oben Dui, das Heitere, See · unten Li, das Haftende, Feuer
Gemeint ist ein großer Wechsel, ein Bruch mit etwas Altem. Die Umwälzung gleicht dem Wechsel der Jahreszeiten oder einem Tier, das sich mausert und sein Fell wechselt. Am eigenen Tag, sagt das Urteil, findet man Glauben, also erst, wenn die Zeit erfüllt ist. Die Bedingungen sind streng: Umwälzung nur, wenn kein anderer Weg bleibt, und frei von selbstsüchtigen Zielen. Prüf ehrlich, ob es so ist, und bereite den Übergang früh vor; dann gelingt es. Brich nicht vorschnell; nur unter diesen Bedingungen hat man nichts zu bereuen.
Ist es wirklich Zeit für den Bruch, und geht es Dir dabei um die Sache oder um Dich?
Das Zeichen bedeutet ursprünglich ein Tierfell, das sich im Lauf des Jahres durch Mauserung ändert. Von da aus wird das Wort übertragen auf die Mauserungen im Staatsleben, die großen Umwälzungen, die mit einem Regierungswechsel verbunden sind. Die beiden Figuren, aus denen das Zeichen sich zusammensetzt, sind wie bei Kui, »der Gegensatz« (Nr. 38), die beiden jüngeren Töchter Li und Dui. Aber während dort die ältere der beiden oben steht und sich daraus im wesentlichen nur ein Gegensatz der Tendenzen ergibt, ist hier die jüngere oben, und die Wirkungen gehen gegeneinander, die Kräfte bekämpfen sich wie Feuer und Wasser (See), von denen jedes das andere zu vernichten strebt. Daher der Gedanke der Umwälzung.
In Wilhelms Sprüchen kehren alte Wörter wieder:
Die Umwälzung.Am eigenen Tag, da findest du Glauben.Erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.Die Reue schwindet.
Staatliche Umwälzungen sind etwas überaus Schweres. Man darf sie nur im äußersten Notfall, wenn kein anderer Ausweg übrig ist, vornehmen. Nicht jeder ist dazu berufen, sondern nur der, der das Vertrauen des Volkes hat, und auch der erst dann, wenn die Zeit erfüllt ist. Man muß dabei in der rechten Weise vorgehen, daß man das Volk erfreut und durch Aufklärung Ausschreitungen verhindert. Man muß dabei ferner ganz frei von selbstsüchtigen Zielen sein und muß wirklich der Not des Volkes abhelfen. Nur dann hat man nichts zu bereuen.
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Anforderungen. So ändern sich die Jahreszeiten im Lauf des Jahres. So gibt es auch im Weltenjahr Frühling und Herbst der Völker und Nationen, die gesellschaftliche Umgestaltungen erfordern.
Im See ist Feuer: das Bild der Umwälzung.So ordnet der Edle die Zeitrechnungund macht die Zeiten klar.
Das Feuer unten und der See oben bekämpfen und vernichten einander. So findet im Lauf des Jahres auch ein Kampf der lichten und der dunklen Kraft statt, der sich in den Umwälzungen der Jahreszeiten auswirkt. Der Mensch wird Herr über den Wechsel der Natur, wenn er seine Regelmäßigkeit erkennt und den Zeitverlauf entsprechend einteilt. Dadurch kommt Ordnung und Klarheit in den scheinbar chaotischen Wechsel der Zeiten, und man kann sich schon im voraus auf die Erfordernisse der verschiedenen Zeiten einstellen.
Die Zeichen ○ und □ hinter einer Linie hat Wilhelm gesetzt (S. 334 f.). Sie markieren die Herren des Zeichens. □ steht beim konstituierenden Herrn. Das ist der Strich, der dem Zeichen seinen Sinn gibt, gleich wie hoch er steht und wie gut sein Charakter ist. ○ steht beim beherrschenden Herrn. Er ist immer von gutem Charakter und wird es durch den Sinn der Zeit und seine Stellung, meist auf dem fünften Platz. Ist ein Strich beides, steht ○.
Man wird eingewickelt in das Fell einer gelben Kuh.
Gemeint ist eine Lage, in der eine Änderung lockt, aber noch nicht an der Zeit ist. Bleib vorerst ganz zurückhaltend, werde innerlich fest und unternimm noch nichts; jedes vorzeitige Losschlagen hat üble Folgen. Ändern darf man erst, wenn es nicht mehr anders geht.
Änderungen darf man erst unternehmen, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Darum ist zunächst äußerste Zurückhaltung nötig. Man muß innerlich ganz fest werden, sich mäßigen – Gelb ist die Farbe der Mitte, die Kuh ist das Symbol der Fügsamkeit – und zunächst noch nichts unternehmen; denn jedes vorzeitige Losschlagen hat üble Folgen.
Am eigenen Tage, da mag man umwälzen.Aufbruch bringt Heil. Kein Makel.
Alles Ausbessern ist versucht, und ein tiefer Wechsel wird nötig. Bereite ihn gut vor und stell Dich innerlich auf das Neue ein, das kommen muss; geh ihm entgegen. Schließ Dich jemandem an, der die Fähigkeit und das Vertrauen dafür hat. Das geht gut aus.
Wenn man alles versucht hat, um die Verhältnisse zu reformieren, ohne daß es einen Erfolg hatte, dann ergibt sich die Notwendigkeit einer Revolution. Allein eine solche tiefgreifende Umwälzung muß wohl vorbereitet sein. Es muß ein Mann da sein, der die Fähigkeiten und das öffentliche Vertrauen besitzt. Einem solchen Mann mag man sich dann zuwenden. Das bringt Heil und ist kein Fehler. Es handelt sich zunächst erst um die innere Stellung zu dem Neuen, das kommen muß. Man muß ihm gleichsam entgegengehen. Nur dadurch wird es vorbereitet.
