun auf zweitem Platz bedeutet: ○

Wahrhaftige Heiterkeit. Heil! Die Reue schwindet.

Wer in einem Umfeld lebt, aus dem niedrige Vergnügungen locken, steht vor einer Wahl. Bleib bei der wahrhaftigen Heiterkeit, die aus Dir selbst kommt, und finde keinen Gefallen daran; dann geht es gut aus, und was Du bereust, vergeht. Merkt die Umgebung, dass Dich so etwas nicht erfreut, bietet sie es Dir bald gar nicht mehr an.

Oft befindet man sich in Beziehung zu minderwertigen Menschen, aus deren Mitte andere Freuden winken, als sie dem höheren Menschen gemäß sind. Wollte man an solchen Freuden teilnehmen, so würde das sicher Reue nach sich ziehen; denn ein höherer Mensch ist mit niederen Freuden nicht wirklich zu befriedigen. Wenn man infolge dieser Erkenntnis sich in seinem Willen nicht beirren läßt, so daß man nicht an dieser Art Gefallen findet, dann wagt einem selbst eine zweifelhafte Umgebung keine unedlen Freuden anzubieten, da sie einen ja doch nicht erfreuen würden. – Damit aber ist jeder Anlaß zum Bedauern beseitigt.

Sechs auf drittem Platz bedeutet: □

Kommende Heiterkeit. Unheil!

Hier kommt die Freude von außen herbei, weil innen Leere herrscht. Wer aus innerer Haltlosigkeit Zerstreuung sucht, findet immer Gelegenheit dazu und verliert sich dabei mehr und mehr; das geht schlecht aus. Such die Freude darum in Dir selbst, denn nur was aus dem eigenen Innern kommt, trägt.

Die wahre Freude muß aus dem eigenen Innern quellen. Wenn man aber innerlich leer ist, so daß man sich an die Außenwelt verliert, so kommen die Freuden von außen herbei. Das ist es, was manche Menschen als Zerstreuung begrüßen. Menschen, die aus innerer Haltlosigkeit das Bedürfnis nach Zerstreuung haben, werden stets Gelegenheit haben, sich zu zerstreuen. Sie ziehen die äußerlichen Freuden durch die Leere ihres Wesens an sich. Dadurch verlieren sie sich immer mehr, was natürlich vom Übel ist.

Neun auf viertem Platz bedeutet:

Überlegte Heiterkeit ist nicht beruhigt.Nach Abtun der Fehler hat man Freude.

Die Linie zeigt einen Menschen zwischen zwei Arten von Freude, der noch nicht entschieden hat, welcher er folgen will, und darum unruhig ist. Mach Dir klar, dass die Leidenschaft Leiden bringt, und entscheide Dich für die höhere Freude. Ist diese Entscheidung gefallen, kehrt innere Ruhe ein.

Oft befindet sich der Mensch mitteninne zwischen verschiedenen Arten der Freude. Solange man noch nicht entschieden ist, welche Art der Freude man wählen will, die höhere oder die niedere, solange befindet man sich innerlich in Unruhe. Erst wenn man klar erkannt hat, daß die Leidenschaft Leiden bringt, vermag man sich so zu entscheiden, daß man das Niedere von sich abtut und die höheren Freuden erstrebt. Ist diese Entscheidung besiegelt, so hat man die wahre innere Heiterkeit und Ruhe gefunden, und der innere Widerstreit ist überwunden.

Neun auf fünftem Platz bedeutet: ○

Wahrhaftigkeit gegen das Zersetzende ist gefährlich.

Es geht um Vertrauen, das man dem Zersetzenden schenkt. Auch an gute Menschen treten solche Einflüsse heran, und wer sich auf sie einlässt, wird langsam, aber sicher von ihnen angegriffen. Sieh genau hin, was da an Dich herantritt; wer die Lage durchschaut und sich hütet, bleibt ohne Schaden.

Auch dem besten Menschen nahen sich gefährliche Elemente. Wenn man sich mit diesen einläßt, so wirkt ihr zersetzender Einfluß ganz langsam, aber sicher und zieht seine Gefahren unvermeidlich hintennach. Wer aber die Lage erkennt und die Gefahr zu durchschauen versteht, der weiß sich zu hüten und bleibt frei von Schaden.

Oben eine Sechs bedeutet: □

Verführende Heiterkeit.

Hier lockt eine Freude, die mitreißt, und niemand hält mehr das Steuer. Wer innerlich eitel und ungefestigt ist und sich den Reizen von außen nicht entzieht, überlässt sein Leben dem Zufall. Nimm das Steuer wieder selbst in die Hand und entzieh Dich dem, was Dich fortziehen will.

Wenn man innerlich eitel ist, so lockt man die Freuden der Zerstreuung an und hat unter ihnen zu leiden (vgl. Sechs auf drittem Platz). Wenn man innerlich nicht gefestigt ist, so wirken die Freuden der Außenwelt, denen man sich nicht entzieht, so stark auf einen ein, daß man mitgerissen wird. Hier ist von Gefahr, von Heil oder Unheil nicht mehr die Rede. Man hat die Steuerung des Lebens aus der Hand gegeben, und es hängt vom Zufall und äußeren Einflüssen ab, was aus einem wird.

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Das I Ging befragen

Texte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.