Aufbruch bringt Unheil. Beharrlichkeit bringt Gefahr.Wenn die Rede von der Umwälzung dreimal ergangen ist,dann mag man sich ihm zuwenden und wird Glauben finden.
Wer vor einer nötigen Änderung steht, kann zwei Fehler machen: zu rasch und rücksichtslos vorgehen oder zu ängstlich zögern; vorschnelles Losschlagen geht schlecht aus. Hör nicht auf jede Stimme, die nach Wechsel ruft, überhör aber auch wiederholte, gut begründete Klagen nicht. Kommt der Ruf zum dritten Mal und hast Du ihn wohl überlegt, dann geh darauf ein.
Wenn Wechsel nötig ist, dann gibt es zwei Fehler, die man vermeiden muß. Der eine ist zu rasches und rücksichtsloses Vorgehen, das mit Unheil verbunden ist. Der andere ist überkonservatives Zögern, das ebenfalls gefährlich ist. Man darf nicht auf jede Rede hören, die nach Änderung des Bestehenden ruft. Aber man darf wiederholte und wohlbegründete Beschwerden auch nicht überhören. Wenn dreimal das Wort vom Wechsel an einen kommt und man es wohl überlegt hat, dann mag man ihm Glauben schenken und darauf eingehen. Dann wird man Glauben finden und etwas erreichen.
Vergleiche dazu in Goethes Märchen das dreimalige: »Es ist an der Zeit«, ehe die große Umwälzung eintritt.
Die Reue schwindet. Man findet Glauben.Die Staatsordnung zu wechseln, bringt Heil.
Eine grundlegende Änderung hat hier Gewicht, weil sie aus innerer Wahrheit kommt und von Charakterstärke getragen wird. Prüf, ob Dein Vorhaben einer höheren Wahrheit entspricht und nicht aus willkürlichen oder kleinlichen Motiven kommt. Dann geht der Wechsel sehr gut aus, und was Du bereust, vergeht; die Menschen unterstützen auf Dauer nur, was sie als gerecht empfinden.
Grundstürzende Änderungen erfordern die nötige Autorität. Sowohl die innere Charakterstärke muß da sein als auch die einflußreiche Stellung. Es muß einer höheren Wahrheit entsprechen, was man tut, und darf nicht willkürlichen oder kleinlichen Motiven entspringen, dann bringt es großes Heil. Wenn keine solche innere Wahrheit einer Revolution zugrunde liegt, ist sie immer vom Übel und hat keinen Erfolg. Denn die Menschen unterstützen schließlich doch nur solche Unternehmungen, für deren innere Gerechtigkeit sie ein instinktives Gefühl haben.
Der große Mann ändert wie ein Tiger.Noch ehe er das Orakel fragt, findet er Glauben.
Das Bild ist ein Tigerfell mit klaren Streifen: eine Änderung mit großen, deutlichen Richtlinien, die jeder verstehen kann. Mach Dein Vorhaben so klar, dass andere es ohne lange Erklärung begreifen. Dann musst Du keine Bestätigung von außen einholen; die Zustimmung kommt von selbst.
Ein Tigerfell mit seinen deutlich sichtbaren schwarzen Streifen auf gelbem Grund ist weithin sichtbar deutlich gegliedert. So ist es bei Umwälzungen, die ein großer Mann zustande bringt: es werden große, klare Richtlinien sichtbar, die jedermann verstehen kann. So braucht er nicht erst das Orakel zu fragen, denn ganz von selbst fällt ihm das Volk zu.
Der Edle ändert wie ein Panther.Der Geringe mausert sich im Gesicht.Aufbruch bringt Unheil.In Beharrlichkeit weilen bringt Heil.
Nach der großen Änderung bleiben Einzelheiten zu ordnen, so wie die kleineren Flecken eines Pantherfells. Andere passen sich an, wenn auch nur oberflächlich; gib Dich mit dem zufrieden, was jetzt möglich ist. Wer zu weit gehen und zu viel erreichen will, für den geht es schlecht aus. Ruhige, gefestigte Verhältnisse zu sichern, geht gut aus.
Nachdem die großen grundsätzlichen Fragen entschieden sind, sind noch Umgestaltungen im einzelnen und genauere Durchführungen notwendig. Diese sind zu vergleichen mit den ebenfalls deutlichen, aber kleineren Flecken des Pantherfells. Auch bei den Geringen findet infolge davon eine Änderung statt. Sie mausern sich ebenfalls der neuen Ordnung entsprechend. Freilich ist diese Mauserung nicht tiefgehend, aber das läßt sich auch nicht erwarten. Man muß sich mit dem Möglichen zufrieden geben. Wollte man zu weit gehen und zu viel erreichen wollen, so würde das zur Beunruhigung und zum Unheil ausschlagen. Denn was durch eine große Umwälzung erstrebt werden soll, sind klare, gefestigte Zustände, die eine allgemeine Beruhigung bei dem zur Zeit Möglichen gewähren.
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Das I Ging befragenTexte von Richard Wilhelm: I Ging. Das Buch der Wandlungen (Erstausgabe Jena 1924), abgeschrieben aus der Ausgabe Diederichs, München 1996. Wilhelms Übersetzung ist gemeinfrei. Der Abschnitt „Was das Zeichen heute sagt“, die Frage an Dich und die kurzen Erklärungen unter den Linien sind unsere eigene Lesart. Das I Ging ersetzt keinen ärztlichen, rechtlichen oder psychologischen Rat.